ZEITmagazin: Herr Harding, Sie standen bereits mit 17 Jahren auf der Bühne und dirigierten ein Orchester. Sie sahen noch aus wie ein Kind, wie schafften Sie es, sich durchzusetzen?

Daniel Harding: Zum Glück erwartet niemand von einem jungen Dirigenten, dass er die gleiche Autorität besitzt wie ein Siebzigjähriger. Wenn man jung ist, ist daher vieles noch einfacher. Schwierig wurde es erst später: 2006 hatte ich eine Phase, in der ich sehr unter Druck stand.

ZEITmagazin: Woher kam der Druck?

Harding: Ich war sehr aggressiv, provozierend und wütend auf die ganze Welt, einfach auf alles und jeden, immer bereit, einen Streit zu provozieren. Dann hat sich meine Frau Beatrice von mir getrennt, nach zwölf gemeinsamen Jahren. Ich hatte einen Tiefpunkt in meinem Leben erreicht.

ZEITmagazin: Woran ist Ihre Ehe zerbrochen?

Harding: An meiner Unfähigkeit, offen und ehrlich über Gefühle und unsere Beziehung zu sprechen. Sobald das Thema aufkam, erstarrte ich völlig. Als meine Frau zu mir sagte: "So will ich nicht mehr weitermachen, es reicht!", konnte ich nur erwidern: "Oh, aha." Anstatt zu sagen: "Nein, bitte, bitte mach das nicht!" Ich habe nicht einmal versucht zu kämpfen. Damals dachte ich, es sei peinlich, über Gefühle zu reden. In dieser Verfassung gab ich mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg ein Galakonzert zu Mozarts 250. Geburtstag. Wissen Sie, die Menschen lauern immer auf die nächste große Attraktion, und eine Zeit lang war ich das. Das schafft eine unglaubliche Energie, die einen eine gewisse Strecke lang trägt. So stand ich da, mit 30 Jahren, und dirigierte die Wiener Philharmoniker genau in dem Moment, in dem mein Leben in Trümmern lag. Obwohl Freunde mich davor gewarnt hatten, in meinem Zustand in dieses Haifischbecken zu steigen.

ZEITmagazin: Wäre es besser gewesen, auf Ihre Freunde zu hören?

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Harding: Die österreichische Presse hat mich regelrecht in Stücke gerissen, es war ziemlich schrecklich. Aber wichtig ist nicht, was passiert, sondern was du daraus machst. Natürlich muss ein Orchester auch gnadenlos sein und kann nicht wegsehen, wenn etwas nicht gut läuft. Ich war einfach erbärmlich und hatte so schlecht dirigiert wie noch nie in meinem Leben. Sie haben mich nicht rausgeworfen, aber ich erhielt einen ernst zu nehmenden Schuss vor den Bug.

"Dirigiere mit deinem Körper, dann werden sie dir folgen"

ZEITmagazin: Was hat Ihnen aus dieser Krise geholfen?

Harding: Dass ich mich nicht beleidigt zurückgezogen habe. Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen, wenn man etwas verbockt hat. Ich wollte herausfinden, was ich selbst an dieser Situation und an mir verbessern konnte. Das hat mich gerettet, und dazu einige sehr gute Freunde, die mir halfen, das Ganze in die richtige Perspektive zu rücken. Intelligente und konstruktive Kritik von Menschen, die ich respektiere, sehe ich mir genau an. Dadurch wurde ich besser und stärker. Mein Ehrgeiz treibt mich an, Erfolg zu haben. Keinen rein äußerlichen, in Form von Auszeichnungen oder Medaillen, aber innerlichen, in meiner Entwicklung und in meiner Arbeit. Die Dinge sollen so laufen, wie ich das gerne hätte. In dieser Hinsicht bin ich wohl etwas zwanghaft.

ZEITmagazin: Sie konfrontieren sich mit Ihren Schwächen.

Harding: Ja. Simon Rattle war mein erster Mentor, und er sagte immer über mich: Daniel hat so wunderbare Arme! Erst Jahre später erkannte ich, dass ich körperlich nur sehr unzureichend ausdrücken konnte, was ich an musikalischen Ideen im Kopf hatte. Ein Musiker des Alban Berg Quartetts sagte einmal: Wenn ein Orchester das machen soll, was du willst, dann sprich nicht darüber. Zeig es ihnen im Moment des Dirigierens mit deinem Körper, dann werden sie dir folgen. Mark Stringer, ein guter Freund, Professor für Orchesterdirigieren in Wien, half mir dabei. Er hat mich über Monate hinweg begleitet und mich bei der Arbeit gefilmt. Gemeinsam analysierten wir jede Bewegung. Er hat mich eine neue Sprache gelehrt, mit der ich körperlich die feinsten Nuancen meiner musikalischen Vorstellungen nach außen tragen kann. Die Veränderung war so grundlegend, dass Orchestermusiker, die mich längere Zeit nicht gesehen hatten, sie sofort bemerkten und mich darauf ansprachen. Physisch muss man dafür in Topform sein. Und man braucht Schamlosigkeit, ich muss meine Hemmungen vergessen, dann kann ich mit den Armen magische Dinge vollbringen.

ZEITmagazin: Gibt es etwas, das Sie fürchten?

Harding: Meine Mutter hat einmal gesagt: "Eine der schwierigsten Erkenntnisse im Leben ist, dass wir uns alle an irgendeinem Punkt mit unserer Mittelmäßigkeit abfinden müssen." Das ist ein sehr ernüchternder Gedanke, und ich hoffe, dass ich so langsam besser werde, dass ich nie an den Punkt gelange, an dem ich mir eingestehen muss, dass es nicht mehr weitergeht. Das könnte ich nicht ertragen.