Nordkoreas Diktator Kim Jong Un (4. v. r.) Pjöngjang 2013 © KNS/AFP/Getty Images

Es kann nicht gut gehen, wenn zwei Staaten in Paralleluniversen leben. Wenn der eine nach Anerkennung dürstet, und der andere über ihn lacht. Wenn der Kleine nach Größe giert und der Große darin nur Größenwahn sieht. Die Koreakrise, in erster Linie ein Konflikt zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten, ist ein klassisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn Binnenlogik und Außenlogik miteinander kollidieren.

Das Regime in Pjöngjang droht, Washington in ein "Flammenmeer" zu verwandeln, und die ganze Welt kichert. Kim Jong Un aber ist es Ernst. Sein Land ist doch nun eine Atommacht! Und damit zum Fürchten, nicht zum Lachen.

Amerika hat in dem Möchtegern-Elefanten immer nur eine Stechmücke gesehen, lästig, aber nicht gefährlich. Nun müssen die USA erkennen, dass Nordkoreas Nuklearprogramm weiter fortgeschritten ist, als man dies bisher für möglich hielt. Vielleicht sind Pjöngjangs Wissenschaftler und Ingenieure bald in der Lage, Interkontinentalraketen mit Atomsprengköpfen zu bestücken.

Wie ist das möglich? Nordkorea ist doch isoliert, bankrott, halb verhungert, am Ende. Aber gefährlich? Das war bisher nur der Verrückte in Teheran, nicht der Verrückte in Pjöngjang.

Nur, ist Kim Jong Un wirklich verrückt? "Aus seiner Interessenlage heraus handelt er vollkommen rational", sagt Moon Chung In, Politikwissenschaftler an der Yonsei-Universität in Seoul. Moon war ein enger Weggefährte des früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung, der mit seiner "Sonnenscheinpolitik" die Teilung der Nation überwinden, sie zumindest erträglicher machen wollte. Wie einst Willy Brandt mit der Ostpolitik.

Wichtigstes Ziel Nordkoreas sei das Überleben des Regimes. Pjöngjang, sagt Moon, fühle sich von den USA wirklich bedroht. Der Krieg gegen den Irak, der Sturz Gaddafis, die Drohungen gegen den Iran – am Willen Amerikas, bei nächster Gelegenheit auch in Nordkorea zu intervenieren und einen regime change zu erzwingen, habe die Führung keinen Zweifel. Deshalb die atomare Aufrüstung. Wer die Bombe hat, den greift niemand mehr an.

Man müsse den Nordkoreanern das Gefühl der Bedrohung nehmen, meint Moon, dann würden sie sich auch Reformen im Inneren öffnen. Klar sei doch eins: Wer keinen Krieg wolle, müsse miteinander reden. "Warum", fragt er, "kann Amerika in Pjöngjang keine Botschaft eröffnen?"

Das ist nun ungefähr das Letzte, worüber in Washington derzeit nachgedacht wird. Die US-Regierung ist im Umgang mit Nordkorea von konsequenter Härte. Barack Obama will die nordkoreanische Strategie der Erpressungen beenden: Das Land provozierte und erhielt zur Beruhigung humanitäre und wirtschaftliche Hilfe. Am Ende bekam Nordkorea immer, was es wollte. Und arbeitete im Geheimen an seinem Atomprogramm weiter.

Die Provokationen beschränkten sich dabei keineswegs auf Drohungen. 2010 versenkte Pjöngjang die südkoreanische Korvette Cheonan und tötete dabei 46 Besatzungsmitglieder. Südkorea hielt still – auch dann noch, als der Norden die Insel Yeonpyeong unter Artilleriebeschuss nahm.

"Das war eine ganz tiefe Demütigung für das Militär hier", sagt Bernhard Seliger, der seit 15 Jahren das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul leitet. Deshalb die Ankündigung Seouls, künftig auf jede Provokation sofort zu reagieren. Was auch richtig sei: "Das verhindert einen Krieg eher."