Margot Käßmann : Wir Weltverbesserer

Freiheit heißt, sein Leben selber zu gestalten und die Gesellschaft zu verändern. Warum wir nicht zu allem Ja und Amen sagen dürfen. Zehn Ermutigungen

Der Gedanke der Freiheit war und ist für die Kirche der Reformation von zentraler Bedeutung. In seinem Traktat Von der Freiheit eines Christenmenschen hat Martin Luther das auf bis heute bemerkenswerte Weise ausgeführt. Solche Freiheit berührt zuallererst Glaubensfragen. Das zu denken war ein ungeheurer Durchbruch. Niemand kann mir sagen, was "richtiger" Glaube ist, sondern ich selbst muss lesen, denken, fragen – das macht es manches Mal anstrengend, gewiss. Aber aus ebendiesem eigenen Denken und Fragen entsteht die Freiheit des Gewissens, die sich dann als verantwortliche Freiheit äußert. Wenn ich selbst eine Position errungen, vielleicht gar erlitten habe, dann finde ich auch den Mut, daran festzuhalten.

Vorgefertigtes nicht schlucken und vorgegebene Formeln nicht nachbeten, darum geht es. Luthers Doppelsatz ist dafür besonders eindrücklich: "Der Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Die Freiheit eines Christenmenschen ist einerseits ganz ohne Voraussetzung, schlicht von Gott geschenkte Freiheit. Und doch ist sie nicht ohne Folgen. Niemandem untertan sein! Ganz gleich, was die Menschen sagen, egal, wo ich auf der Hierarchieleiter eingestuft werde – Gott sagt mir Lebenssinn zu. Der sterbende alte Mann ist nicht weniger wert als der millionenschwere Fußballprofi. Das schöne Model auf dem Laufsteg zählt nicht mehr als das schwerstbehinderte kleine Mädchen. Jeder Mensch hat eine eigene Würde, weil jeder Mensch einen Schimmer des Ebenbildes Gottes in sich trägt. Gott sagt mir Bedeutung zu, nicht die Erfolgskategorien dieser Welt. Das ist Luthers Erkenntnis. Und sie wirkt befreiend, auch heute!

Sinnsuche

Es gibt offenbar eine verbreitete Angst, das Leben könne keinen Sinn haben. Da gilt nicht länger der Satz, mit dem der Philosoph René Descartes die Aufklärung einleitete: "Ich denke, also bin ich." Sondern: "Ich bin im Fernsehen, also bin ich." Und dafür setzen sich Menschen sogar Demütigungen aus. Ruhm in der Mediengesellschaft ist ein zweischneidiges Schwert, eine hochambivalente Sache, der ein Mensch sich besser entziehen sollte. Denn Freiheit oder Lebenssinn findet er so ganz offensichtlich nicht.

Das hebräische Verb für "Gott lobsingen" heißt hallel. Davon leitet sich der Begriff "Halleluja" ab. Und das ist wohl die zentrale Aussage der Bibel: Es geht darum, Gott zu rühmen! Für jemanden, der mit dem Glauben wenig anfangen kann, ist das sicher schwer zu verstehen. Vielleicht lässt es sich so erklären: Wenn ich auf Gott schaue, werde ich selbst weniger wichtig. Es lenkt meinen Blick weg von der ständigen Konzentration auf mich selbst. Ich freue mich daran, dass Gott mir das Leben schenkt und mich auch durch das Sterben hindurchtragen kann. Das befreit vom ewigen Auf-mich-selbst-Bezogen-sein. Und es kann auch meinen Blick auf die Gesellschaft verändern. Ich blicke anders hin, habe die Bergpredigt im Sinn, die ganz andere Prioritäten setzt als Ruhm und Glamour.

Freier, als du denkst

Vor einigen Jahren wurde jemand telefonisch zu mir durchgestellt. Als ich mich gemeldet hatte, sagte er: "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich der Messias bin!"

Nach kurzem überraschten Schweigen sagte ich: "Oh, der ist aber meinem Glauben nach schon mit Jesus in die Welt gekommen!"

Er darauf: "Und wer bin ich dann?"

"Wie wäre es mit: ein Nachfolger Jesu?", schlug ich vor.

Der Mann war offenbar zufrieden und sagte: "Danke, das geht auch." Und dann legte er auf.

Jesus nachzufolgen scheint immer noch eine überzeugende Lebenshaltung zu sein...

Zu Geld sind diejenigen, die Jesus nachfolgten, nicht gekommen. In den Seligpreisungen steht auch nicht, dass Geld glücklich macht. Das aber ist heute das für die meisten Menschen erstrebenswerte Lebensziel: Geld verdienen und konsumieren können. Natürlich ist es wichtig, meine Familie, mich selbst ernähren und versorgen zu können. Problematisch wird es, wenn darin Sinn gesucht wird und die Vorstellung herrscht: Der Mensch ist, was er verdient. Eine zentrale Symbolfigur für eine solche Einstellung ist Josef Ackermann, der einmal sagte: "Als ich zur Deutschen Bank kam, hatte ich zwei Millionen Mark. Wenn ich heute ein vergleichbares Gehalt hätte, würde ich jeden Respekt verlieren. Man würde sagen: ›Der hat keinen Marktwert.‹" Da macht der Marktwert den Menschen, und wer nicht mithalten kann, wird nicht respektiert. Ein für mich gruseliges Weltbild!

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Theorie und Praxis

Jeder kennt also die Kalendersprüche mit "Allerweltsweisheiten", behaupten sie. Jeder kennt die zehn Gebote - und wer bitte handelt konsequent danach? Würden wir alle - sie und ich - nach diesen Ermutigungen leben, sähe die Welt ein Stückchen besser aus. Der Mensch ist schon eine besondere Spezies. So schlau, so gebildet, übt über jedermann Kritik, kann alle Philosophen auswendig zitieren - aber die Lebenswirklichkeit?

Ich bekenne mich zum Christentum,

und ich weiß, dass es im Alltag auf die vielen Kleinigkeiten ankommt - aber man muss nicht ständig Bücher über Moral, Zivilcourage und sonst was darüber schreiben. Es ist auch einfach, mit einer guten Apanage von mehr als 8000 Euro pro Monat den guten Menschen herauszukehren - es gibt nämlich verdammt viele Situationen im Alltag, die einen an seinen Glauben zweifeln lassen. Aber auch das muss nicht immer wieder in Talkshows wiederholt werden. Frau Käßmann profitiert immer noch von ihrem Rücktritt vom Amt, und gerade das macht sie für viele so unheimlich glaubwürdig als moralische Instanz - obwohl ihr dieser Rücktritt sicher nicht schwer gefallen ist. Nun hat sie Zeit zum Bücherschreiben.

Makler und andere Pfaffen

"Kirche ist wie ein Makler. Jemand, den eigentlich niemand braucht, (..)"

Will heißen, SIE brauchen Kirche nicht. Es ist schon sehr überheblich, zu behaupten 2.3 Millarden Menschen, die sich Christen nennen, brauchen keine Kirche.

"Vernunftbegabte Menschen brauchen weder die Kirche,(...)".
Aha - also sind demnach 2.3 Millarden Menschen unvernünftig.

"(...)noch Glauben aus einem alten, mehrfach falsch übersetzten Buch."
Wie es denn richtig übersetzt ist, wissen Sie also auch. Die Übersetzung hätte ich dann gern.

"Vielmehr entsteht gerade durch diese Makler viel Unheil auf dem Planeten, weil lustigerweise die Makler oft sehr unterschiedliche Meinungen über die unterschiedlichen Bücher haben."

Zum Einen bevölkern die Kirchen als "virtuelles Gebäude" auch nur Menschen und machen deshalb nicht mehr, oder weniger Unheil als alle die Nichtmakler in anderen prachtvollen Glas- und Elfenbeintürmen.
Zum anderen die Kirchen für das Unheil der Welt verantwortlich zu machen, zeugt nicht gerade von vernünftigem Denken.

Denn die meisten schlechten Nachrichten auf den Titelblättern - auch der ZEIT - werden nicht von "Maklern" geschrieben.
Für die "lustigen Makler" gibt es seit zweitausend Jahren auch nur das eine Buch.
Es zeugt jedenfalls von reichlich Unterhaltungswert - was man über kein anderes literarisches Werk sagen kann.

"Wird Zeit, dass wir den Beruf des Maklers abschaffen."

Erstens: Wer ist WIR?

Zweitens:Dann mal los... - damit die Welt endlich aufatmen kann.

Phantasielos

""Zum Frieden gehört der Mut, Konflikte gewaltfrei zu lösen – im persönlichen Umfeld wie in internationalen Konflikten. Waffen sind keine Lösung, sondern das Problem."

Haben also die Soldaten, die Ausschwitz befreit haben falsch gehandelt?"

Mit Konflikten meint Frau Käßmann bestimmt nicht den Holocaust.
Sie meint wohl eher solche wie das politische Geschacher der Nationen (der Eliten) um Ressourcen und das Führen von Kriegen um der jeweils eigenen Wirtschaft (der eigenen Elite) Vorteile zu verschaffen.

Natürlich kann man eine friedliche Welt wahr werden lassen.
Das klappt vielleicht nicht über Nacht und es werden noch viele Wunden heilen müssen, bis auch der letzte den Gedanken aufgibt seinen Mitmenschen, ob direkt oder indirekt, Schaden zuzufügen, aber dieses Ziel sollte eigentlich ein jeder vernünftige Mensch anstreben und sein Handeln entsprechend diesem Streben ausrichten.

Jeder Mensch hat die Freiheit das zu tun.