HochschulreformAch, Bologna!

Die Reform funktioniert so nicht, beklagen Professoren. Welchen Anteil haben sie selbst daran? von Marion Schmidt

Wer in einer Plauderrunde mit Professoren schlechte Stimmung verbreiten will, muss nur "Bologna" sagen. Und sofort überschlagen sich die Gelehrten mit Klagen über verschulte Studiengänge, überbordende Prüfungen und unzureichende Abschlüsse. Die europäische Studienreform, mit der 1999 im italienischen Bologna unter anderem eine Zweiteilung des Studiums in Bachelor- und Masterphase beschlossen wurde, ist auch mehr als zehn Jahre nach ihrer Einführung immer noch ein Aufreger. Doch dahinter steckt offenbar weniger eine grundsätzliche Kritik an den Zielen der Reform als vielmehr eine große Unzufriedenheit mit der Umsetzung an den Hochschulen.

Das zeigt eine neue, der ZEIT vorliegende Studie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Für die Untersuchung zu Wandel von Lehre und Studium an deutschen Hochschulen, kurz Lessi genannt, hat das Internationale Zentrum für Hochschulforschung an der Universität Kassel erstmals Lehrende befragt, wie zufrieden sie mit der Bologna-Reform sind und wie sich dadurch ihre Arbeitsbedingungen verändert haben. 8.200 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter haben geantwortet, jeder fünfte wissenschaftliche Angestellte an einer deutschen Hochschule. Was sie sagen, ist teilweise recht überraschend.

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Bislang konnte man aus den öffentlichen Äußerungen einzelner Professoren schließen, dass ihr Berufsstand die europäische Hochschulreform rundweg ablehnt und in manchen Fällen sogar sabotiert. Nun belegt die Befragung: Die Mehrheit der Lehrenden steht hinter den Zielen der Reform. Sie halten es für richtig, die Lehre zu verbessern und die internationale Mobilität zu erhöhen – kritisieren aber zugleich, dass diese Ziele nicht erfüllt worden seien. Ebenso wenig sei es gelungen, das Studium praxisrelevanter zu gestalten.

So sagen die meisten Dozenten, sie wollen ihre Lehrveranstaltungen verbessern, finden aber zugleich, dass die Qualität des Studiums sinke. Viele Studiengänge seien zu verschult, Studenten hätten zu wenige Möglichkeiten, Kurse frei zu wählen oder sich zu spezialisieren. Diese Argumente werden auch seit Jahren von Studierenden gegen die Reform genannt. Die Lehrenden sehen sich zudem in ihrer Freiheit eingeschränkt. Uni-Professoren lehnen überdies eine stärkere berufliche Orientierung der Studieninhalte ab.

Mehrheit hält den Bachelor nicht für vollwertigen Abschluss

Eine Mehrheit der Lehrenden an Unis sieht den Bachelor ohnehin nicht als vollwertigen Abschluss an. Nur 15 Prozent von ihnen sind zufrieden mit der Einführung der Bachelor- und Masterstruktur. 56 Prozent der Befragten sagen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen dadurch verschlechtert hätten, bei Universitätsprofessoren sind es sogar 75 Prozent. 82 Prozent sehen einen bürokratischen Mehraufwand durch mehr Betreuung und mehr Prüfungen. Die Arbeitszeit hat sich erhöht, bei Universitätsprofessoren von 18,5 auf 21,3 Stunden Lehre während des Semesters, beim wissenschaftlichen Mittelbau von 10,1 auf 14,2 Stunden. Es wird insgesamt mehr Zeit für Lehre und weniger für Forschung aufgewendet als vor fünf Jahren, als es die letzte große Befragung zur Arbeitszeit von Wissenschaftlern gab.

Das zeigt: "Bologna hat den Stellenwert der Lehre gestärkt, das ist ein großer Erfolg", sagt Holger Burckhart, Rektor der Universität Siegen und Vizepräsident der HRK für Studium und Lehre. "Aber der starke Zuwachs an Studierenden setzt die Lehre auch enorm unter Druck." Immer mehr Studenten müssen betreut werden, die Seminare sind überfüllt, es bleibt weniger Zeit für Gespräche und Unterstützung. Was sich auch daran zeigt, dass die Zahl der Studienabbrecher steigt.

Das ist ein deutliches Signal an die Politik, aber auch an Hochschulleitungen, die Lehrenden stärker zu entlasten und zu unterstützen – wenn die Studienreform gelingen soll.

Leserkommentare
    • Rigel1
    • 28. April 2013 9:55 Uhr

    Professoren lassen drei Viertel aller Lehrveranstaltungen von wissenschaftlichen Mitarbeitern geben, sagt der Artikel und kritisiert das - gleichzeitig wird festgestellt, dass Universitätsprofessoren im Durchschnitt 21,3 Stunden ihrer Arbeitszeit während des Semesters mit Lehre verbringen. Wo soll da noch Spielraum nach oben sein, wenn man bedenkt, dass auch noch Zeit für Forschung und akademische Selbstverwaltung benötigt wird?

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    Die Kritik an der Stelle ist sowieso Quatsch, es gibt für Grundlagenvorlesungen keinen Grund, warum dass ein vom Prof. betreuter (!) Mitarbeiter nicht genauso gut kann. Nach meiner Erfahrung war es sogar immer besser.
    Wie man es verbessern kann? Mehr Mittelbau, das liefert mehr Möglichkeiten Studenten an die Forschung anzugliedern, dann kann man auch ausgewählte Vorlesungen und Pflichtseminare etc. streichen. Dass nicht nur ich persönlich im Studium gerne mehr Selbstverwaltung bei guter Betreuung hätte, geht ja aus dem Artikel hervor. Ich lese sogar heraus, dass das eigentlich alle wollen.

    • anin
    • 28. April 2013 10:11 Uhr

    Wie kann jemand erwarten, dass man in einem 3 jährigen Studium eine solide theoretische Grundlagenausbildung mit mehr Praxisbezug und mehr internationaler Mobilität erreichen kann? Bezogen auf die Ingenieurstudiengänge kann ich nicht erkennen, dass sich vom Diplom zu Bologna irgendetwas verbessert hätte.

    Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Vorausbildung in den Schulen keine "Arbeitsteilung" erkennen lässt. Da wurde nichts abgestimmt, in den Schulen kam das Thema höchstens bei den Abituriententreffen in den Weihnachtsferien auf den Tisch. Was will man auch erwarten, wenn 16 Kultusminister und 16 Wissenschaftsminister höchstens einmal im Jahr auf der KMK mit einander reden, ansonsten aber eitel ihre Kompetenzen verteidigen.

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    • Erkos
    • 28. April 2013 10:31 Uhr

    eine oft beobachtete Wahrheit: Allzuviel wird über einen Kamm geschoren! Die Intention der Bologna-Reform war in manchem durchaus ehrenwert, nur nicht für alle Studiengänge existierte diese Notwendigkeit. Die besten Beispiele sind das Medizinstudium und Jura. Vor "Bologna" gab es in D eine exzellente Ingenieursausbildung. Der Titel "Dipl.-Ing." war weltweit bekannt und geschätzt. Es kann mir niemanderklären, weshalb das nun partout geändert werden mußte! Anders war die Situation bei Geisteswissenschaften. "Bologna" nun war dazu da, alles in ein System zu pressen. Was nicht paßt, wird passend gemacht!
    Ich bilde Medizinstudenten aus und bin (bisher) glücklich, dass uns "Bologna" erspart geblieben ist. Allerdings habe ich bei der grassierenden "Reformeritis" so meine Zweifel, ob das so bleiben wird. Dann allerding wünsche ich den Reformern, dass sie in Zukunft, wenn sie zu einem Arzt gehen, einem Bachalaureus-Mediziner gegenüber stehen werden. Na dann viel Spass bei Diagnose und Therapie!

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    • Kauri
    • 28. April 2013 11:21 Uhr

    Die Statistiken zeigen welche Wertschöpfung in Deutschland der Maschinen- und Anlagenbau hat. Mehr noch , als die Fahrzeuge haben Maschinen den beispiellosen Weltruf Deutschlands begründet. Das alles ist in die Hochschulen und auch in die bisher Gott sei Dank "unreformierte" Berufsausbildung eingegangen! Mir als altem Dipl.-Ing. Ist unbegreiflich, was da auf dem Altar der europäischen Einigung geopfert wurde! Mir tun die jungen Leute leid!

    • Kauri
    • 28. April 2013 11:21 Uhr

    Die Statistiken zeigen welche Wertschöpfung in Deutschland der Maschinen- und Anlagenbau hat. Mehr noch , als die Fahrzeuge haben Maschinen den beispiellosen Weltruf Deutschlands begründet. Das alles ist in die Hochschulen und auch in die bisher Gott sei Dank "unreformierte" Berufsausbildung eingegangen! Mir als altem Dipl.-Ing. Ist unbegreiflich, was da auf dem Altar der europäischen Einigung geopfert wurde! Mir tun die jungen Leute leid!

    Wo wir gerade bei Medizin sind.
    Wenn ich mich recht entsinne, lernen die Studenten erst einmal jahrelang wo man denn bei welchen Begriffen das richtige Kreuz macht, bevor sie dann irgendwann mal nach sechs Jahren wirklich zum (Fach-)Arzt ausgebildet werden.
    Der Studienplan ist von Anfang an vorgegeben und das System lässt nicht wirklich zu, dass man sich mit einem Thema wissenschaftlich auseinander setzt. Allein schon ersichtlich an den "Dissertationen".

    Ich wäre also an Ihrer Stelle vorsichtig, über andere Studiengänge zu urteilen.

    • rpor_d
    • 28. April 2013 20:41 Uhr

    "Vor Bologn" gab es in D eine exzellente Ingenieursausbildung."

    Nicht wirklich. Mißstände und Fehlentwicklungen wurden nur kaschiert. International ist Deutschland im Ingenieurwesen von der theoretischen und technischen Qualtität der Ausbildung her auf dem Rückzug. Seit Jahrzehnten. Vor allem werden 80% der Ingenieure von FHs ausgebildet, d.h. klassische vierjährige Bachelors.

    "Der Titel "Dipl.-Ing." war weltweit bekannt und geschätzt."

    Das ist falsch. Kein Mensch im Ausland wußte, was Dipl.-Ing. sein sollte.
    Höchstens wenn im Ausland jemand mit deutschen Firmen arbeitete und das Personal miteinander ins Gespräch kam, hat Austausch überhaupt stattgefunden.

    "Ich bilde Medizinstudenten aus und bin (bisher) glücklich, dass uns "Bologna" erspart geblieben ist."

    Die deutsche Medizinerausbildung ist ebenfalls seit Jahrzehnten nicht mehr berühmt für ihre Qualität. Der Dr. med. wird nicht als Ph.D anerkannt, die Ausbildung ist praxisfremd, zu sehr mit Auswendiglernen beschäftigt usw.
    Da sind andere Länder weiter (Nordamerika, Skandinavien, teilweise Asien).

    • Repec
    • 28. April 2013 10:40 Uhr

    Der Stimmungswechsel unter wissenschaftlichen Mitarbeitern (üblicherweise Doktoranden) ist wenig überraschend, da er sich inzwischen aus Bologna-Studenten rekrutiert.

    Eine Leserempfehlung
    • a_er
    • 28. April 2013 11:01 Uhr

    Wir reden im Zusammenhang mit Bologna immer über vergleichbare Abschlüsse, Credits etc. Was dahinter aber an vermitteltem Wissen und Inhalten steht – darüber gibt es nicht einmal eine Diskussion.

    Lernen ist nun einmal mit Zeit verbunden – und dass eine Verkürzung des Studiums (die mit der Umstellung von Diplom- auf Bachelor-Studiengänge de facto stattgefunden hat) hier nicht hilfreich ist – ist einfach nur logisch.
    Studenten machen heute ihren Abschluss zu einem Zeitpunkt, an dem sie früher mit ersten eigenen Projekten ihr Wissen einem Realitätscheck unterziehen konnten. Daraus konnten sie dann auch eine persönliche Haltung zu ihrem Fach entwickeln.
    Jetzt stehen sie dabei schon im Beruf – mit den bekannten Folgen: nicht berufsfähig, die Halbwertszeit ihres Wissens ist geringer geworden, teilweise fehlen wirkliche Grundlagen.

    Im Grunde ist das Studium zu einer besseren Berufsausbildung verkommen. Dass hier in Deutschland (im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern) aufgrund des dualen Ausbildungssystems gar kein Handlungsbedarf war, wird gerne übersehen.

    6 Leserempfehlungen
    • Ron777
    • 28. April 2013 11:05 Uhr
    6. .....

    Bologna war immer mehr als eine Bildungsreform, die das Hochschulwesen zu verbessern versuchte. Vielmehr wurde der Versuch unternommen, den europäischen Superstaat auch auf Bildungsebene zu installieren. Denn wer die Bildung kontroliert, kontrolliert auch die Köpfe seiner Bevölkerung. Das Niveau muss dafür angepasst werden. Deutsche Forschung hat dabei Opfer zu bringen und muss sich der zypriotischen und malteser Spitzenforschung angleichen. Opfer müssen für das große Ziel ebracht werden, denn der deutsche Humanismus und auch der deutsche Ingenieur gefährden letzendlich die Gleichheit unserer Eurozone.

    2 Leserempfehlungen
    • Kauri
    • 28. April 2013 11:21 Uhr

    Die Statistiken zeigen welche Wertschöpfung in Deutschland der Maschinen- und Anlagenbau hat. Mehr noch , als die Fahrzeuge haben Maschinen den beispiellosen Weltruf Deutschlands begründet. Das alles ist in die Hochschulen und auch in die bisher Gott sei Dank "unreformierte" Berufsausbildung eingegangen! Mir als altem Dipl.-Ing. Ist unbegreiflich, was da auf dem Altar der europäischen Einigung geopfert wurde! Mir tun die jungen Leute leid!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Es bleibt leider...."
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    Das deutsche Ingenieurwesen hat einen Weltruf, aber nicht der Titel des Abschlusses, den keiner kennt. Master-Absolventen der Ingenieurwissenschaften sind mindestens genau so gefragt wie Diplom-Ingenieure. Es ist halt weiterhin Made in Germany und nicht Gemacht in Deutschland.

    Das Diplom, wie es zuletzt existierte, war auch nicht so alt. Früher gab's einfach nur "Ingenieure". Der Titel verschwand und nur der Dipl.-Ing. blieb, der bald um einen Titel mit "(FH)" einen Kollegen an seiner Seite hat. Große Reformen gab's am laufenden Band.

    Hat dem deutschen Ingenieurwesen bloß alles nicht geschadet. Insgesamt sind die technischen Studiengänge eh recht lehrintensiv gewesen, auch an Technischen Universitäten. Der Master ist dort meistens die Regelstudienzeit. Und ob man 3+2 oder 2+3 Semester hat, sollte kein Weltuntergang darstellt. Einfach informieren und dann nochmal "früher war alles besser" anstimmen.

    • Kauri
    • 28. April 2013 11:21 Uhr

    Die Statistiken zeigen welche Wertschöpfung in Deutschland der Maschinen- und Anlagenbau hat. Mehr noch , als die Fahrzeuge haben Maschinen den beispiellosen Weltruf Deutschlands begründet. Das alles ist in die Hochschulen und auch in die bisher Gott sei Dank "unreformierte" Berufsausbildung eingegangen! Mir als altem Dipl.-Ing. Ist unbegreiflich, was da auf dem Altar der europäischen Einigung geopfert wurde! Mir tun die jungen Leute leid!

    Antwort auf "Es bleibt leider...."

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