MarokkoKennen Sie Matisse?

In Tanger malte Henri Matisse einige seiner schönsten Bilder. Wer sich 100 Jahre später in der marokkanischen Stadt auf seine Spur begibt, erlebt eine Überraschung. von Michael Obert

Das Licht in Tanger inspirierte Henri Matisse.

Das Licht in Tanger inspirierte Henri Matisse.   |  © Abdelhak Senna/AFP/Getty Images

Jahrelang stand die Postkarte auf meinem Nachttisch. Morgens, wenn ich nach dem Wecker tastete, begann mein Tag mit ihr, abends war sie das Letzte, was ich sah, bevor ich das Licht ausknipste. Sie zeigt ein Gemälde, eine Aussicht aus einem Fenster über grüne Dächer, blaue Gärten, einen weißen Turm, ein Minarett und eine Burg unter wolkenlosem Himmel. Hauchdünne Pigmentschichten lassen die Textur der Leinwand erahnen, als schimmerte aus dem Inneren des Bildes ein verheißungsvolles Licht. Die Postkarte stammt aus der Trödelkiste eines Berliner Flohmarkts. Ihre Rückseite ist unbeschrieben. Neben dem Adressfeld steht gedruckt: "Fenster in Tanger, Gemälde von Henri Matisse, 1913".

Mehr als ein Jahr verbrachte Henri Matisse, einer der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne, in der nordmarokkanischen Stadt. Der Hauptvertreter des Fauvismus, der ersten großen künstlerischen Revolution des 20. Jahrhunderts, die statt des Gegenstands die Farbe in den Mittelpunkt der Gestaltung stellte, erfand in Tanger seine Malerei noch einmal neu. In den Gassen und Gärten an der Straße von Gibraltar schuf er einige seiner schönsten Gemälde. Nun jährt sich sein Aufenthalt in Tanger zum 100. Mal.

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Bei meiner Ankunft hatte ich Plakate in den Straßen erwartet, Ausstellungen, Führungen und Besucher, die auf den Spuren des französischen Malers wandeln. Matisse-Schirmmützen, Matisse-T-Shirts, Matisse-Schlüsselanhänger. Eine Straße würde nach ihm benannt sein, eine Schule, ein Park. Sicher gäbe es eine Bronzestatue. Doch in der Touristeninformation am Boulevard Pasteur, der Hauptschlagader der Neustadt, sieht mich die Frau hinter dem Schreibtisch seltsam an; sie streicht ihre Bluse und das blondierte Haar zurecht und sagt: "Ich bin in Tanger geboren. Tanger ist meine Stadt. Henri Matisse? Nie gehört." "Aber... Matisse!", sage ich fassungslos und halte ihr meine Postkarte hin. Die Frau verschwindet im Büro ihres Vorgesetzten. Nach einer Weile kommt sie mit einer zerfledderten Broschüre zurück. "Matisse à Tanger", sagt sie und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. "Mehr haben wir nicht." Das Faltblatt ist mehr als zehn Jahre alt.

Draußen auf dem Boulevard Pasteur treibe ich in einem Strom aus Flaneuren vorbei an Boutiquen, Parfumläden und Cafés. Kids rasen vorbei, zu viert auf einem Moped. Schuhputzer warten auf Kundschaft. Geschäftsleute in Anzug und Krawatte vereinbaren am Handy ihre nächsten Termine. Wo immer ich nach Matisse frage, entlockt sein Name den sonst sehr hilfsbereiten Marokkanern nur ein ratloses Kopfschütteln.

Auf der Terrasse des Paresseux, der "Terrasse der Faulen", einer großzügig angelegten Aussichtsplattform am oberen Ende des Boulevards, finde ich endlich einen Tangerois, der von Matisse schon einmal gehört hat. Zwischen riesigen alten Kanonen blickt der bärtige Mann mit der Boxernase und dem Anker-Tattoo auf dem Unterarm hinaus ins hypnotische Blau des Mittelmeers. Vom Hafen weht der Wind den Geruch von Algen, Fisch und Schmieröl herauf. "Matisse!", sagt der Mann und nickt vielsagend; dann schickt er mich zum Tanger Inn. Dort wisse man bestens über den "Künstler" Bescheid. Doch die vergilbten Fotos an der Wand der Hafenspelunke zeigen nicht Henri Matisse, sondern William Burroughs, wie er mit seinen Beat-Kollegen Kerouac und Ginsberg Haschisch raucht und im Tanger Inn beschriebene Papierfetzen zerschneidet, um sie zur wahnhaften Lyrik seines Kultbuchs Naked Lunch zusammenzusetzen.

In den 1940er und 1950er Jahren galt Tanger als Welthauptstadt der Nonkonformisten. Tennessee Williams, Truman Capote und Paul Bowles kamen, um zu schreiben. Errol Flynn kam wegen der Mädchen, Gore Vidal wegen der Jungs. Homosexualität war legal innerhalb einer internationalen Zone, die von acht westlichen Mächten verwaltet wurde. Zimmer konnte man für eine halbe Stunde mieten. Und es gab das beste Dope der Welt. Die Exzentriker dieser Zeit machten die Stadt zu einem Mythos. Doch Henri Matisse hatte Tanger schon Jahrzehnte vor ihnen entdeckt.

Es ist ein deprimierter Matisse, der am 29. Januar 1912 im Hafen von Tanger von Bord der SS Ridjani geht. Sein Vater ist kürzlich verstorben. Ein russischer Sammler hat zwei seiner Gemälde abgelehnt. Und Picasso droht ihn von der Spitze der Avantgarde zu verdrängen. Matisse braucht Abstand von Paris. Sein Künstlerfreund Albert Marquet hat einige Wochen an der Straße von Gibraltar verbracht und ihm von der Stadt vorgeschwärmt. Matisse erhofft sich von Tanger eine Selbsterneuerung.

Leserkommentare
  1. Hoffentlich bleibt die Medina von Tanger in ihrem jetzigen Zustand erhalten.

    Der Artikel macht auch Lust auf mehr. Lust auf eine Reise nach Medina zum Bleistift.

    Eine Leserempfehlung
  2. Toller Artikel! Wunderschön zu lesen und ich würde so gerne mal nachMarokko fahren...jetzt erst recht!

    Eine Leserempfehlung
  3. Ein sehr verklärendes Bild von Tanger. Als normaler Tourist erleben Sie die üblichen Belästigungen des nordafrikanischen Geschäftsgebahrens, es ist eigentlich unmöglich entspannt durch die Stadt zu streifen, wie vom Autor geschildert ausser man befindet sich am Stadtrand auf den Villenhügeln.
    Wer nicht gerade auf den Spuren von Matisse lustwandelt, mit einem hundert Jahre alten, kitschigem Orientbild im Kopf, der ergreift die Flucht so schnell er kann.

    • k00chy
    • 26. April 2013 17:55 Uhr

    @ 3

    Sicher, Tanger ist nicht für jeden etwas. Nicht für jeden, der hinter jeder Ecke Gefahr vermutet. Das nächste Mal dort, lassen Sie sich doch darauf ein. Seien Sie offen zu den Menschen dort und sie werden die "hustler" von unglaublich freundlichen und gesprächsbereiten Marokaner, Geschäftsleute eingeschlossen, unterscheiden können.

    Dann steht ihnen eine Märchenwelt offen, gerade vor den Toren Europas. Einfacher wird es nicht, eine andere Welt zu erkunden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 26. April 2013 22:00 Uhr

    Kunst ist nur für wenige.Es gibt in Deutschland Abiturienten die trotz jahrzente-
    langen Kunstunterrichts Matisse auch nicht kennen.
    und um Marokkaner kennen zu lernen braucht man nicht bis nach Marokko zu reisen.Märchenhaftes ?isch weises nisch.das klingt mir doch ein bisschen euphemistisch ;)

    • Mari o
    • 26. April 2013 22:00 Uhr

    Kunst ist nur für wenige.Es gibt in Deutschland Abiturienten die trotz jahrzente-
    langen Kunstunterrichts Matisse auch nicht kennen.
    und um Marokkaner kennen zu lernen braucht man nicht bis nach Marokko zu reisen.Märchenhaftes ?isch weises nisch.das klingt mir doch ein bisschen euphemistisch ;)

    Antwort auf "nicht für jeden"
  4. Tanger ist ungewöhnlich, so beschrieb es Truman Capote, der amerikanische Schriftsteller, der für eine gewisse Zeit in Tanger lebte so wie viele berühmter Künstler. Viele von Ihnen waren auf der Flucht- meist vor sich selbst und waren in Tanger-. kamen dort aber mit ihrer Seele nie an, so sagte es auch Mohammed Choukri, ein gebürtiger "Tangauis", einer der berühmtestes marokkanischen Schriftsteller überhaupt, sein Buch "das nackte Brot" wurde in unzähligen Sprachen, auch in Deutsch publiziert. Welcher Kunstkenner, welcher Deutscher kennt denn ihn? In einem Land zu sein, bietet die einmalige Gelegenheit sich mit ihren Menschen auseinanderzusetzen, ihre Freude, ihren Trauer zu beobachten und daran teilzuhaben, das haben die wenigsten der so häufig zitierten Künstler in den 20´er, 30ér und 40´er Jahren getan, Tanger ist mehr als nur ein Ort, wo man unerkannt bleiben kann und man sich mit sich selbst beschäftigen kann, Tanger ist ein Schmelzziegel, ein romantischer und brutaler Ort. Erzähle Tanger deine Träume und Wünsche und Tanger wird Dir seine erzählen, habe nur Geduld und lasse Dich nicht vom ersten meist unfreundlichen Eindruck zu sehr beeindrucken...

    Prof. Dr. Jalid Sehouli

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  • Schlagworte Henri Matisse | Marokko | Spanien | Tanger | Gibraltar | Berlin
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