Dirigent Daniel Harding"Man braucht Schamlosigkeit"

Der Dirigent Daniel Harding wurde nach einem schlechten Konzert verrissen. Die Kritik half ihm, sich zu verbessern. von Herlinde Koelbl

Dirigent Daniel Harding

Dirigent Daniel Harding  |  © Daniele Venturelli/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Harding, Sie standen bereits mit 17 Jahren auf der Bühne und dirigierten ein Orchester. Sie sahen noch aus wie ein Kind, wie schafften Sie es, sich durchzusetzen?

Daniel Harding: Zum Glück erwartet niemand von einem jungen Dirigenten, dass er die gleiche Autorität besitzt wie ein Siebzigjähriger. Wenn man jung ist, ist daher vieles noch einfacher. Schwierig wurde es erst später: 2006 hatte ich eine Phase, in der ich sehr unter Druck stand.

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ZEITmagazin: Woher kam der Druck?

DANIEL HARDING

37, stammt aus Oxford. Als Schüler am Musikgymnasium bat er Simon Rattle um einen Schulbesuch, wenig später machte Rattle ihn zu seinem Assistenten. Seitdem hat er alle wichtigen Orchester der Welt dirigiert. Am 28. April feiert »Der fliegende Holländer« an der Staatsoper Berlin mit Harding am Pult Premiere

Harding: Ich war sehr aggressiv, provozierend und wütend auf die ganze Welt, einfach auf alles und jeden, immer bereit, einen Streit zu provozieren. Dann hat sich meine Frau Beatrice von mir getrennt, nach zwölf gemeinsamen Jahren. Ich hatte einen Tiefpunkt in meinem Leben erreicht.

ZEITmagazin: Woran ist Ihre Ehe zerbrochen?

Harding: An meiner Unfähigkeit, offen und ehrlich über Gefühle und unsere Beziehung zu sprechen. Sobald das Thema aufkam, erstarrte ich völlig. Als meine Frau zu mir sagte: "So will ich nicht mehr weitermachen, es reicht!", konnte ich nur erwidern: "Oh, aha." Anstatt zu sagen: "Nein, bitte, bitte mach das nicht!" Ich habe nicht einmal versucht zu kämpfen. Damals dachte ich, es sei peinlich, über Gefühle zu reden. In dieser Verfassung gab ich mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg ein Galakonzert zu Mozarts 250. Geburtstag. Wissen Sie, die Menschen lauern immer auf die nächste große Attraktion, und eine Zeit lang war ich das. Das schafft eine unglaubliche Energie, die einen eine gewisse Strecke lang trägt. So stand ich da, mit 30 Jahren, und dirigierte die Wiener Philharmoniker genau in dem Moment, in dem mein Leben in Trümmern lag. Obwohl Freunde mich davor gewarnt hatten, in meinem Zustand in dieses Haifischbecken zu steigen.

ZEITmagazin: Wäre es besser gewesen, auf Ihre Freunde zu hören?

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Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Harding: Die österreichische Presse hat mich regelrecht in Stücke gerissen, es war ziemlich schrecklich. Aber wichtig ist nicht, was passiert, sondern was du daraus machst. Natürlich muss ein Orchester auch gnadenlos sein und kann nicht wegsehen, wenn etwas nicht gut läuft. Ich war einfach erbärmlich und hatte so schlecht dirigiert wie noch nie in meinem Leben. Sie haben mich nicht rausgeworfen, aber ich erhielt einen ernst zu nehmenden Schuss vor den Bug.

Leserkommentare
  1. ist nach meiner Meinung Herr Harding ein furchtbar überschätzter Dirigent. Aber das funktioniert in dem Metier wohl ebenso wie bei moderner bildender Kunst: Ist man einmal auf dem "Markt" angekommen, schafft die sich ständig potenzierende Außenwahrnehmung Selbstläufer, an denen alle teilhaben wollen. Wirklich gute Kunst kommt dabei nur sehr selten heraus.

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