Michel Houellebecq © Menahem Kahana/AFP

Muss man sich Sorgen um Michel Houellebecq machen? Der Titel seines neuen, in Frankreich in diesen Tagen erscheinenden Gedichtbandes heißt übersetzt "Konfiguration des letzten Ufers". Letztes Ufer klingt bedenklich. Auf den Fotos, die in Frankreich zum Erscheinen des Buches gemacht wurden, sieht Houellebecq nicht gut aus. Gespenstisch, ein riesiger Kopf auf einem Körper, dem man kaum zutraut, ihn noch zu halten.

Seit drei Jahren hat er kein Buch mehr veröffentlicht. Für den letzten Roman Karte und Gebiet hat er im Jahr 2010 den Prix Goncourt bekommen. Damals hat er noch in irgendeiner der europäischen Steuer- oder Sonnenoasen gelebt, in Spanien oder in Irland. Jetzt ist er trotz Hollandes Reichensteuer wieder nach Paris zurückgekommen. In der französischen Presse, der er großzügig Interviews gibt, sagt er dazu nur: "Es gibt mehr als Geld im Leben." Und Frankreich feiert den Gedichtband seines heimkehrenden Sohnes, als sei das Trunkene Schiff von Rimbaud noch einmal erschienen. Libération widmet ihm seine ersten sechs Seiten. Houellebecq, heißt es jetzt in Paris, sei der große französische Autor unserer Epoche.

Die Gedichte, die den Band eröffnen, sind sehr kurz, sechs, sieben Wörter pro Zeile. Er rauche zu viel, sagt Houellebecq, für längere Verse reiche sein Atem nicht mehr. Dafür sind sie gereimt. Einfache, kinderleichte Reime, die – ob gekreuzt oder gepaart, ist ihm, wie er sagt, wurscht – pur auf obscur und secondes auf monde stapeln. Im Radio liest er die Gedichte vom Tod, vom Verschwinden, von der Abwesenheit, die man "bewohnen" kann wie eine letzte Zuflucht, mit tonloser, halb ersterbender Stimme.

Auf den ersten Blick wirken die Verse einfach: Il faut quelques secondes / Pour effacer un monde (man braucht ein paar Sekunden, um eine Welt auszulöschen) oder Rien dans la vie n’est réparable, / Rien ne subsiste après la mort (nichts im Leben lässt sich reparieren, nichts überlebt den Tod). Das sind Sätze wie aus der Sonntagsschule. Aber eines der Geheimnisse von Houellebecq ist ja, dass er meistens ausgerechnet da, wo er besonders platt und besonders banal zu sein scheint, ziemlich kompliziert ist. Oder jedenfalls auf ziemlich komplizierte Weise platt und banal ist. Er werde sogar, sagt er, mit den Jahren immer komplizierter. Das sei eine der Unannehmlichkeiten des Alters, dass man immer schwieriger werde in allem und jedem, nicht nur in der Literatur, auch im Leben.

Das bestätigt sich beim zweiten Blick auf die neuen Gedichte. Im ersten Kapitel des Gedichtbandes, den er Graue Ebene genannt hat, bringt Houellebecq beinahe ausschließlich erstklassiges Mallarmésches Vokabular zum Einsatz – die Würfel, die Sterne, das Nichts, das Segel, der Schatten, die Nacht. Besonders die legendäre Verszeile Mallarmés Un coup de dés jamais n’abolira le hasard (niemals wird ein Würfelwurf den Zufall besiegen) geistert, in seine Einzelworte zerlegt, durch diese Gedichte. Es gefällt ihm, sagt Houellebecq, wenn die Worte in der Poesie wie beim großen Stéphane Mallarmé ein autonomes, ungebundenes Leben unter ihresgleichen führen und nicht wie alte Gäule vor den Karren des Dichters gespannt werden. Und es gefällt den Franzosen, dass sich Houellebecq, der von sich sagt, er sei "sehr 19. Jahrhundert", in der nationalen Lyriktradition so zu Hause fühlt, dass er bei Mallarmé, Baudelaire, Verlaine und Apollinaire lieber zu Gast ist als, sagen wir, in der iPad-Welt. Die interessiere ihn überhaupt nicht mehr, lässt er seine Leser wissen. Das iPad, das er sich einmal angeschafft hat, habe er wieder verkauft, so sehr habe es ihn gelangweilt.

Der Gedichtband brilliert aber nicht nur mit Alexandrinern und Mallarmé-Fundstücken. Es geht dabei auch wie stets bei diesem Autor, der sich als ein Nachfolger der großen französischen Tradition des Morbiden und des Ennui versteht, um die großen und letzten Dinge, um Liebe und Tod, um Sex und die Traurigkeit danach. Der Roman, erklärt Houellebecq, gehöre der Gegenwart und der Gesellschaft, die Lyrik gehöre sich nur selber und den ewigen menschlichen Angelegenheiten.