Noch ein Buch über Schulpolitik. Diesmal von einem Philosophen und Vater. Das klingt gut. Die Schulpolitik ist zu oft Tummelfeld von Hysterikern und Vereinfachern. Viel Glaube, wenig Vernunft. Viel Religion und Mission, wenig Wissen und Diskussion. Wer Richard David Prechts Buch liest, wird aber schnell enttäuscht. Noch ein Eiferer. Einer, der alles besser weiß. Einer, der behutsame Veränderungen ablehnt. Einer, der wieder einmal eine sofortige "Bildungsrevolution" und die Abschaffung des bisherigen Schulsystems fordert. Eine Nummer kleiner geht es offensichtlich nicht.

Precht ist so richtig in Fahrt. Auf den ersten 164 Seiten erklärt er das gesamte deutsche Schulsystem pauschal für bankrott. Eine einzige "Bildungskatastrophe"! Kasernenartige Schulgebäude, sinnlose Lernstoffe, Klausuren-Terror, "Bulimie-Lernen" (Schüler "kotzen" sinnlos Gelerntes in Klausuren wieder aus), demotivierte Schüler, überforderte Lehrer, Massenflucht in die Privatschulen.

Fehlt da etwas? Vielleicht, dass unsere Schulen in der letzten internationalen Studie klar besser bewertet wurden als die in England, Frankreich, Italien, USA, Schweden, Dänemark? Dass Privatschulen anderswo viel stärker verbreitet sind als bei uns? Dass Deutschlands bewunderter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg ohne unsere Schulen nicht denkbar wäre? Bloß keine Differenzierungen!

Warum findet Precht die deutschen Schulen so schlecht? Weil seiner Meinung nach Polit-Bürokraten, wettbewerbsorientierte Mittelschichtseltern und die Pisa-Testindustrie die Schulen missbrauchten, um Kinder zu sortieren und zu trennen. Damit zerstörten sie die natürlichen kindlichen Lernprozesse. Und das natürlich mit Absicht. Ihre Waffen: Zensuren, Klausuren, isolierte Schulfächer, 45-Minuten-Segmente und zu viel Lernstoff. Den hält Precht für weitgehend sinnlos, wichtiger seien Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Selbstbewusstsein, Humor und Reflexionsfähigkeit. Doch weil sich solches "Können" nicht messen lasse, werde auf Geheiß der Schulverderber sinnloser, aber messbarer Stoff gepaukt. Vermutlich haben diese Schulgangster auch noch die EU-Krise angezettelt. Ich habe schon intelligentere Verschwörungstheorien gelesen...

Dabei stellt Precht spannende Fragen. Können wir Lernstoff verringern? Diese Debatte ist für jeden Kultusminister gefährlich, dennoch muss sie dringend geführt werden. Eine ganze Menge kann weg, da hat Precht recht. Aber was? Mozart? Mitose? Multiplizieren? Maskulinum? Mikrovolt? Marathon? Außer der "deutschen Grammatik" und der "Vektorrechnung" fällt Precht nichts ein.

Was ist mit Prechts These, dass es in der Schule heute mehr um das Können und weniger um das Wissen gehen müsse, weil Wissen ohnehin überall zugänglich sei? Einspruch: Ohne erlerntes Wissen lässt sich die Wissensfülle nicht ordnen. Ohne Wissen begreife ich weder die tagesschau noch meine Bohrmaschine. Wer nichts weiß, versteht nichts.

Und wie steht es mit der Beziehung von Wissen und Können? Wer wie Precht das Erlernen von Wissensstoff zugunsten des Erlernens von Kompetenzen reduzieren will, hält "Wissensstoff" offensichtlich für ein lebloses Material, mit dem sich "Können" einüben lässt. Richtig: Man kann sowohl mit einer Speisekarte als auch mit Goethes Werther das Lesen üben. Hier ist der "Stoff" nur austauschbares Material. Wer aber Selbstreflexion über Liebe und Verzweiflung lernen will, sollte besser zum Werther und nicht zur Speisekarte greifen. "Lernstoff" ist nämlich keineswegs nur gehaltloses Material, sondern oft mit dem "Können" untrennbar verwoben.

Na gut, Ungenauigkeit, Rechthaberei und Polemik gehören wohl immer zur Schulpolitik. Aber sind Prechts Vorschläge wenigstens vernünftig? Seine "Bildungsrevolution" fordert eine Ganztagsschule ohne Zensuren, Schulfächer, Lernstoff, 45-Minuten-Einheiten, Klassenverband, Lehrpläne. Jedes Kind lernt in eigenem Tempo, gerne auch am Computer. Es gibt altersgemischte Lerngruppen. Lehrer sind keine "Belehrer", sondern Begleiter beim selbstständigen Lernen. Und das alles in einer Schule für alle bis Klasse 10, danach folgen Oberstufe oder Berufsschule.

Klingt nett, geht aber tatsächlich nur mit einer Revolution. Mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen, Milliardenkosten und Millionen verkorkster Bildungskarrieren. Denn in den zu erwartenden Schulkriegen wird eine ganze Schülergeneration jahrelang nicht richtig lernen. Warum? Weil sich Deutschlands Schulen eben nicht "so mal eben" "von oben" "mit einer guten Idee" unfallfrei "revolutionieren" lassen.

Jede Veränderung findet am offenen Herzen in vollem Betrieb statt. Mit Unterricht, Abschlussprüfungen und Lebensentscheidungen im Sekundentakt. Mit 700.000 Lehrern, 11 Millionen Schülern und 22 Millionen Eltern. Ihre über 30 Millionen Lebensbilder, Bildungsvorstellungen, Fähigkeiten und Überzeugungen sind "die deutsche Schule". Für eine neue Schule sind 30 Millionen Veränderungen nötig. Jede kann Jahre dauern. In Hamburg hat allein der Streit um die sechsjährige Grundschule – in Prechts Maßnahmenkatalog nur eine Fußnote – einen dreijährigen Schulkrieg angezettelt, der die Schulen bis heute belastet.