Der Gedanke der Freiheit war und ist für die Kirche der Reformation von zentraler Bedeutung. In seinem Traktat Von der Freiheit eines Christenmenschen hat Martin Luther das auf bis heute bemerkenswerte Weise ausgeführt. Solche Freiheit berührt zuallererst Glaubensfragen. Das zu denken war ein ungeheurer Durchbruch. Niemand kann mir sagen, was "richtiger" Glaube ist, sondern ich selbst muss lesen, denken, fragen – das macht es manches Mal anstrengend, gewiss. Aber aus ebendiesem eigenen Denken und Fragen entsteht die Freiheit des Gewissens, die sich dann als verantwortliche Freiheit äußert. Wenn ich selbst eine Position errungen, vielleicht gar erlitten habe, dann finde ich auch den Mut, daran festzuhalten.

Vorgefertigtes nicht schlucken und vorgegebene Formeln nicht nachbeten, darum geht es. Luthers Doppelsatz ist dafür besonders eindrücklich: "Der Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Die Freiheit eines Christenmenschen ist einerseits ganz ohne Voraussetzung, schlicht von Gott geschenkte Freiheit. Und doch ist sie nicht ohne Folgen. Niemandem untertan sein! Ganz gleich, was die Menschen sagen, egal, wo ich auf der Hierarchieleiter eingestuft werde – Gott sagt mir Lebenssinn zu. Der sterbende alte Mann ist nicht weniger wert als der millionenschwere Fußballprofi. Das schöne Model auf dem Laufsteg zählt nicht mehr als das schwerstbehinderte kleine Mädchen. Jeder Mensch hat eine eigene Würde, weil jeder Mensch einen Schimmer des Ebenbildes Gottes in sich trägt. Gott sagt mir Bedeutung zu, nicht die Erfolgskategorien dieser Welt. Das ist Luthers Erkenntnis. Und sie wirkt befreiend, auch heute!

Sinnsuche

Es gibt offenbar eine verbreitete Angst, das Leben könne keinen Sinn haben. Da gilt nicht länger der Satz, mit dem der Philosoph René Descartes die Aufklärung einleitete: "Ich denke, also bin ich." Sondern: "Ich bin im Fernsehen, also bin ich." Und dafür setzen sich Menschen sogar Demütigungen aus. Ruhm in der Mediengesellschaft ist ein zweischneidiges Schwert, eine hochambivalente Sache, der ein Mensch sich besser entziehen sollte. Denn Freiheit oder Lebenssinn findet er so ganz offensichtlich nicht.

Das hebräische Verb für "Gott lobsingen" heißt hallel. Davon leitet sich der Begriff "Halleluja" ab. Und das ist wohl die zentrale Aussage der Bibel: Es geht darum, Gott zu rühmen! Für jemanden, der mit dem Glauben wenig anfangen kann, ist das sicher schwer zu verstehen. Vielleicht lässt es sich so erklären: Wenn ich auf Gott schaue, werde ich selbst weniger wichtig. Es lenkt meinen Blick weg von der ständigen Konzentration auf mich selbst. Ich freue mich daran, dass Gott mir das Leben schenkt und mich auch durch das Sterben hindurchtragen kann. Das befreit vom ewigen Auf-mich-selbst-Bezogen-sein. Und es kann auch meinen Blick auf die Gesellschaft verändern. Ich blicke anders hin, habe die Bergpredigt im Sinn, die ganz andere Prioritäten setzt als Ruhm und Glamour.

Freier, als du denkst

Vor einigen Jahren wurde jemand telefonisch zu mir durchgestellt. Als ich mich gemeldet hatte, sagte er: "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich der Messias bin!"

Nach kurzem überraschten Schweigen sagte ich: "Oh, der ist aber meinem Glauben nach schon mit Jesus in die Welt gekommen!"

Er darauf: "Und wer bin ich dann?"

"Wie wäre es mit: ein Nachfolger Jesu?", schlug ich vor.

Der Mann war offenbar zufrieden und sagte: "Danke, das geht auch." Und dann legte er auf.

Jesus nachzufolgen scheint immer noch eine überzeugende Lebenshaltung zu sein...

Zu Geld sind diejenigen, die Jesus nachfolgten, nicht gekommen. In den Seligpreisungen steht auch nicht, dass Geld glücklich macht. Das aber ist heute das für die meisten Menschen erstrebenswerte Lebensziel: Geld verdienen und konsumieren können. Natürlich ist es wichtig, meine Familie, mich selbst ernähren und versorgen zu können. Problematisch wird es, wenn darin Sinn gesucht wird und die Vorstellung herrscht: Der Mensch ist, was er verdient. Eine zentrale Symbolfigur für eine solche Einstellung ist Josef Ackermann, der einmal sagte: "Als ich zur Deutschen Bank kam, hatte ich zwei Millionen Mark. Wenn ich heute ein vergleichbares Gehalt hätte, würde ich jeden Respekt verlieren. Man würde sagen: ›Der hat keinen Marktwert.‹" Da macht der Marktwert den Menschen, und wer nicht mithalten kann, wird nicht respektiert. Ein für mich gruseliges Weltbild!