CoworkingEinmal vollarbeiten, bitte!

An einer Berliner Tankstelle kann man jetzt Büroplätze mieten. Unser Autor Constantin Wißmann hat das ausprobiert. von 

Eines der Miet-Büros von Regus in Kooperation mit Shell

Eines der Miet-Büros von Regus in Kooperation mit Shell  |  © PR: Regus

Zur Tankstelle an der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg fahre ich mit der U-Bahn. Es riecht nach Benzin. Ich schlängle mich durch die parkenden Autos vor den Zapfsäulen und betrete den Laden. Der Mann mit den zurückgegelten Haaren und dem roten Shell-Polohemd hinter der Kasse denkt sich wohl schon, was ich gleich sagen werde: "Die Fünf, bitte" oder "Einmal rote Gauloises" – viel mehr als Variationen dieser Sätze bekommt er hier ja selten zu hören. Aber ich möchte etwas anderes. "Hier kann man auch arbeiten, mit WLAN und so?", frage ich. Ein Freund, der hier neulich getankt hat, hat mir davon erzählt. Der Mann hinter der Kasse guckt verdutzt, aber nur kurz. "Ach so, ja, da brauchen Sie so eine Karte", antwortet er. Ich kann wählen zwischen 5, 20, 30 oder 50 Euro Guthaben. Für fünf Euro darf ich bis 22 Uhr hier arbeiten. Drucken oder faxen kosten extra. Er schiebt die Karte über den Tresen. Blau ist sie, "Regus" steht drauf – das mir bis hierhin unbekannte Wort habe ich auch schon draußen zwischen den Zapfsäulen überall gesehen. "Und jetzt?" Er weist auf die Rückwand des Ladens. Die ist aus Glas, und dahinter ist ein ganzer Büroraum zu erahnen. "Sie müssen die Karte an den Bildschirm neben der Tür halten. Und sonst habe ich damit nichts zu tun." Er wirkt erleichtert.

Ein Büro in der Tankstelle?

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Die Firma Regus treibt hier, wo andere tanken, die Revolution der Arbeitswelt voran. Das britische Unternehmen vermietet seit Jahren in Metropolen flexible Büroarbeitsplätze, Konferenzräume oder virtuelle Büros. Das Tankstellenbüro ist ein Pilotprojekt, das in Berlin vor ein paar Wochen angelaufen ist. Alle 70 Shell-Tankstellen der Hauptstadt sollen bald ein solches Büro oder zumindest ein Terminal mit Internetanschluss und Drucker erhalten. Michael Barth, Geschäftsführer von Regus Deutschland, will so jeden ansprechen, der mobil ist und daher entsprechendes Equipment benötigt. "Angefangen beim selbstständigen Handwerker, der schnell noch eine Rechnung versenden möchte, bis hin zum Geschäftsführer, der einen ruhigen Platz braucht, um sich in eine Telefonkonferenz einzuwählen", sagt Barth. Da würden sich Tankstellen als flexible und leicht zu erreichende Lösung anbieten. Wie gut das angenommen wird, kann er nach der kurzen Zeit noch nicht sagen. In Paris gebe es ein ähnliches Modell, das funktioniere. "Und in Berlin kommen täglich neue Besucher und testen unser Konzept."

Als einer dieser Tester gehe also ich an mit Chipstüten und Öldosen vollgestopften Regalen vorbei auf das Büro zu und halte die Karte an den Bildschirm. Die Tür öffnet sich nicht. Erst muss ich E-Mail-Adresse und Telefonnummer auf einem Touchscreen eingeben. Das Schloss schnappt auf. In dem etwa 20 Quadratmeter großen Raum, der "business-lounge", wie es an der braun vertäfelten Wand steht, riecht es nach Reinigungsmittel. Die Designer haben sich wirklich Mühe gegeben, die Illusion eines mehr oder weniger modernen Büros zu vermitteln. Zur Verfügung hatten sie dafür anscheinend vor allem Plastik und ein wenig Holz. Auf einem Flachbildfernseher läuft in Endlosschleife die Tagesschau, davor stehen zwei graue Sessel, von der Decke hängen vier schwarze Lampen. Es gibt eine Bar mit vier mintgrünen Hockern und einem eingeschalteten Rechner. Sogar die Topfpflanze wurde nicht vergessen.

Gerade in Berlin hat man sich schon daran gewöhnt, dass Arbeit nicht unbedingt mehr so aussieht, wie man es jahrzehntelang kannte. Zumindest in den angesagten Vierteln gehören die silbernen und weißen Apple-Laptops mit den Latte Macchiato schlürfenden Hipstern dahinter fast zur Grundausstattung der Cafés. Die Leute haben hier keine Stelle, sondern ein "Projekt" – ein Blog, ein Label, eine Marke –, das sie manchmal nur schwer erklären können. Man kann darüber schmunzeln. Man kann aber auch erkennen, dass diese Menschen mit ihrer Vorstellung von Arbeit gerade die Stadt durchdringen und mit ihren Start-up-Firmen der notorisch trägen Wirtschaft Berlins dringendst ersehnte frische Impulse geben.

Impulse soll ich im Tankstellenbüro wohl von den "Thinkpods" bekommen. Zwei Gebilde, die in der Mitte des Raumes stehen und ein bisschen wie eine Badewanne mit besonders hohem Rand und Seiteneinstieg anmuten. In der "Denkkapsel" sind Sessel, Ablage, Leselampe und ein Stromanschluss. Ich setze mich hinein, wobei ich kurz das Gefühl habe, aus der Welt zu versinken, schließe meinen Laptop an und beginne zu arbeiten.

Technisch funktioniert alles einwandfrei. Wie ich ins Internet komme, erklärt mir ein Aufsteller, das geht schnell und unkompliziert. Vertrackter ist das Ausdrucken, Scannen oder Faxen, aber mit ein bisschen Übung ist das auch kein Problem. Abgerechnet werden die nicht teuren Aufträge mit meiner Prepaid-Karte. Ein kleines, aber sehr sinnvolles Detail sind die Handy-Ladekabel mit Anschlüssen für jedes Gerät. Mein Handy habe ich immer dabei, ein Kabel nie.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

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