Natürlich hat er Heimweh. Er vermisst seine Stadt, seine Frau und seinen Sohn, die zurückgeblieben sind. Er vermisst es, einfach um die Ecke ins Café, abends ins Kino oder nur spazieren zu gehen. Eben das zu tun, was man als Europäer in europäischen Städten so tut. Aber Sergio Andrade will nicht zurückgehen nach Vila do Conde, in einen Badeort in der Nähe von Porto. Fragt man ihn, warum, nennt er zwei Zahlen: 2.000 und 14.000.

2.000 Euro hat er in seinem früheren Leben verdient, daheim in Portugal – und da konnte er sich schon glücklich schätzen, überhaupt einen Job zu haben. Nun bekommt der 42-Jährige 6.000 US-Dollar netto, als IT-Manager eines Lebensmittelunternehmens in der angolanischen Hauptstadt Luanda. Obendrauf Zuschläge für Miete, Strom und Telefon, ein Auto mit Fahrer, eine Hausbedienstete und jährlich mehrere Flugtickets nach Portugal. "Alles in allem entspricht das ungefähr 14.000 Dollar im Monat", sagt Andrade und blickt aus seinem Bürofenster hinaus auf Tatalona, ein Viertel am Rande der Stadt. Vor einigen Jahren war hier nichts als Natur zu sehen. Jetzt sind die Hügel übersät mit kleinen, weißen Villen. Dort leben die Ausländer, die ins Land gekommen sind. Wie Sergio Andrade.

"In Portugal gibt es so viele 30-jährige Hochschulabgänger, die noch bei ihren Eltern wohnen und bei McDonald’s arbeiten", sagt er. Sein blaues Hemd spannt am Bauch, und wenn sein rundliches Gesicht etwas ausstrahlt, dann Zufriedenheit. Ein Krisenopfer stellt man sich anders vor, doch Andrade gehört zu den Abertausenden von Portugiesen, die wegen des ökonomischen Niedergangs ihrer Heimat geflohen sind: nach Brasilien, nach Mosambik und vor allem nach Angola. Die portugiesische Botschaft in Luanda schätzt die Anzahl ihrer dauerhaft in Angola lebenden Landsleute auf 150.000. Viele weitere pendeln beruflich regelmäßig zwischen beiden Ländern.

Die ehemalige portugiesische Kolonie und das ehemalige "Mutterland" verbinden eine gemeinsame Sprache, viele Mischehen und Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte. Die hat nun eine radikale Wendung genommen: die einstige Kolonialmacht Portugal liegt wirtschaftlich am Boden, ihre einstige Kolonie Angola boomt, Angolas Bruttoinlandsprodukt wuchs 2012 um fast zehn Prozent. Die portugiesische Wirtschaft hingegen schrumpfte im vergangenen Jahr zum vierten Mal in Folge, diesmal um 3,3 Prozent. Vor zwei Wochen kippte das portugiesische Verfassungsgericht Teile des mit der EU vereinbarten Sparpakets, was die Regierung in Lissabon nun zu alternativen, womöglich noch schmerzhafteren Haushaltskürzungen zwingen wird.

Mehr als vier Jahrzehnte lang war Angola eine Ortsmarke für Horrormeldungen über Kriegsverbrechen, Landminen, Flüchtlinge. Dreizehn Jahre dauerte der brutale Kampf um die Unabhängigkeit, nach der 1974 fast sämtliche Portugiesen das Land verließen. Es folgte ein 27 Jahre anhaltender, nicht minder verheerender Bürgerkrieg, der 2002 endete. Ein gutes Jahrzehnt später ist Angola eine mittlere Ölmacht mit nachgewiesenen Reserven von mehr als zehn Milliarden Barrel. Allein mit den Ölausfuhren des vergangenen Jahres verdiente das Land umgerechnet mehr als 48,5 Milliarden Euro. Was ihm fehlt, sind qualifizierte und Portugiesisch sprechende Arbeitskräfte, um sein rasantes Wirtschaftswachstum aufrechterhalten zu können. Die hat Portugal. Dort liegt die Arbeitslosenquote inzwischen bei knapp 17 Prozent.

Die Nord-Süd-Migration wird also weitergehen. Portugal wird gut ausgebildete Arbeitnehmer verlieren, Leute wie Andrade. "Wir haben das Wissen, die haben das Geld", umschreibt ein portugiesischer Ingenieur trocken die neuen Verhältnisse.

Es ist eine historische Verkehrung alter Rollen zwischen einem europäischen und einem afrikanischen Staat – und gleichzeitig ein Déjà-vu: Zur Kolonialzeit war Angola ein gelobtes Land für arme Portugiesen, die dort als weiße Herren in der Plantagenwirtschaft reich werden konnten. Jetzt zieht es Portugals krisengebeutelte Mittelschicht nach Afrika, wo sie, meist gut bezahlt, für angolanische Unternehmer arbeiten.