Die Gefühlslage in Europa kommt ziemlich unverblümt in den Merkel-Karikaturen zum Ausdruck. Offiziell mit Abscheu kommentiert, erfreuen sie sich in der Meinungskultur außerhalb der Bundesrepublik großer Beliebtheit: die deutsche Kanzlerin unter einer Pickelhaube oder mit Hitlerbärtchen oder, wie jüngst auf dem Cover eines polnischen Magazins, sogar in KZ-Häftlingskluft. Wer Merkel einen Bart anmalt, weiß genau, dass es ungerecht und unverhältnismäßig ist. Er sagt: So sehr bedrückt uns die Politik jener Frau, dass wir die Kräfte der Übertreibung, ja den schlechten Geschmack mobilisieren müssen, um uns überhaupt noch bemerkbar zu machen.

Diese Verzweiflung der anderen vor Augen, trösten sich die Deutschen damit, dass Resteuropa ja bisher zu unterscheiden wusste zwischen der Politik einer Bundesregierung und dem friedlichen postklassischen Nationalstaat mit seiner hippen Hauptstadt. Anfeindungen von Deutschen im Ausland sind bisher jedenfalls die Ausnahme. Gleichwohl verändert sich das Klima.

Zunächst sind es nur Steinchen, aber irgendwann werden sie ein Mosaik bilden: Im politisch sorgsam kontrollierten und geistig erlahmten französisch-deutschen Verhältnis ereignen sich, ausgerechnet durch das gemeinsame Kunstausstellungsprojekt De l’Allemagne ausgelöst, Missverständnisse, die auch der Politik aufstoßen; ein griechisch-deutscher Journalistenworkshop wird abgesagt mit Hinweis auf die Stimmungslage in Griechenland; der historische Charakter der Deutschen gerät neu in den Blick, Einzelne nehmen auch schon wieder auf die Goldhagen-Debatte Bezug und erneuern die These von der kollektiven Mittäterschaft der Deutschen beim Holocaust.

Rechts des Rheines keilen sie zurück: Der Spiegel will in seiner aktuellen Nummer nachweisen, dass die Leute im Süden in Wirklichkeit viel reicher sind als die Deutschen; mit der "Alternative für Deutschland" hat sich die erste Anti-Euro- und Antieuropa-Partei konstituiert – und verzeichnet Zulauf. Jenseits ihrer skurrilen Europaphobie sorgen sich die Briten ernsthaft darüber, wer noch stark genug wäre, auf dem Kontinent das politische Gleichgewicht zu kontrollieren. Cameron und Hollande sind es jedenfalls nicht. Kann ja sein, dass Merkel auch vieles richtig macht, aber wer gebietet dem Riesen überhaupt noch Einhalt?

Furcht, echte oder gespielte, ob in Boulevardblättern oder Subkulturen artikuliert, ist keine Freundin von Differenzierungen. Wer in Abwehrhaltung steht, muss es nicht genau nehmen. Und tatsächlich verschwinden allzu feine Unterschiede, wenn der neue Blick der Europäer auf Deutschland vor allem dessen Sonderwegstradition erfasst, wenn er Schlagworte und Denkmuster der Vorkriegszeit mobilisiert, ähnlich wie 1990 auf dem legendären Symposium der britischen Premierministerin Thatcher, einer Sternstunde des antideutschen Ressentiments, wenn er nach historischen Schicksalsverstrickungen fahndet und nach Indizien sucht, dass Deutschland kein legitimer Teil Europas ist, weder eines aufgeklärten noch eines lateinisch-christlichen Europas. In einem solchen Fall wäre die Euro-Politik der Bundesregierung ein Ausdruck des Nationalcharakters, einer fremden und gefährlichen Deutschheit, die es aus unergründlichen barbarischen Gründen stets auf die Herrschaft über andere anlegt, diesmal aus wirtschaftlichen Gründen.

Ängste vor einem allzu mächtigen Deutschland brachen auch nach der Wiedervereinigung auf, doch war der Kontext ein anderer. Die Kräfteverschiebung ereignete sich im Lichte des Sieges von Freiheit und Demokratie. Vor allem konnte ein deutscher Kanzler die Frage beantworten, welche Rolle das vereinigte Land in Europa spielen werde. Kohl galt im Ausland als verlässlicher Europäer. Diese Autorität verkörpert Angela Merkel nicht. Der Unwille, ihre Euro-Politik zu erklären, ihre eklatante Diskursunfähigkeit – oft genug als Zeichen eines kühlen Pragmatismus und einer besonderen Dickfelligkeit gegenüber Krisen missdeutet – rächen sich jetzt. Sie wird politisch, weil darin eine generelle Schwäche zum Ausdruck kommt, nicht nur eine Schwäche der politischen Kommunikation, sondern eine kulturelle. Es ist ein fortschreitender Mangel an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft, weniger im eigenen Land als von den Opfern der Rettungsschirme wahrgenommen. Die Durchsetzung des deutschen Weges erfahren die Betroffenen als illegitime Machtentfaltung.

Aus der Sicht eines südeuropäischen Landes, das gerade um den Preis einer wirtschaftlichen Depression Hilfsmittel erhält, ist es mit der Rationalität der deutschen Position nicht weit her: Der deutsche Finanzminister würgt schon mal eine kleine Volkswirtschaft, weil er die Steuern der eigenen Bürger effizienter eintreiben will. Die politischen Auflagen für Kredite sind nicht nur uneigennütziger Natur, sondern dienen, Beispiel Irland, der Einebnung eines Zinsgefälles, das die deutsche Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Wohl und Wehe der Partner sind an Vorstellungen von Verfassung und Rechtsstaat gekoppelt, die sehr deutsch sind und andere demokratische Traditionen ignorieren.