Im eleganten Oberstock dominieren dunkles Holz, Teppich und Glas. Unten, im Hauptsaal des Novomatic-Forums am Wiener Naschmarkt, stimmen sich Schauspieler auf den Abend ein. Das Arme Theater Wien feiert heute mit einem Stück Premiere. Das kleine Ensemble darf hier auftreten ohne zu zahlen, und ein bis zweimal im Jahr erhält es einen Zuschuss von 2.000 Euro vom Glücksspielriesen Novomatic.

Das ist nur eine von unzähligen Partnerschaften, mit denen das Unternehmen Kunst fördert und sein Image aufbessert. Kleine und große Häuser – wie die Staatsoper oder das Schauspielhaus – stehen auf der Förderliste. Robert Menasse ließ sich ein Buchprojekt mitfinanzieren und der Regisseur Paulus Manker eine Theaterproduktion. Alfons Haider moderierte Veranstaltungen und warb für die Tochterfirma Admiral Sportwetten. Doch nicht nur Künstler erhalten Geld. Vom Jüdischen Museum Wien über eine Reihe von Medien bis zu Integrationsprojekten, Universitäten und Sozialvereinen: Die Palette der Empfänger ist breit.

Alles in allem erhalte der Konzern 30 bis 50 Anfragen pro Woche, hat Generaldirektor Franz Wohlfahrt in einem Interview erklärt und Sponsoring als Chefsache bezeichnet. Über Höhe und Laufzeit der Verträge gibt es keine genauen Angaben.

Gut möglich, dass die Summe kaum ins Gewicht fällt. 2011 erzielte die Novomatic-Gruppe mit 22.000 Mitarbeitern einen Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro. Novomatic ist in über 70 Ländern aktiv und betreibt über Vermietungsmodelle weltweit mehr als 200.000 Automaten. 2011 brachten diese allein in Österreich Einnahmen von 232,6 Millionen Euro ein. In Spiellokalen der Casinos Austria stammt jedes dritte Gerät von Novomatic.

Einen Teil des Gewinns gebe die Firma an die Gesellschaft zurück, heißt es bei dem Konzern. Das Sponsoring zielt auch auf junge Talente und Menschen mit Migrationshintergrund ab – jene Schicht, die nicht selten vor den Automaten sitzt. Gefördert wird etwa die Lehrredaktion von biber, einem Magazin für die multiethnische Community. Von Journalisten gibt es für dieses Engagement wenig Lob. Nicht ohne Grund stellen sie ab und an kritische Fragen zu den Motiven des umfangreichen Engagements, besonders was das Verhältnis zu Medien und Politik betrifft.

Als Novomatic 2007 die Zentrale des Verkehrsbüros im 1. Bezirk erwarb und daraus das Zentrum seines Kulturengagements machte, sorgten gerade einige kritische Medienberichte für Aufregung. Zwei Jahre später ging das Novomatic-Forum in Betrieb.

Im Besprechungszimmer im ersten Stock duften schwarze Sessel nach Leder. Hannes Reichmann, früher selbst Journalist bei Format, leitet die Konzernkommunikation. Nach einer detaillierten Anfrage per Mail war das Angebot zu dem Treffen gekommen. Auch Alexander Legat aus der Rechtsabteilung ist da. Das Gespräch darf weder mitgeschnitten noch dürfen Inhalte daraus verwendet werden. Zum Thema Sponsoring verweist Reichmann auf die Richtlinien im Internet.

Dort sind die Kooperationen penibel aufgelistet. So erscheint in der Tageszeitung Die Presse seit elf Jahren jeden Monat eine Seite über Novomatic. Ein normales Advertorial, heißt es dort. Der langjährige Chefredakteur Michael Fleischhacker ging einmal im Jahr mit Franz Wohlfahrt Kaffee trinken. Interventionen wegen redaktioneller Artikel seien ihm aber nicht bekannt: "Ich weiß nicht, ob das heißt, dass wir nicht kritisch genug waren", sagt er heute.

"Gibt es keine anderen Bösewichte?", fragte das ORF-Management

Kritisch fielen drei Am Schauplatz-Sendungen aus, die Christine Grabner ab 2006 für den ORF produzierte. Neben Ö1 sponsert Novomatic auch Programmschwerpunkte wie Licht ins Dunkel oder Dancing Stars. Nach ihrem ersten Beitrag über das kleine Glücksspiel habe sie Druck von mehreren Seiten zu spüren bekommen, sagt Grabner. Der Sendungsverantwortliche Christian Schüller berichtete von Versuchen, sie bei der Geschäftsführung in schlechtes Licht zu stellen. So wurde behauptet, sie hätte Spielern für ihre Aussagen 1.000 Euro geboten. Novomatic weist Schüllers Aussagen zurück. Kein Kommentar zu Grabner. Schüller erinnert sich an eine andere Anekdote: "Ein Mitglied des ORF-Managements hat mich gefragt: Müsst ihr denn unbedingt über Novomatic berichten? Gibt es keine anderen Bösewichte?" In einer Mail an Kollegen schrieb Grabner von einem Gespräch mit dem Leiter der Rechtsabteilung, Rainer Fischer-See. Am 3. Dezember, eine Klage von Novomatic war gerade ins Haus geflattert, habe er sie angeherrscht, der ORF sei nicht zur Selbstverwirklichung von Journalisten da und ihr Beitrag nichts als eine Verschwörung. Kein Kommentar dazu aus dem ORF.

Auch in Parteizeitungen finden sich Inserate von Novomatic. Die guten Kontakte in die Politik sind legendär. 2003 wurde Johann Graf im Namen von Bundespräsident Thomas Klestil sogar der Berufstitel Professor verliehen.

ÖVP-Politiker Johannes Hahn, Ex-Wissenschaftsminister und amtierender EU-Regionalkommissar, war von 1997 bis 2003 im Vorstand der Novomatic AG. Ex-Innenminister Karl Schlögl saß von 2004 bis 2011 im Aufsichtsrat. Seiner Partei, der SPÖ, wird ein jahrelang enges Verhältnis zu Novomatic nachgesagt. Von 2000 bis 2002 sollen Grete Laska, die damalige Vizebürgermeisterin von Wien, und ihr Mann eine Art Verbindungsfunktion erfüllt haben. Als Vorsitzender des Verbands Wiener Arbeiterheime steht Helmut Laska dem Medienimperium der SPÖ vor: Mit den Gewerbeberechtigungen des Vereins werden Bauträger, Agenturen und große Verlage betrieben – wie das Echo Medienhaus von Christian Pöttler. Der ehemalige Mitarbeiter eines Kasinorestaurants im Prater berichtet von Treffen an Donnerstagen, bei denen das Ehepaar Laska, fallweise Johann Graf und Christian Pöttler zugegen gewesen seien. Der Verband Wiener Arbeiterheime lässt ausrichten, Helmut Laska werde dazu nichts sagen, auch seine Frau gebe keine Interviews mehr. Pöttler sagt, er habe weder an solchen Treffen teilgenommen noch davon gewusst. Bei den Gesprächen soll es um Inseratengelder und die Neuorganisation des Praters gegangen sein, wo im März 2005 das opulente Casino Admiral eröffnete. Wie der Falter 2007 berichtete, gewährte die Gemeinde einen günstigen Pachtvertrag über 10.000 Euro monatlich auf 40 Jahre.

Die Parteispitze hielt ihren starken Arm über das kleine Glücksspiel. Novomatic inserierte in SPÖ-aktuell und unterstütze am Feiertag der Arbeiter das Fest zum ersten Mai im Prater. "Geschicktes Sponsoring", erinnert sich Niki Kowall, Aktivist der Wiener SPÖ-Sektion acht. "Das hat es für viele nicht einfach gemacht, mit denen zu brechen."

Die Finanzpolizei ist machtlos, alle Anzeigen aufzuarbeiten ist unmöglich

Auf Initiative von Kowalls Gruppe setzte sich auf dem Wiener SPÖ-Landesparteitag 2011 ein Antrag durch, die Lizenzen für Glücksspielautomaten auslaufen zu lassen. Ab Jänner 2015 darf demnach in Wien keines dieser Geräte mehr außerhalb eines Kasinos stehen. Doch niemand glaubt, dass die ohne Lizenz betriebenen Geräte verschwinden werden. Schätzungen zufolge ist von den bis zu 20.000 Glücksspielautomaten in Österreich jeder zweite illegal. Dieser Wildwuchs zieht eine Vielzahl von Klagen nach sich: von Betreibern gegen Konkurrenten, von Großen gegen Kleine und umgekehrt. Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer ist einer der Anwälte, die im Auftrag Dritter immer wieder Klagen einbringen. Novomatic-Lobbyist Gert Schmidt gehörte wiederholt zu seinen Auftraggebern.

 

Kleine Anbieter beschweren sich, dass die Polizei hauptsächlich gegen sie vorgehe, obwohl in ihren Salons keine anderen Maschinen stünden als anderswo. "Uns wird vorgeworfen, dass wir die Einsatz- und Gewinngrenzen überschreiten, aber beim Marktführer passiert nichts", sagt Michael Hlobil, Chef der Firma WM-Automaten. Mehr als hundert seiner Geräte wurden schon beschlagnahmt. Theoretisch sieht das Gesetz für jedes darauf nachweislich gespielte Spiel eine Strafe von bis zu 40.000 Euro vor.

Die gezielten Klagen hätten tatsächlich zugenommen, sagt Wilfried Lehner, Leiter der zuständigen Stabsstelle bei der Finanzpolizei. Selbst seine Mitarbeiter seien oft Ziel von Angriffen: "Es gibt kein anderes Metier, in dem mit so harten Bandagen gekämpft wird. Und wir sind nicht empfindlich."

2012 beschlagnahmten seine Beamten 2.200 Geräte an 630 Standorten. "Aber alle Anzeigen können wir nicht aufarbeiten, es sind zu viele." Bei Betreibern mit Lizenz habe man wenig Kontrollmöglichkeiten, da seien die Länder zuständig.

Einmal griff ein Wirt, noch während die Beamten Geräte wegräumten, zum Telefon und bestellte neue. "Das ist schon dreist und zeigt, wie hoch die Gewinnspannen sind und wie wenig abschreckend Verwaltungsstrafen." Viele Daten werden nicht herausgerückt, obwohl die Automaten jeden Cent verbuchen. Der Wirt muss Gewinne an Spieler auszahlen und einige Prozente der Einnahmen an den Automatenverleiher abführen; dazu kommen 30 Prozent Glücksspielabgabe und 20 Prozent Umsatzsteuer. Doch oft werden nur Bruchteile der Gesamtumsätze der Finanz gemeldet, schätzt Lehner. Es würden bewusst Steuern hinterzogen. Wenn der Wirt an der Verkürzung mitwirkt, macht er sich ebenfalls strafbar. "Was wir an persönlichen Schicksalen erleben, ist katastrophal", sagt Lehner. "Die Spielsucht ist ein echtes Problem. Vor Kurzem hat wieder eine weinende Ehefrau angerufen, wir sollten doch endlich dort hingehen, wo ihr Mann das ganze Geld verspielt."

Novomatic hat sich den Spielerschutz auf die Fahnen geschrieben und hält viel darauf, sich auch um das Leid zu kümmern, das die eigene Branche verursacht. So wird der Ausbau eines Beratungs- und Therapienetzwerkes in Österreich gefördert. Das Anton-Proksch-Institut, die Suchtforschung an der medizinischen Universität Wien oder der Verein für Spielsuchthilfe: Auch sie bekommen Geld.

Vergangenes Wochenende fand im Novomatic-Forum die Psychotherapiemesse zu den Themen Burn-out und Überforderung statt. Bald werden Bilder von Fritz Aigner zu sehen sein. Noch mehr Spannung verspricht aber eine Podiumsdiskussion am 29. April. Ist die Wirtschaft nur ein Spiel?, lautet der Titel des Abends. Es geht um Glück, Gewinn und die Faktoren für erfolgreiches Wirtschaften. Angesagt haben sich EU-Kommissar Günter Verheugen, Barbara Kolm vom Hayek-Institut, Heinrich Schaller von Raiffeisen oder der Mathematiker Rudolf Taschner. Der Journalist Christoph Kotanko moderiert. Nach einleitenden Worten von Franz Wohlfahrt versteht sich.