Hochschulreform : Ach, Bologna!

Die Reform funktioniert so nicht, beklagen Professoren. Welchen Anteil haben sie selbst daran?

Wer in einer Plauderrunde mit Professoren schlechte Stimmung verbreiten will, muss nur "Bologna" sagen. Und sofort überschlagen sich die Gelehrten mit Klagen über verschulte Studiengänge, überbordende Prüfungen und unzureichende Abschlüsse. Die europäische Studienreform, mit der 1999 im italienischen Bologna unter anderem eine Zweiteilung des Studiums in Bachelor- und Masterphase beschlossen wurde, ist auch mehr als zehn Jahre nach ihrer Einführung immer noch ein Aufreger. Doch dahinter steckt offenbar weniger eine grundsätzliche Kritik an den Zielen der Reform als vielmehr eine große Unzufriedenheit mit der Umsetzung an den Hochschulen.

Das zeigt eine neue, der ZEIT vorliegende Studie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Für die Untersuchung zu Wandel von Lehre und Studium an deutschen Hochschulen, kurz Lessi genannt, hat das Internationale Zentrum für Hochschulforschung an der Universität Kassel erstmals Lehrende befragt, wie zufrieden sie mit der Bologna-Reform sind und wie sich dadurch ihre Arbeitsbedingungen verändert haben. 8.200 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter haben geantwortet, jeder fünfte wissenschaftliche Angestellte an einer deutschen Hochschule. Was sie sagen, ist teilweise recht überraschend.

Bislang konnte man aus den öffentlichen Äußerungen einzelner Professoren schließen, dass ihr Berufsstand die europäische Hochschulreform rundweg ablehnt und in manchen Fällen sogar sabotiert. Nun belegt die Befragung: Die Mehrheit der Lehrenden steht hinter den Zielen der Reform. Sie halten es für richtig, die Lehre zu verbessern und die internationale Mobilität zu erhöhen – kritisieren aber zugleich, dass diese Ziele nicht erfüllt worden seien. Ebenso wenig sei es gelungen, das Studium praxisrelevanter zu gestalten.

So sagen die meisten Dozenten, sie wollen ihre Lehrveranstaltungen verbessern, finden aber zugleich, dass die Qualität des Studiums sinke. Viele Studiengänge seien zu verschult, Studenten hätten zu wenige Möglichkeiten, Kurse frei zu wählen oder sich zu spezialisieren. Diese Argumente werden auch seit Jahren von Studierenden gegen die Reform genannt. Die Lehrenden sehen sich zudem in ihrer Freiheit eingeschränkt. Uni-Professoren lehnen überdies eine stärkere berufliche Orientierung der Studieninhalte ab.

Mehrheit hält den Bachelor nicht für vollwertigen Abschluss

Eine Mehrheit der Lehrenden an Unis sieht den Bachelor ohnehin nicht als vollwertigen Abschluss an. Nur 15 Prozent von ihnen sind zufrieden mit der Einführung der Bachelor- und Masterstruktur. 56 Prozent der Befragten sagen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen dadurch verschlechtert hätten, bei Universitätsprofessoren sind es sogar 75 Prozent. 82 Prozent sehen einen bürokratischen Mehraufwand durch mehr Betreuung und mehr Prüfungen. Die Arbeitszeit hat sich erhöht, bei Universitätsprofessoren von 18,5 auf 21,3 Stunden Lehre während des Semesters, beim wissenschaftlichen Mittelbau von 10,1 auf 14,2 Stunden. Es wird insgesamt mehr Zeit für Lehre und weniger für Forschung aufgewendet als vor fünf Jahren, als es die letzte große Befragung zur Arbeitszeit von Wissenschaftlern gab.

Das zeigt: "Bologna hat den Stellenwert der Lehre gestärkt, das ist ein großer Erfolg", sagt Holger Burckhart, Rektor der Universität Siegen und Vizepräsident der HRK für Studium und Lehre. "Aber der starke Zuwachs an Studierenden setzt die Lehre auch enorm unter Druck." Immer mehr Studenten müssen betreut werden, die Seminare sind überfüllt, es bleibt weniger Zeit für Gespräche und Unterstützung. Was sich auch daran zeigt, dass die Zahl der Studienabbrecher steigt.

Das ist ein deutliches Signal an die Politik, aber auch an Hochschulleitungen, die Lehrenden stärker zu entlasten und zu unterstützen – wenn die Studienreform gelingen soll.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Dipl.-Ing. als Markenzeichen

Die Statistiken zeigen welche Wertschöpfung in Deutschland der Maschinen- und Anlagenbau hat. Mehr noch , als die Fahrzeuge haben Maschinen den beispiellosen Weltruf Deutschlands begründet. Das alles ist in die Hochschulen und auch in die bisher Gott sei Dank "unreformierte" Berufsausbildung eingegangen! Mir als altem Dipl.-Ing. Ist unbegreiflich, was da auf dem Altar der europäischen Einigung geopfert wurde! Mir tun die jungen Leute leid!