Aníbal Pérez war nicht zu Hause, als die Bewaffneten kamen, am helllichten Tag. Seine Familie erzählte ihm später davon. "Drei Männer fuhren auf zwei Motorrädern vor und drangen in mein Haus ein", berichtet er. "Sie hatten Pistolen und bedrohten meinen 13-jährigen Sohn und meine Frau. Ich solle aufhören, mich mit den Multis anzulegen, sagten sie, und dass ich zu viel rede."

Pérez ist 38, ein kräftiger, entschlossen wirkender Mann. Die schwarzen Haare hat er im Nacken zusammengebunden, um den Hals trägt er ein goldenes Kreuz. In der Hafenstadt Santa Marta im Norden Kolumbiens kämpft er gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Drummond, einen Bergbaukonzern aus Birmingham im US-Bundesstaat Alabama: für sich und im Namen seiner kranken Kollegen, die sich unter dem Dach der örtlichen Kohlegewerkschaft zusammengeschlossen haben.

Er hat mächtige Gegner. Den jüngsten Drohbrief, den Pérez per Mail erhielt, zierte die Abbildung zweier gekreuzter Gewehre. Das Schreiben erklärte ihn zum "militärischen Ziel", ebenso wie "jeden, der unsere Einkommensquelle bedroht". Paramilitärs könnten die Absender gewesen sein. Sie hatten schon vorher Drohbriefe an die Kohlegewerkschaft von Santa Marta geschickt.

Drummond lässt eine Anfrage zu dem Fall unbeantwortet. Für den Konzern geht es um viel Geld – und um einiges andere mehr. Drummond ist einer der großen Steinkohleförderer in Kolumbien, einem Schwellenland, das nach langem Bürgerkrieg noch nicht befriedet ist. In der Hoffnung auf Wohlstand treibt die Regierung den Bergbau voran. Nicht alle Kolumbianer finden das gut. Gewerkschafter fordern einen größeren Teil der Erträge für die Beschäftigten, Umweltschützer beklagen die ökologischen Schäden, Kapitalismuskritiker warnen vor einem Ausverkauf des Landes. Und Menschenrechtler sagen, der Streit um Ressourcen werde mit tödlicher Gewalt geführt.

An Kolumbiens Bodenschatz ist auch Deutschland interessiert. Ein Fünftel des deutschen Stroms wird mit Steinkohle erzeugt, drei Viertel des in deutschen Kohlemeilern verfeuerten Brennstoffs werden importiert. Wenn die Subventionen für deutsche Steinkohle im Jahr 2018 auslaufen, könnten es 100 Prozent sein. Kolumbien ist, nach den USA und Russland, der drittwichtigste Lieferant. Kohle aus Kolumbien bedeutet für Deutschland mehr Energiesicherheit.

Doch Versorger in Deutschland wie E.on, RWE, EnBW, Vattenfall und Steag sprechen nicht gerne über die kolumbianische Kohle – obwohl sie viel davon kaufen. Wer in Kolumbien auf Spurensuche geht, der bekommt eine Ahnung davon, warum das Thema für die Konzerne so heikel ist. Die Kohle sei "blutbefleckt", sagen Menschenrechtsorganisationen. Für sie würden Menschen bedroht, von ihrem Land vertrieben und ermordet.

Bergbau - El Cerrejón in 3D-Satellitenbildern

Santa Marta. Die Stadt am karibischen Meer ist berühmt für ihre Strände. Es heißt, der Sand dort sei noch weißer gewesen, bevor die Kohle kam. Ob das stimmt, ist schwer zu sagen. Wahr ist aber, dass Anfang Januar im Hafen ein schwerer Unfall passierte. Drummond kippte Hunderte Tonnen Kohle ins Meer, um ein Transportboot vor dem Untergang zu bewahren – und verschwieg dann, was geschehen war. Nachdem Blogger den Skandal öffentlich gemacht hatten, stoppte das Umweltministerium den Verladebetrieb des Konzerns. Fast einen Monat lang war Drummond komplett blockiert.

Vom Strand aus sind die Überseefrachter zu sehen, die in den tiefen Gewässern vor der Stadt auf die Kohle warten. Der Hafen ist für die großen Pötte zu seicht. Deshalb bringen Barkassen die Ladung hinaus – zumindest so lange noch, bis die neuen Häfen fertig sind, die Drummond und Konkurrent Prodeco, eine Tochter des Schweizer Glencore-Konzerns, gerade errichten. Von 2014 an müssen sie ihre Kohle automatisch verladen. Das soll die Umweltschäden durch den Kohlestaub minimieren. Für Prodeco ist der Neubau eine der größten Investitionen der vergangenen Jahre, ein Projekt, das die Kapazität des Hafens stark erweitert und die Verladung der Kohle beschleunigt.

Bis er während der Arbeit von der Mole stürzte und sich den Knöchel brach, gehörte Aníbal Pérez zu den Männern, die für Drummond Kohle auf die Barkassen luden. Nach dem Unfall habe das Unternehmen ihn gefeuert. "Man sagte mir, ich brächte nicht mehr genügend Leistung", erinnert er sich. Das war vor sechs Jahren. Seither streitet Pérez vor Gericht um seinen Job. Sein Körper sei der beste Beweis dafür, dass man ihn als Kranken nicht hätte entlassen dürfen, sagt er: der schlecht operierte Knöchelbruch, die von der schweren Arbeit kaputte Wirbelsäule, die steife Schulter, das Magengeschwür, das mit den Existenzsorgen kam. "Ich habe diesem Unternehmen einen Teil meines Lebens geschenkt", sagt Pérez. "Aber Drummond hat mir meine Existenz geraubt."