PicknickAlles muss raus!

Das Picknick war einst eine revolutionäre Idee. Auch heute noch bedeutet es: Freiheit. von Friederike Milbradt

Picknick bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London

Eine britische Erfindung? Picknick bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London  |  © Alex Livesey/Getty Images

In dem Film No!, der gerade in den Kinos läuft, spielt ein Picknick eine kleine, aber nicht unbedeutende Rolle. Der Film erzählt die wahre Geschichte eines zunächst vollkommen unpolitischen Werbefilmers, der im Jahr 1988 eine Anti-Pinochet-Kampagne übernahm, die sich die chilenische Opposition erstritten hatte. Im Film sieht man, wie dieser Regisseur für einen seiner Spots ein Picknick inszeniert. Er wählt französisches Weißbrot, auch wenn das keine chilenische Tradition hat. Er will den Zuschauern einen Vorgeschmack bieten auf die Zeit, die nach Pinochet kommen könnte. Was könnte sich dazu besser eignen als ein Picknick vor einem Bergpanorama?

Ein Jahr später, im August 1989, bekommt der Eiserne Vorhang, der Europas Osten vom Westen trennt, in Ungarn den allerersten Riss – während eines Picknicks. Und im vorigen Sommer luden ein paar Antifaschisten in Berlin zu einem Picknick gegen die NPD ein.

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Solche Picknicks sind die harmlosen kleinen Schwestern des Sitzstreiks – ein politisches Statement, das nicht nach Protest aussieht. Ein friedliches Picknick aufzulösen, zu dem es belegte Brote und ein Glas Wein gibt, das täte wahrscheinlich selbst Polizisten in der Seele weh. Weiß doch jeder, wie leicht ein Rotweinglas auf der Wiese umkippen kann. Vielleicht wäre in Stuttgart vor zweieinhalb Jahren kein Wasserwerfer zum Einsatz gekommen, wenn die Menschen im Schlosspark gegen den Bahnhof gepicknickt hätten, statt mit Plakaten herumzufuchteln. Aber es war Ende September und bereits viel zu kalt zum Picknicken. Historisches Pech.

Natürlich haben Menschen schon immer im Freien gegessen, aber Picknicken bedeutet mehr als das: die freiwillige Wahl eines Ortes, der weniger Komfort bietet als das Esszimmer, aber dafür auch die Möglichkeit, mit alten Regeln zu brechen – sprich: Picknick bedeutet Freiheit. So war es denn auch, als es erfunden wurde, eine revolutionäre Idee.

Es ist nicht verbürgt, wann und wo das passierte. Manche, vor allem französische Sprachforscher, glauben, dass das Picknick seinen Ursprung in Frankreich hat und das Wort pique-nique sich aus den Vokabeln piquer (stechen oder stehlen) und nique (veraltet: Kleinigkeit) zusammensetzt. Die erste schriftliche Erwähnung des Wortes pique-nique, die man kennt, findet sich in einem 1694 erschienenen Roman des französischen Schriftstellers Jean de La Bruyère. Sein Protagonist veranstaltet pique-niques: Er legt von dem Essen, das seine Gäste mitbringen, einen Teil für sich beiseite. Rund 50 Jahre später wurde das Wort zum ersten Mal in einem französischen Lexikon erwähnt, als Mahlzeit, bei der jeder Teilnehmer seinen Anteil selbst bezahlt. Es fehlt also noch das Wichtigste: die frische Luft. Auch die Briten erheben Anspruch auf die Erfindung des Picknicks im heutigen Sinne: Es komme von pick, greifen, und nick, einem alten Begriff für den Augenblick. Es herrscht in dieser Frage bis heute und wahrscheinlich für immer französisch-britische Zwietracht.

Sterneköche in Frankreich laden zum Wiesenausflug

Der Wissenschaftler, der sich wohl am längsten mit der Kulturgeschichte des Picknicks befasst hat, Peter Scholliers von der Vrije Universiteit Brussel, weiß immerhin ziemlich genau, wann das Picknick entstand: Ende des 18. Jahrhunderts in den aristokratischen Schichten. London und Paris waren überbevölkert und schmutzig. Die Adligen wollten sich erholen und fuhren in die Natur. Und damit veränderten sich die sozialen Codes: So zogen sich im Hause Männer und Frauen damals gleich nach dem Essen in separate Räume zurück – im Freien war das nicht möglich, Männer und Frauen verbrachten die Zeit gemeinsam. Die ersten Picknicker hatten keinen Umsturz im Sinn, aber ihr Verhalten ließ doch erkennen, dass sie mit ein paar Sitten nicht mehr einverstanden waren.

Einen Aufschwung erfuhr das Picknick im 19. Jahrhundert durch die Eisenbahn. Die amerikanisch-französische Autorin Alice Bellony-Rewald schreibt in ihrem Buch Die verlorene Welt der Impressionisten: "Hatte bislang die Fahrt (in den Wald von Fontainebleau) mit der Postkutsche acht Stunden gedauert, so ermöglichte es die in jenem Monat in Betrieb genommene Eisenbahnlinie hinfort jedem Pariser, den Wald in neunzig Minuten und für ganze drei Francs und fünfundsechzig Sous zu erreichen. Sonntag für Sonntag wurde das Refugium der Landschaftsmaler nun überlaufen von Büroschreibern, Ladenschwengeln und Midinetten sowie von Studenten und Dichtern (...). Auch der Hof, der den Frühling im nahen Lustschloss von Fontainebleau zu verbringen pflegte, kam herüberkutschiert, um sich bei Waldpicknicks zu verlustieren." Zum ersten Mal teilten Hofstaat und Volk ein Vergnügen, zumindest vergnügten sie sich im gleichen Wald. Von nun an war das Picknick in europäischen Künstlerkreisen sehr beliebt: Es wurde so oft als Motiv gewählt, dass es ein Rätsel ist, warum es noch keine Ausstellung Das große Picknicken. Werke von 1850 bis 1914 in Paris oder London gab. Es findet sich kaum ein Impressionist, der nicht irgendwann einmal ein Picknick gemalt hätte.

Eine zweite Blüte erlebt das Picknick in den vergangenen Jahren: Sterneköche in Frankreich laden zum Wiesenausflug ein, in Hotels ist es Sitte geworden, sich einen Picknickkorb zu bestellen, und als im vorigen Jahr nach einer Modenschau von Schumacher in Berlin zum Empfang eingeladen wurde, begaben sich Frauen, deren Schuhe für dieses Terrain nicht unbedingt geschaffen waren, auf den Rasen des Tiergartens, um dort diverse Kleinigkeiten zu verzehren. Die neue Beliebtheit des Picknicks ist sicher auch eine Folge davon, dass das junge städtische Publikum das Schlemmen im Allgemeinen zu seinem Lieblingslaster erkoren hat. Offenbar ist aber auch nach einigen Jahren, in denen die "Foodies" den Tisch als Versammlungsort wiederentdeckt haben, die Einsicht gewachsen, dass das Esszimmer ein recht enges Plätzchen ist. Man bleibt unter sich. Es gibt bei Abendessen immer einen Gastgeber (der sich nicht selten dicke macht mit seinen angeblichen Kochkünsten). Es gibt Sitzordnungen. Dies alles fällt weg beim Picknick. Selbst wenn sich jemand zum Gastgeber eines Picknicks aufschwingen möchte: Er könnte unmöglich alle Gerätschaften und Körbe alleine tragen. Beim Picknick sind irgendwie immer alle Gastgeber und Gäste zugleich. Peter Scholliers, der Picknick-Professor, sieht bis heute im Picknicken etwas Anarchisches. "Man fühlt sich frei. Es ist ein Akt des Protestes, weg von der Normalität und dem Alltag."

Leserkommentare
    • Mari o
    • 18. April 2013 23:05 Uhr
    1. Anfang

    "des 18. Jahrhunderts in den aristokratischen Schichten" aber auch schon.
    Das Rokoko war in jeder Hinsicht innovativ,was vielfach übersehen wird.
    Die Gelage unter freiem Himmel waren ein eigenes Genre
    http://upload.wikimedia.o...

  1. .. finde, ein gutes Picknicken sollte unpolitisch sein aber durchaus geistreich und mit charmanten Menschen - wie schon vor vielen, vielen Jahren ..;-)

  2. ist ein Picknick ein Essen mit Sandkörnern im Sandwich, Insekten im Getränk und komischen Blicken von Dritten.

    Eine Leserempfehlung
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    .. wie damals ..;-)

    • snoek
    • 22. April 2013 7:41 Uhr

    Alles eine Frage der Organisation und der Wahl des Ortes.

  3. .. wie damals ..;-)

    Antwort auf "In erster Linie"
    • snoek
    • 22. April 2013 7:41 Uhr
    5. .....

    Alles eine Frage der Organisation und der Wahl des Ortes.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "In erster Linie"
  4. Wenn ein Picknick nicht so ganz gelingt, liegt das nicht an den Ameisen auf dem Erdbeerkuchen. Freunde hatten einmal Freunde mitgebracht, die sich nicht setzen wollten und die sich keine Klappstuehle mitgebracht hatten. Das war dann nicht so gemuetlich und es wollte kein Gespraech aufkommen. Am Schluss standen wir dann alle im Forst herum wie auf einer Cocktailparty.
    Nur den Kindern hat es richtig gut gefallen

  5. ... und zweitens ist dies genmäß Oxford Dictionary of English Etymology eine anglisierte Form des französischen "pique-nique" – nix Zwietracht.

    Für Lieschen-Müller-Etymologen wie die Autoren: "nick" ist weniger "ein alter Begriff für den Augenblick", sondern eher (in einer Bedeutung von einer ganzen Latte im Shorter Oxford English Dictionary) für den entscheidenden Moment. Übrigens: "to nick" heißt in der englischen Umgangssprache unter anderem auch verbreitet "stehlen, stibitzen". Wäre das was für Küchenableitungen?

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    ... spricht für eine Lehnübernahme aus dem Französischen.

  6. ... spricht für eine Lehnübernahme aus dem Französischen.

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