Das Lächeln ist schuld, glaubt Norbert Blüm, der ehemalige Arbeitsminister. Daran könnte es liegen, dass Ursula von der Leyen manchen Menschen unheimlich sei. "Sie hat ein Lächeln, das wie ein Rollladen funktioniert", sagt er. "Das Gesicht wird nicht offener, es verschließt sich." Norbert Blüm, heute 78, hatte vor zwanzig Jahren im Kabinett von Helmut Kohl jenen Job, den Ursula von der Leyen heute macht. Er kennt seine Nachfolgerin schon seit über dreißig Jahren: Damals trug sie Stufenschnitt und Schlaghosen, verbrachte jede freie Minute im Reitstall und stand kurz vor dem Abitur.

Blüm war einige Male Gast im Hause von Familie Albrecht. Ernst Albrecht, der Vater von der Leyens, war zu der Zeit CDU-Ministerpräsident in Niedersachsen. Blüm erinnert sich an Gartenfeste mit gescheuerten Holztischen, schlichter Landküche, zahllosen Kindern, die über Wiesen tobten. Bei den Mahlzeiten saßen sechs Albrecht-Kinder mit am Tisch. "Sie lächelt wie er", sagt Blüm. Und sie mache Politik wie er. Vater und Tochter seien, Blüm sucht nach Worten, "stark innengeleitete Menschen". Was bedeutet das? "Wenn sie etwas als richtig erkannt haben, marschieren sie, egal ob der Wind von vorne oder hinten, von oben oder unten kommt."

In dieser Woche blies der Wind von vorn und hinten, von oben und unten, er kam von Angela Merkel und Volker Kauder, von enttäuschten Feministinnen und bitteren Konservativen. Und er blies Ursula von der Leyen um. Hat Blüm sich geirrt?

Am Donnerstag stimmt der Bundestag über einen Gesetzentwurf der SPD ab, der einen festen Frauenanteil in Aufsichtsräten vorschreibt (siehe Kasten). Ursula von der Leyens wichtigstes Ziel schien zum Greifen nah. Seit Jahren will die Arbeitsministerin deutsche Großunternehmen dazu zwingen, mehr Frauen auf Führungspositionen zu setzen, deshalb wollte sie dem Gesetz ihre Stimme geben. Sie wird es nicht tun.

Sie habe auf eine gemeinsame Initiative aus allen Fraktionen gehofft, sagt sie zwei Tage vor der Abstimmung. Dabei wirkt sie nicht niedergeschlagen, sondern fast aufgekratzt. Sie lacht viel, als sie von den zurückliegenden Tagen erzählt, von den tausend Telefonaten, von ihrem eigenen Schwanken und vom Sonntagsgottesdienst im niedersächsischen Heeßen. Sie fühlt sich keineswegs als Umfallerin, im Gegenteil, sie trägt die Miene der Siegerin. Die Kanzlerin hat sie umgestimmt – nicht mit Druck, mit Bitten oder Schmeichelei, sondern mit einem Deal: Das Ziel der gesetzlichen Frauenquote soll ins Wahlprogramm der CDU. Von der Leyen weiß, dass solche Programme bloße Absichtserklärungen sind. Ein schlechter Tausch gegen die Chance, jetzt sofort ein Quotengesetz durchzudrücken. Warum also strahlt die Frau so?

Von der Leyens Erfolg wäre eine Niederlage für die Kanzlerin gewesen

"CDU und CSU sind jetzt für eine feste Frauenquote, beide Parteivorsitzenden unterstützen dieses Ziel", sagt sie. Horst Seehofer und Angela Merkel hätten sich festgelegt, die Union ändere – wieder einmal – ihren Kurs. Von der Leyen behauptet, ihrer Partei beim Thema Frauenquote einen Richtungswechsel abgerungen zu haben. Für den Hamburger Gesetzentwurf der SPD hätte es am Ende wohl ohnehin nicht genug Stimmen gegeben, tröstet sie sich.

Keiner scheitert so schön wie sie. Und keiner scheitert so erfolgreich – auf wundersame Weise steht die Arbeitsministerin wieder mal gut da.

Von der Leyens Erfolg in der Sache hätte einen Misserfolg der Kanzlerin bedeutet. Denn ohne sichere Mehrheit im Parlament steht jeder Regierungschef auf wackligen Beinen. Was ist wichtiger: die Sache oder die Macht? Für die meisten in der Unionsfraktion war die Antwort klar. Sie finden, dass eine stellvertretende Parteivorsitzende im Wahljahr nicht auf das eigene Tor schießen darf. Sie konnten ihre Arbeitsministerin nicht verstehen. Was will die bloß, fragten sie. Eine Quote? Oder etwas ganz anderes?

Ursula von der Leyen, geborene Albrecht, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, siebenfache Mutter – seit zehn Jahren ist sie Ministerin, erst in Hannover, dann in Berlin. Hinter ihr liegt eine der steilsten politischen Karrieren der Nachkriegszeit, und ein Wahlkampf, in dem sie für die Kanzlerin unverzichtbar ist, liegt vor ihr. Sie ist die Angstgegnerin der Opposition. Mit Vorschlägen für Krippenausbau, Mindestlöhne und Frauenquoten raubt sie der SPD seit Jahren erfolgreich den Boden. Sie füllt Säle, spricht Wechselwähler an, vor allem Frauen. Sie kann Gegner kleinreden. Sie ist kein Spielverderber: Wenn es sein muss, lässt sie sich sogar öffentlich küssen, zum Beispiel vom Weltstar George Clooney, den sie bei der Verleihung des deutschen Medienpreises zuvor in einer Laudatio gepriesen hatte. Sie kann lächeln.