Wenn Ralf Wohlleben Post bekam, wurde sie gelesen. Wenn andere ihn besuchten, wurden sie durchsucht. Der 38-jährige Häftling aus Zelle 162 S wurde von den Sicherheitsbehörden streng überwacht: Die Ermittler sehen in ihm einen der wichtigsten Unterstützer des rechtsterroristischen NSU. Bis zum vergangen Herbst saß er in der JVA Tonna in seiner Heimat Thüringen in Untersuchungshaft. Doch trotz aller Kontrollen gelang es Neonazis, ein Netzwerk für Wohlleben aufzubauen, das aus dem Gefängnis in die Außenwelt reichte.

Laut internen Dokumenten, die der ZEIT vorliegen, diente ein anderer Häftling als Mittelsmann. Er bekam Nachrichten von außen, die er wohl bei Hofgängen oder Freizeitveranstaltungen an Wohlleben weitergab. Der konnte alten Kampfgefährten so mitteilen, was aus dem von ihm mitgegründeten "Braunen Haus" in Jena werden solle, einem Szenetreff. Und sie wiederum informierten ihn über zwei "fertig gemachte Tapes" mit Rechtsrock, die offenbar im Rahmen der Solidaritätskampagne "Freiheit für Wolle" vertrieben werden sollten. Wohllebens Ehefrau telefonierte mindestens 140 Mal mit einem der Kontaktmänner.

Durch Telefonüberwachung kam die Polizei dem Netz schließlich auf die Spur – umgehend wurde Wohlleben von seinen Mitgefangenen getrennt und nach München-Stadelheim verlegt.

Nicht einmal hinter Gittern, das zeigt der Fall, kann der Staat Neonazis kontrollieren. Erst vergangene Woche berichteten die Medien über ein rechtsextremes Netzwerk in Hessen, das mehrere Gefängnisse umspannte. In vielen Gefängnissen geben Rechtsextreme den Ton an, sie nutzen den Knast als Kaderschmiede, die Wärter schauen weg.

Rund 60.000 Menschen sitzen in Deutschland in Haft, wie viele Rechtsextreme darunter sind, weiß niemand genau. "In allen ostdeutschen Jugendstrafanstalten sympathisiert circa ein Drittel der Insassen mit rechtsgerichteten Einstellungen", schätzte der Berliner Polizeiprofessor Wolfgang Kühnel 2006 in einer Studie. Experten sprechen von Parallelgesellschaften, die die Rechten hinter Gittern etablieren. Systematisch drangsalieren sie dort Migranten und linke Punks.

Ein Jugendgefängnis in Ostdeutschland, im Besucherzimmer sitzt der 22-jährige Robert (Name geändert). Er wirkt verunsichert, nervös. Gemeinsam mit Kumpanen hat er einen Mann fast umgebracht, der seine Clique bei einem Diebstahl zufällig beobachtet hatte. Robert hat etwas gegen Linke, Schwule, Lesben und Migranten, er hat auch ein paar rechte Demos und Konzerte besucht. Mit der NPD, beteuert er, habe er allerdings noch nie etwas zu tun gehabt.

"Im Knast", sagt er, "gibt es auch einige Leute der rechten Szene, und, ja, wir unterhalten uns." Er beschreibt es als "Gruppengefüge, also dass jeder so mit seinem Lager quatscht". Eine Justizbedienstete formuliert es deutlicher: Entweder man schließe sich den Rechten an, oder man sei ein Außenseiter.