Taleb: Vielleicht bin ich ein Fall von " shoot the messenger", also: Töte den Überbringer der Nachrichten. Das ist stets die erste Reaktion von Leuten, die die Botschaft nicht verstehen.

Dobelli: Lassen Sie uns über Politik reden. In Berlin werden die Entscheidungen für Europa getroffen. Und diese Dominanz hat Deutschland zum ersten Mal ohne Krieg erreicht. Wie beurteilen Sie das?

Taleb: In der Tat, Deutschland ist momentan die wichtigste Kraft auf dem Planeten. Jedes Land der Welt schaut auf Deutschland, weil es im Zentrum des Sturms liegt und trotzdem die Sache hervorragend meistert – besser als die anderen Länder Europas und besser als die USA. Und doch stimmt es nicht, dass Deutschland Europa dominiert. Berlin bestimmt zum Beispiel kaum das Leben eines französischen Restaurantbesitzers. Und doch, Deutschland erfreut sich vieler Vorteile. Erstens des starken Mittelstandes – was wieder einmal beweist, dass Größe keine Stärke ist; zweitens der dezentralen Struktur, politisch und wirtschaftlich; drittens einer Abneigung gegen Defizite. Deutsche finanzieren ihre Urlaube nicht über die Kreditkarte. Deutsche benutzen die Preissteigerung ihres Häuschens nicht als persönlichen Geldautomaten. Kurzum, Deutschland hat Weimar nie vergessen. Übrigens gibt es eine interessante Dichotomie zwischen katholischen und nichtkatholischen Ländern Europas. Die Katholiken, die über Jahrhunderte aus religiösen Gründen Kredite bekämpft haben, haben in den letzten Jahren besonders stark zugeschlagen. Irland, Spanien, Portugal, Italien sind von Schulden "besoffen". Es ist, als hätte man Abstinenzler in eine All-inclusive-Bar gesteckt.

Dobelli: Macht Deutschland wirklich alles richtig?

Taleb: Das größte Risiko Deutschlands ist, dass das Niveau der Ausbildung steigt. Deutschland hat sich von einem Land der Handwerker und Macher in ein Land von Pseudointellektuellen verwandelt. Jeder schickt seine Kinder an die Hochschulen. Dort lernen sie Kant, Derrida, BWL, Finanzmathematik und ähnlichen Quatsch. Statt zu lernen, wie man Maschinen baut. Wer vor dreißig Jahren studierte, war wirklich smart. Heute aber sind die meisten Hochschulabsolventen Scharlatane, die besser eine Lehre abgeschlossen hätten. Ich bin nicht gegen Universitäten. Ich bin allerdings dafür, dass Universitäten für jene Leute da sind, die echte Wissenschaft betreiben wollen.

Dobelli: Aber Deutschland braucht doch gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Taleb: Und was tun die gut ausgebildeten Arbeitskräfte? Gelingen ihnen Erfindungen? Gründen sie Firmen? Bringen sie die Welt in irgendeiner Weise voran? Die meisten werden Angestellte, Manager, in anderen Worten: Bürokraten. Bürokraten sind Menschen, die kein Risiko für ihre Entscheidungen tragen. Sie bekommen die Upside, wenn es gut läuft, und überlassen die Downside den anderen.

Dobelli: Die Universitäten, sagen Sie, sollten reserviert sein für angehende Wissenschaftler. Gehört es nicht auch zu ihren Aufgaben, Studenten eine Bildung zu verpassen, die es ihnen ermöglicht, sich in dieser komplexen Welt zurechtzufinden?

Taleb: Wenn man intelligente Menschen bis zum Alter von 25 in einer Ausbildung gefangen hält, sind die besten Jahre verpufft. Wenn Bill Gates das Studium nicht abgebrochen hätte, gäbe es kein Microsoft. Wenn Steve Jobs die Schule nicht abgebrochen hätte, gäbe es keine Firma Apple. Wir überschätzen die Rolle der Hochschulen und Universitäten. Schauen Sie sich die industrielle Revolution an. Sie ging von privaten Bastlern aus, von Hobbymechanikern, die nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip vorgingen. Diese Erfinder machten England reich. Doch der Reichtum führte dazu, dass ein flächendeckendes Netz an Hochschulen entstand. Die Überintellektualisierung führte schließlich zum Stillstand der Gesellschaft in den 1970er Jahren. Genau darin sehe ich heute die Gefahr für Deutschland. Silicon Valley funktioniert genau deshalb, weil intelligente Menschen ihre Zeit nicht an den Hochschulen verschwenden, sondern Firmen gründen. Versuch und Irrtum bringen mehr als alles Plappern und Theoretisieren. Hochschulen – mit Ausnahme der wenigen Spitzenuniversitäten – bringen einer Gesellschaft verdammt wenig. Hochschulen sind ein Betrug. Sie sind Meister im Selbstmarketing.

Dobelli: Stimmt nicht, wenn Sie die Flut an wissenschaftlichen Studien anschauen, die aus den Universitäten strömt. Da werden der Natur täglich neue Geheimnisse abgerungen.

Taleb: Das ist "white noise", weißes Rauschen. Seien wir ehrlich: Die wirklich revolutionären Erfolge kommen vorwiegend von außerhalb der Universitäten. Darwin war ein Privatforscher. Newton erschuf die klassische Mechanik auf dem Land – als die Schule wegen Pest geschlossen war. Einstein arbeitete als technischer Experte dritter Klasse im Patentamt in Bern. Institutionen schaffen solche Revolutionen nicht.

Dobelli: Sie waren erfolgreicher Trader an der Wall Street. Wie soll man heute investieren?

Taleb: Ich investiere 90 Prozent in konservative, inflationsgeschützte Anlagen und zehn Prozent in hochspekulative Instrumente. Ich bin bereit, diese zehn Prozent jederzeit zu verlieren. Doch wenn die Finanzmärkte das nächste Mal crashen, werde ich damit eine Menge Geld verdienen. Übrigens ist der Dax kein Abbild der Wirtschaft. Die Hunderte von Mittelständlern kommen der wahren Wirtschaft viel näher. Wer in kleine, privat gehaltene Firmen investiert, zum Beispiel in eine Bäckerei, tut dies mit der Haltung eines Wachhundes. Die kleinste Ausgabe wird hinterfragt. Und das ist gut so. Wer hingegen in Dax-Firmen investiert, tauscht gesunden Menschenverstand gegen Glauben ein – den Glauben an PR-Abteilungen und Analysten.

Dobelli: Wie soll man mit den Banken verfahren?

Taleb: Bei den Banken zeigt sich das ethische Problem am schärfsten: Die Asymmetrie zwischen Upside und Downside. Die Banker scheffeln das Geld, tragen aber nicht das Risiko. In den USA ist das heute noch schlimmer als vor Obama. Unter seinen Augen haben sich die amerikanischen Banker höhere Boni ausbezahlt als je zuvor. Was tun? Zerschlagt die Banken in Sparkassen einerseits und Investmentbanken andererseits. Die Sparkassen lösen die wirtschaftliche Grundversorgung mit Konten und Geldautomaten. Sie sind wie Strom- und Wasserversorger. Die Konten sind vom Staat versichert, die Banken gegen Bankrott geschützt. Im Gegenzug gibt’s reglementierte Saläre ohne Boni für die Banker. Die Investmentbanken und Hedgefonds hingegen sind nicht reguliert und dürfen sich so hohe Löhne ausbezahlen, wie sie wollen, dafür wird der Staat sie im Falle von Zahlungsunfähigkeit nicht stützen. Werden sie zu groß, wird der Staat sie zerschlagen. Im Zuge der Finanzkrisen gingen Hunderte von Hedgefonds bankrott. Niemand kennt ihre Namen. Sie waren klein genug, um nicht in die Schlagzeilen zu kommen.

Dobelli: Große Gebilde scheinen ihnen zuwider zu sein. Sie kritisieren auch den Nationalstaat.

Taleb: Der Nationalstaat ist ein fragiles, unnatürliches Gebilde. Es gibt ihn, um gegen andere Nationalstaaten Krieg zu führen. Sonst gibt es keine Legitimation für ihn. Er ist aggressiv, bürokratisch, und hat die Tendenz, Defizite zu generieren. Dies ganz im Gegensatz zu den Städten. Städte sind am Handel interessiert und nicht am Krieg. Der Typ Hansestadt ist das Erfolgsmodell der Zukunft.