Herzinfarkt nach Einnahme eines Schmerzmittels, Lungenembolie durch die Antibabypille, Missbildungen, weil Schwangere das Schlafmittel Contergan geschluckt haben. Wenn wieder ein Medikament auf den Index gerät, hebt das Wehklagen an: Hätte man das nicht früher kommen sehen können? Was verschweigt uns die Pharmaindustrie? Hat die Zulassungsbehörde geschlampt, geschlafen, getrödelt?

Doch jetzt brechen goldene Zeiten an für Skeptiker, Hobbyforscher und Journalisten. Jetzt stellt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) seine Datenbank für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) ins Internet. Jedes Jahr melden Ärzte aus ganz Deutschland rund 50.000 verdächtige Medikamenten-Effekte an dieses Register. Ob es sich dabei jeweils um echte Nebenwirkungen handelt, ist dann allerdings noch nicht entschieden. Erst nach und nach analysiert und interpretiert das BfArM die Daten und zieht ein Fazit bis hin zum Rückruf eines Medikamentes.

Nun können alle darauf zugreifen – ein heikles Projekt. Rohe Daten können unbedarfte Leser verwirren. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn sich acht Patienten im Jahr 2012 nach Einnahme des Schmerzmedikaments Diclofenac erbrochen haben? Nicht viel. Dass es in den vergangenen 13 Jahren 43 Fälle waren, ist schon aussagekräftiger. Das BfArM ist sich der Gefahr möglicher Fehlauslegungen bewusst. Ellenlang sind die "Interpretationshinweise" und Warnungen. Trotzdem ist sicher, dass die Transparenzoffensive in den nächsten Jahren für Unruhe sorgen wird – schon weil Kritiker die Daten nach ihrem Gusto auslegen. Das ist der Preis der Mündigkeit.

Doch Aufklärung ist nur das Sekundärziel. Viel interessanter ist etwas anderes: Die normale Überwachung von Medikamenten reicht nicht, um gravierende – aber sehr seltene – Nebenwirkungen zu entdecken. Hier ist Öffentlichkeit eine große Chance. Frei zugängliche Daten werden hoffentlich bei allen Beteiligten das Bewusstsein dafür schärfen, dass jeder bei der Identifizierung von Nebenwirkungen mithelfen kann und sollte. Nicht nur die Ärzte, sondern auch die Patienten müssen Auffälligkeiten direkt an ein Register melden können. Im Herbst soll eine entsprechende Website, die sich zurzeit in der Testphase befindet, ebenfalls online gehen.

Öffnet das aber nicht Manipulatoren Tür und Tor, die das System nutzen, um mit alarmistischen Dauermeldungen Stimmung gegen bestimmte Medikamente zu machen? Bekannt ist zum Beispiel, dass einige impfskeptische Ärzte bei jeder Gelegenheit angebliche Nebenwirkungen melden. Impfstoffe sind in der BfArM-Datenbank nicht berücksichtigt – dafür ist das Paul-Ehrlich-Institut zuständig.

Bei aller Skepsis, die Öffnung ist eine große Chance: Frühere Warnungen können Leben retten.