Nachhaltiges ReisenUnser globales Dorf

Die Online-Gemeinde Tribewanted baut nachhaltige Reiseziele auf. Die Mitglieder sind Urlauber und Helfer zugleich. Auf dem umbrischen Bauernhof Monestevole können sie Lehmwände mauern, Erdbeeren pflanzen oder gemeinsam dem Gutswein zusprechen. von 

Das umbrische Landgut Monestevole am Tag der Eröffnung. Arbeiter und Haushunde gönnen sich eine Pause.

Das umbrische Landgut Monestevole am Tag der Eröffnung. Arbeiter und Haushunde gönnen sich eine Pause.  |  © Mirco Lomoth

Es brauchte einen endlosen Flug und eine wacklige Bootsfahrt, bis ich Vorovoro mit eigenen Augen sah. Die Fidschi-Insel lag vor mir, wie ich sie auf der Website Tribewanted.com gesehen hatte: kaum einen Kilometer vom einen Ende zum anderen und ganz mit Palmen bewachsen. Eine Welle spülte uns an den Strand, wir schleppten unsere Rucksäcke zu den Schilfhütten, in denen wir schlafen sollten. Was uns verband, war bis dahin nur eine Online-Community. Ihr Ziel: am Ende der Welt eine nachhaltig wirtschaftende Gemeinde aufzubauen, gemeinsam mit den Einheimischen. Dort waren wir gegen einen Beitrag "Stammesmitglieder" geworden. Jetzt durften wir für eine Weile an diesem tropischen Strand leben, im Gemüsegarten helfen oder beim Bau einer neuen Hütte. Oder einfach in der Hängematte liegen – wir waren ja nicht nur freiwillige Helfer, sondern auch zahlende Touristen. Die einheimischen Yavusa lehrten uns den Sitztanz Meke und tranken mit uns aus Kokosnussschalen ihren Rauschpfeffersaft. Die Zeremonie endete nach Stunden in sanften Südseeklängen der Ukulele.

Fünf Jahre später stehe ich neben dem Tribewanted-Gründer Ben Keene und schaue auf Monestevole, sein aktuelles Projekt. Es liegt in Umbrien, in der Nähe der Kleinstadt Umbertide, wo die Reggia in den Tiber fließt. Ein Landgut mit 47 Hektar Wald, Olivenhainen und eigenem Weinberg. Das Haupthaus wächst wie eine kleine Festung aus einem Hügelrücken hervor, ein verwinkelter Feldsteinbau mit rotem Ziegeldach. Dahinter stehen Arbeiter als kleine bunte Punkte auf einem Acker. "Wir wollen zeigen, dass unsere Idee einer nachhaltigen Gemeinde nicht nur an tropischen Stränden funktioniert", sagt Keene, ein Mann von Anfang dreißig mit rotblonden Haaren und einnehmendem Lächeln. "Wie auf Vorovoro wollen wir auch hier, mitten in Europa, das kulturelle Erbe bewahren und möglichst viel grüne Technologie einsetzen."

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Schon kurz nach der Gründung 2006 sorgte Tribewanted für Aufsehen. Eine Online-Gemeinde, die auf einer Südseeinsel zusammenfindet, um etwas Gutes zu tun und es sich dabei gut gehen zu lassen – so etwas hatte es noch nicht gegeben. National Geographic druckte ein Foto des Gründers Keene, wie er auf dem höchsten Punkt von Vorovoro steht, mit Bastumhang und Kriegsbemalung, die BBC sendete eine Dokumentation. Ein zweites Tribewanted-Projekt startete 2009 in der Fischergemeinde John Obey am Strand des sich vom Bürgerkrieg erholenden Sierra Leone. Vor drei Wochen folgte dann Monestevole. Das will ich mir anschauen.

Wir laufen den Hang hinab zum Haupthaus, die Hügel tragen noch Braun und Grau, auch in Umbrien kommt der Frühling spät in diesem Jahr. In der Küche rührt Valeria Cancian Pilzrisotto für das Mittagessen und röstet Bruschette im dunkelgelben Öl der Oliven von Monestevole. Sie ist eine große Frau, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, weder von ihren vier Kindern noch von ihrem Mann Alessio, von dem sie sagt, er sei ein Vulkan, der regelmäßig ausbrechen müsse. Gemeinsam haben sie Monestevole vor gut 15 Jahren gekauft, damals war es ein Weiler mit einer Ruine. Sie haben sie behutsam renoviert, mehrere Ferienapartments geschaffen und ihren Wohnsitz in Umbertide aufgegeben, um sich hier niederzulassen. "Wir wollen von unserem Land leben wie frühere Generationen, aber mit neuer Technik und mit Touristen", sagt Valeria. Doch mit der Wirtschaftskrise blieben die Gäste aus. Die beiden wollten schon fast aufgeben, als Keenes italienischer Geschäftspartner Filippo Bozotti ihnen vorschlug, mit Tribewanted zu kooperieren.

Der Natur wieder nahe sein

Jetzt ist Valerias Pilzrisotto so weit. Ganz Monestevole versammelt sich um den großen Tisch im Speisesaal. Alessio kommt mit den Landarbeitern herein, sie haben am Morgen Zäune gezogen, Ben Keene und Filippo Bozotti setzen sich dazu und die wenigen Gäste, die für die Eröffnungswoche angereist sind. Kate aus London etwa. Sie war schon vor zwei Jahren in Sierra Leone dabei und erzählt begeistert vom goldenen Sandstrand und den Lehmbauten, die sie dort errichtet haben. Jetzt will sie für ein paar Tage das italienische Landleben inhalieren. "In London sitze ich täglich zehn Stunden am Computer, ich wollte einfach mal wieder näher an der Natur sein", sagt sie. "Hier wirken alle so glücklich mit ihrer Arbeit; das zeigt mir, wie unnatürlich mein Leben geworden ist." Wir trinken Rotwein aus kleinen Gläsern.

Monestevole soll zu einem Bauernhof werden, der Angestellte und Besucher das ganze Jahr über versorgen kann. Schon jetzt gibt es zwanzig Schweine, fünf Pferde und eine Kuh, die jeden Morgen die Milch fürs Müsli liefert. In den kommenden Monaten soll ein organischer Gemüsegarten mit Gewächshaus angelegt werden. Auch bei der Ressourcennutzung soll Monestevole künftig autark sein. Tribewanted hat Solarthermie- und Solaranlagen installiert, Regenwassertanks und einen Biomasseheizkessel, der mit nachhaltig geschlagenem Holz aus den eigenen Waldstücken befeuert werden soll. Das Geld dafür stammt von Investoren, die an das Potenzial von Tribewanted glauben. So war es auch möglich, einige Landarbeiter aus Umbertide anzustellen, die in der Werkstatt arbeiten, auf dem Feld oder für die Touristen.

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