Interviews gibt der 53-jährige Nassim Taleb nur selten, weil er Journalisten für "ungebildet" hält. Von Ökonomen hält er noch weniger. Er nennt sie Geistesgestörte. Will man ihn als Referenten einladen, zahlt man leicht zwischen 60.000 und 150.000 Dollar. Sind es Leute mit Krawatte ("ein sicheres Zeichen für Mittelmaß"), dann veranschlagt er das Honorar am oberen Ende der Skala. Obwohl Taleb das Enfant terrible der Wall Street ist, stehen Banker, Ökonomen und Regierungen bei ihm Schlange, er ist auf Monate hinaus ausgebucht. Richtig erfolgreich war Taleb mit seinem Buch "Der schwarze Schwan" ("The Black Swan"). Seither erzielt "the hottest thinker on the planet" ("Sunday Times") Millionenauflagen. Trifft man ihn, so ist man überrascht: Jeans, Rollkragenpullover, abgewetztes Jackett, Bart – man könnte ihn für den Literaturprofessor eines amerikanischen Ostküsten-Colleges halten, direkt aus einem Roman von Philip Roth. Taleb ist Professor für Risk-Engineering an der New York University. Soeben ist sein neustes Werk erschienen: "Antifragilität" (Knaus Verlag) .

Rolf Dobelli: Nach dem Schwarzen Schwan haben Sie nun einen neuen Begriff in den Ring geworfen: "Antifragilität". Ein hässliches Wort.

Nassim Taleb: Ich brauchte ein Wort, um das Gegenteil von "Fragilität", also Zerbrechlichkeit, auszudrücken. Wenn ich Leute frage, was das Gegenteil von "zerbrechlich" sei, dann antworten Sie "stabil" oder "robust". Doch das Gegenteil von "positiv" ist nicht "neutral", sondern "negativ". Somit sollte das Gegenteil von "zerbrechlich" etwas sein, das an Schocks nicht nur nicht zerbricht, sondern davon sogar stärker wird. Ich nenne es antifragil. Fragile Dinge hassen Unruhe. Antifragile Dinge hingegen lieben das Chaos. Es erstaunt mich, dass bis heute niemand an Antifragilität gedacht hat.

Dobelli: Doch. Der Philosoph Thales von Milet wusste vor 2500 Jahren davon. Sonst hätte er nicht Optionen auf Ölpressen gekauft.

Taleb: Thales wusste nicht, warum er Geld verdiente. Er ahnte wohl, dass es zu einem Engpass an Ölpressen kommen könnte. Doch dass eine Zunahme von Schocks, Unruhe, Chaos und Volatilität solche Optionen wertvoller machen würde, daran dachte er nicht. Und Antifragilität ist ein universelles Phänomen. Alle Bereiche, die von Unruhe profitieren, sind antifragil. Nehmen Sie die Schweiz. Je volatiler es außerhalb der Schweiz zugeht, desto mehr Gelder fließen den Schweizer Banken zu. Oder: Je ungleicher die Vermögen auf der Welt verteilt sind, desto besser geht es der Luxusgüterindustrie. Stets handelt es sich um das gleiche Phänomen: Antifragilität. Wenn Sie wissen, welche Bereiche Ihres Lebens oder in Ihrer Branche fragil und welche antifragil sind, können Sie sich richtig positionieren, ohne im Detail zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Das ist sehr praktisch. Doch ich möchte Sie etwas fragen: Meine Leser, die Wissenschaftler und Geschäftsleute, ja die Taxifahrer verstehen Antifragilität – nicht nur abstrakt, sondern intuitiv. Sie verstehen Konvexität – also die Tatsache, dass in manchen Bereichen die Upside größer ist als die Downside. Die Einzigen, die Mühe mit Antifragilität haben, sind die Journalisten. Warum?

Dobelli: Journalisten lesen keine Bücher. Sie überfliegen sie. Es kommt dazu, dass Sie die Journalisten in Ihren Büchern irritieren und degradieren, weil Journalisten keine " skin in the game " haben, wie Sie sagen. Will heißen, Journalisten spüren keinen Stachel im Fleisch, wenn sie Unsinn schreiben. Sie gleichen Managern, die nur die Upside kennen, und keine Downside zu fürchten haben. Doch Sie als Autor, Herr Taleb, haben Sie " skin in the game"?

Taleb: Als ich 2007 im Schwarzen Schwan beschrieb, wie schlecht es um die Risiken bei Fannie Mae, der amerikanischen Finanzierungskasse für Hypotheken, stand, exponierte ich mich finanziell. Falls sich meine Behauptung als falsch erweisen würde, hatte ich einen größeren Nachteil zu befürchten als jeder Leser meines Buches. Das ist " skin in the game " . Dass man mit seinen Worten und Taten haftet, gehört für mich zu den ethischen Grundprinzipien.

Dobelli: Sie reden wie ein griechischer Philosoph.

Taleb: Von dort stammen die Begriffe "Mut" und "Ehre". Rang kam mit Mut und Ehre. Das zog sich hin bis zum Tod: Der Wert deines Lebens zeigt sich darin, wie du stirbst. Es ist besser, im Kampf zu sterben als im Bett. Dieses Verständnis von Ehre ist uns leider abhandengekommen. Sehen Sie, ich sage meinen Lesern nie, was sie tun sollten, ich gebe keine Börsen- oder Lebenstipps oder Prognosen. Ich zeige ihnen bloß, wie ich handle, welche Risiken ich auf mich nehme.

Dobelli: Die Stoiker waren nicht gerade Menschen, die für andere in den Krieg gezogen wären. Es ging ihnen darum, selbstgenügsam zu leben.

Taleb: Stoiker waren ausgewiesene Praktiker von Antifragilität: Egal in welcher Situation du dich befindest, in dem Moment, wo du die Eleganz verlierst, hast du verloren. Sie wussten: Unbill ist nicht immer ein Nachteil. Unbill kann man zu seinem Vorteil nutzen. Kein Wasser schmeckt besser als der erste Schluck, wenn Sie vorher am Verdursten waren. Die Stoiker wussten, wie man Schicksalsschläge als Energiespender nutzt. Insofern bin ich ein Stoiker. Ich respektiere die Gesetze der Natur und versuche, von ihnen nicht erschlagen zu werden, sondern sie zu meinem Vorteil zu nutzen. Das ist die ganze Idee hinter dem Stoizismus und hinter Antifragilität. Die Frage ist nicht: Warum widerfährt dir Schreckliches? Sondern: Wie handelst du, wenn dir etwas Schreckliches widerfährt? Aber wie gehen Sie damit um, Herr Dobelli? Haben Sie " skin in the game " mit Ihrer Schriftstellerei?

Dobelli: Ich wende das Wissen über Denkfehler, die ich in meinen Büchern beschreibe, selbst an. Das ist für jedermann sichtbar, der mich kennt. Zu verlieren hätte ich meine Reputation. Aber ich schließe keine Wetten ab, die mich ins Armenhaus bringen würden, falls sich meine Thesen als Schall und Rauch herausstellen sollten.

Taleb: Soweit ich sehe, bezeichnen Journalisten Sie nicht als Egomanen. Mich hingegen bezeichnet mancher Journalist als solchen – was mich nicht stört, im Gegenteil. Ich möchte es nur verstehen.

Dobelli: Naja, auf jeder Seite Ihrer Bücher lassen Sie uns spüren, wie viel Sie wissen. Dabei schöpfen Sie aus dem Vollen – von der Medizingeschichte über die Finanzmathematik und Genetik bis hin zur griechischen Philosophie. Ich glaube, viele Journalisten fühlen sich Ihnen intellektuell unterlegen.