Zurzeit erleben wir, dass Laufsteg und Straße sich in einem Punkt enorm unterscheiden: sexiness. Von den Designern wird das Thema eher subtil behandelt. Die Tendenz geht zu cleanen, coolen Looks im Stil von Céline. Oder es wird ein Bild zarter Weiblichkeit gezeichnet wie bei Valentino. Wer bei den Schauen in New York, Mailand und Paris sexiness sehen wollte, musste sich beim Defilee von Versace umschauen, wo die Models in knallig getöntem Latex aufmarschierten. Ansonsten war wenig Offenherzigkeit angesagt. Von Ausnahmen abgesehen, wie etwa die Show von Marc Jacobs, der in New York das Model Lily McMenamy ohne Oberteil auf den Laufsteg schickte.

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Ein anderes Bild liefert die Straße: Dort gibt es so viel sexiness wie nie zu sehen, umgesetzt vor allem in Jeans. Der Look der sogenannten Skinny Jeans versorgt die Umwelt schnell mit Informationen zu Beschaffenheit von Beinen und Hintern der Trägerin. Das amerikanische Jeanslabel Guess, für das einst die junge Claudia Schiffer warb, macht jetzt folgerichtig Werbung mit alten Anzeigenmotiven und dem Slogan: "30 sexy Jahre".

Dass ausgerechnet die Jeans – eine ja eher raue Arbeiterhose – zum Symbol von sexiness wurde, hat eine längere Geschichte. 1971 sorgte das Cover des Albums Sticky Fingers der Rolling Stones für Aufsehen, auf dem eine sehr enge Jeans in Höhe des Schritts abgebildet war – mit allem, was sich da beim Mann so abzeichnet. In den achtziger Jahren modelte die damals 15-jährige Brooke Shields für Calvin-Klein-Jeans. In einem Werbespot beantwortete sie die Frage, was sie unter ihren "Calvins" trage, mit "nothing". Seither steht die sexy Jeans für Erotik, die nicht devot daherkommt. Die Frau macht sich nicht hübsch für den Mann, sondern sie ist sexy an und für sich. Diese Art von sexiness ist heute so allgegenwärtig, dass man sie angepasst nennen muss. Wenn alle sexy sein wollen oder wenigstens ein bisschen, dann ist sexiness auch ein bisschen spießig.

Vielleicht ist es an der Zeit, für Kleidungsstücke die neue unsexiness auszurufen. Leider gibt es kein Plattencover mehr, um sie zu propagieren.

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