Das Licht in Tanger inspirierte Henri Matisse. © Abdelhak Senna/AFP/Getty Images

Jahrelang stand die Postkarte auf meinem Nachttisch. Morgens, wenn ich nach dem Wecker tastete, begann mein Tag mit ihr, abends war sie das Letzte, was ich sah, bevor ich das Licht ausknipste. Sie zeigt ein Gemälde, eine Aussicht aus einem Fenster über grüne Dächer, blaue Gärten, einen weißen Turm, ein Minarett und eine Burg unter wolkenlosem Himmel. Hauchdünne Pigmentschichten lassen die Textur der Leinwand erahnen, als schimmerte aus dem Inneren des Bildes ein verheißungsvolles Licht. Die Postkarte stammt aus der Trödelkiste eines Berliner Flohmarkts. Ihre Rückseite ist unbeschrieben. Neben dem Adressfeld steht gedruckt: "Fenster in Tanger, Gemälde von Henri Matisse, 1913".

Mehr als ein Jahr verbrachte Henri Matisse, einer der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne, in der nordmarokkanischen Stadt. Der Hauptvertreter des Fauvismus, der ersten großen künstlerischen Revolution des 20. Jahrhunderts, die statt des Gegenstands die Farbe in den Mittelpunkt der Gestaltung stellte, erfand in Tanger seine Malerei noch einmal neu. In den Gassen und Gärten an der Straße von Gibraltar schuf er einige seiner schönsten Gemälde. Nun jährt sich sein Aufenthalt in Tanger zum 100. Mal.

Bei meiner Ankunft hatte ich Plakate in den Straßen erwartet, Ausstellungen, Führungen und Besucher, die auf den Spuren des französischen Malers wandeln. Matisse-Schirmmützen, Matisse-T-Shirts, Matisse-Schlüsselanhänger. Eine Straße würde nach ihm benannt sein, eine Schule, ein Park. Sicher gäbe es eine Bronzestatue. Doch in der Touristeninformation am Boulevard Pasteur, der Hauptschlagader der Neustadt, sieht mich die Frau hinter dem Schreibtisch seltsam an; sie streicht ihre Bluse und das blondierte Haar zurecht und sagt: "Ich bin in Tanger geboren. Tanger ist meine Stadt. Henri Matisse? Nie gehört." "Aber... Matisse!", sage ich fassungslos und halte ihr meine Postkarte hin. Die Frau verschwindet im Büro ihres Vorgesetzten. Nach einer Weile kommt sie mit einer zerfledderten Broschüre zurück. "Matisse à Tanger", sagt sie und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. "Mehr haben wir nicht." Das Faltblatt ist mehr als zehn Jahre alt.

Draußen auf dem Boulevard Pasteur treibe ich in einem Strom aus Flaneuren vorbei an Boutiquen, Parfumläden und Cafés. Kids rasen vorbei, zu viert auf einem Moped. Schuhputzer warten auf Kundschaft. Geschäftsleute in Anzug und Krawatte vereinbaren am Handy ihre nächsten Termine. Wo immer ich nach Matisse frage, entlockt sein Name den sonst sehr hilfsbereiten Marokkanern nur ein ratloses Kopfschütteln.

Auf der Terrasse des Paresseux, der "Terrasse der Faulen", einer großzügig angelegten Aussichtsplattform am oberen Ende des Boulevards, finde ich endlich einen Tangerois, der von Matisse schon einmal gehört hat. Zwischen riesigen alten Kanonen blickt der bärtige Mann mit der Boxernase und dem Anker-Tattoo auf dem Unterarm hinaus ins hypnotische Blau des Mittelmeers. Vom Hafen weht der Wind den Geruch von Algen, Fisch und Schmieröl herauf. "Matisse!", sagt der Mann und nickt vielsagend; dann schickt er mich zum Tanger Inn. Dort wisse man bestens über den "Künstler" Bescheid. Doch die vergilbten Fotos an der Wand der Hafenspelunke zeigen nicht Henri Matisse, sondern William Burroughs, wie er mit seinen Beat-Kollegen Kerouac und Ginsberg Haschisch raucht und im Tanger Inn beschriebene Papierfetzen zerschneidet, um sie zur wahnhaften Lyrik seines Kultbuchs Naked Lunch zusammenzusetzen.

In den 1940er und 1950er Jahren galt Tanger als Welthauptstadt der Nonkonformisten. Tennessee Williams, Truman Capote und Paul Bowles kamen, um zu schreiben. Errol Flynn kam wegen der Mädchen, Gore Vidal wegen der Jungs. Homosexualität war legal innerhalb einer internationalen Zone, die von acht westlichen Mächten verwaltet wurde. Zimmer konnte man für eine halbe Stunde mieten. Und es gab das beste Dope der Welt. Die Exzentriker dieser Zeit machten die Stadt zu einem Mythos. Doch Henri Matisse hatte Tanger schon Jahrzehnte vor ihnen entdeckt.

Es ist ein deprimierter Matisse, der am 29. Januar 1912 im Hafen von Tanger von Bord der SS Ridjani geht. Sein Vater ist kürzlich verstorben. Ein russischer Sammler hat zwei seiner Gemälde abgelehnt. Und Picasso droht ihn von der Spitze der Avantgarde zu verdrängen. Matisse braucht Abstand von Paris. Sein Künstlerfreund Albert Marquet hat einige Wochen an der Straße von Gibraltar verbracht und ihm von der Stadt vorgeschwärmt. Matisse erhofft sich von Tanger eine Selbsterneuerung.