Sie treten ins Licht. Sie baden im Licht, in schwerem Blau, in weichem Gold. Und lösen sich auf, verschwinden darin, werden fortgetragen vom großen Leuchten. Nein, keine Außerirdischen, die gleißend ins All entschweben. Es sind Museumsbesucher auf der Suche nach dem, was sich nicht fassen, nicht riechen, nicht hören, nicht schmecken lässt, und das doch auf wunderbare Weise alles hervorbringt und alles erfüllt. Das Licht ist in die Kunst gefahren und hat sie verwandelt.

Nicht irgendein Licht, nicht das, was man so kennt, strahlend, glimmend oder funkelnd. Wenn das Licht zu Kunst wird, dann will es sich kräuseln, dann züngelt es, wabert, rieselt, formt feinste Gespinste. Und wer eine der vielen Lichtausstellungen besucht, die gerade zu sehen sind, dem streichelt es über die Haut, dem sticht es ins Auge, es drückt ihn, macht ihn blind oder kommt wie ein Gewitterregen in dichten Lichtschauern auf ihn nieder. Es ist eine Kunst ohne große Bedeutung, ohne Sinn, sie ist, was sie ist, immateriell und womöglich im nächsten Moment schon erloschen. Gerade das aber, das Leuchten des Augenblicks, zieht die Menschen an.

Lange Schlangen vor der Light Show der Hayward Gallery in London, dichtes Gedränge bei Dynamo im Pariser Grand Palais. Auch das benachbarte Palais de Tokyo steigert gerade seinen Stromverbrauch beträchtlich, mit einer Ausstellung des Lichtavantgardisten Julio Le Parc, ebenfalls bestens besucht. Und wenn Ende Mai die lang erwartete Retrospektive des großen James Turrell in Los Angeles eröffnet, dann wird es wie ein Rausch sein, ein Warte-, Drängel-, Lichtrausch.

Was treibt die Menschen? Was ist so verlockend an Glühbirnen und Neonröhren, an vernebelten Farbkammern, wie sie die Künstlerin Ann Veronica Janssens entwirft? Sie montiert simple Punktstrahler, lässt die Wände tiefseeblau streichen, und schon beginnt das magische Spiel: Im künstlichen Dampf scheinen die Lampen wie überweltlich entrückt, von einer Lichtaura umfangen – die Besucher stehen da und staunen. So viel Transzendenz in der Kunst, das war lange nicht mehr. Auch wenn man nicht weiß, was hier wohin transzendiert werden soll.

Es werde Licht; und es ward Licht. In der Moderne gab es, grob gesprochen, stets Mystiker und Rationalisten. Die einen zogen aus, das Geheimnis der Kunst zu wahren, mit viel Geraune und großer Beschwörung. Die anderen wollten es sachlich, sie interessierte das Konzept, und ihre Werke waren ganz von dieser Welt. Noch heute kann man die Kunst so unterteilen, in eine heiße und eine kalte Sphäre. Doch verschwimmen die Unterschiede, seitdem der Kunstmarkt vor bald zehn Jahren zu unerhörter Macht gelangte. Egal, ob Mystik oder Sachlichkeit, mit einem Mal scheint alles käuflich. Es profaniert sich, was zuvor als Besonderes galt. Die Kunst: ein Objekt, das sich beliebig handeln, zeigen, reproduzieren, von jedem besitzen lässt.

Nicht so die Kunst des Lichts. Obwohl die Galerien natürlich auch mit den Objekten von Turrell oder Olafur Eliasson ihre Geschäfte machen, sind es doch immer nur Lampen, Gaze oder Röhren, die den Besitzer wechseln. Das Eigentliche lässt sich nicht veräußern: Licht ist kein Objekt und taugt nicht zum Fetisch. Es gehört keinem und allen. Und also entzieht es sich dem Markt und seinen Gesetzen.

Auch viele Besucher der aktuellen Ausstellungen spüren diesen Entzug. Sie halten ihre Kameras ins bunte, flackernde Licht, sie wollen etwas davon erhaschen. Wollen ein Bild vom Bilderlosen mit nach Hause nehmen. Und merken rasch, dass es ihnen nicht gelingt: Manchmal ist diese Kunst zu dunkel, mal zu grell, zu sanft. Selbst per Video lässt sie sich nicht bannen, denn sie lebt aus der Stimmung, davon, wie das Licht den Raum erfüllt und in ihm widerstrahlt. Es ist eine Kunst der Präsenz. Gegenwärtig, wenn ihr Betrachter gegenwärtig ist.