Anschlag in BostonNiemals weichen

Amerika beugt sich dem Terror nicht. Die Nation verteidigt die Werte der freien und solidarischen Gesellschaft. von 

Polizeibeamter in Boston zwei Tage nach den Anschlägen

Polizeibeamter in Boston zwei Tage nach den Anschlägen  |  © Spencer Platt/Getty Images

Noch kennen wir die Schuldigen nicht*, doch trägt der Angriff auf den Bostoner Marathon die klassische Handschrift der Al-Kaida oder ihrer Ableger. Die Bomben: analog zu Madrid 2004 und London 2007 vollgepackt mit Schrapnell, um die größtmögliche Zahl von Menschen zu morden. Das Datum: Patriots’ Day, ein hoher Feiertag der amerikanischen Zivilreligion, der auf den dritten Montag im April fällt, um den Ausbruch des Revolutionskriegs gegen England zu zelebrieren; die ersten Schüsse fielen 1775 in den Bostoner Vororten Lexington und Concord.

Copley Square: ein Ort, ideal für den Massenmord – mit Läufern und Zuschauern aus aller Welt. Das Signal: perfekt gesetzt, gerade weil der Terror besiegt schien. Dafür hatten Tausende von Drohnen-Angriffen gesorgt, insbesondere aber der Tod von bin Laden und seiner engsten Platzhalter. Seit 9/11 vor zwölf Jahren wurde jeder Anschlag in Amerika vereitelt – nicht zuletzt, weil Amateure am Werk waren. Es war also Zeit für eine Machtdemonstration aus dem Dunkeln – professionell geplant und ausgeführt.

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Die Weiterungen wären ebenfalls Teil des Plans, wenn denn die Kaida-Theorie bestätigt wird. "Wir werden herausfinden, wer es war, und sie zur Rechenschaft ziehen", gelobte der Präsident. Wird die Spur in den Jemen, nach Pakistan oder Nordafrika führen? Wird Amerika zurückschlagen? Das wäre genau "richtig" in der pathologischen Logik des Terrorismus – die Supermacht, die trotz Rückzugs aus dem Irak und aus Afghanistan wieder Krieg gegen ein islamisches Land führt. Eine bessere Rekrutierungshilfe könnten sich die Killer nicht wünschen.

Der "Logik" zweiter Teil: Wer immer es auch war, Amerika wird die Mauern der Inneren Sicherheit wieder höher ziehen und die bürgerlichen Freiheiten schmälern. Copley Square zeigt die Schwachstellen im System. Der nächste Marathon, das nächste Footballspiel wird im Schatten von Polizeiaufmärschen stattfinden, flankiert von scharfen Personenkontrollen. Der Sicherheitsperimeter von Flughäfen wird ausgedehnt werden; bislang kann jeder einen Bombenkoffer unbehelligt in den Schalterbereich tragen. Die Überwachung des E-Mail- und Telefonverkehrs wird sich verdichten.

Jeder amerikanische Präsident erlebt seinen Schicksalsmoment

Das ist der "Sinn" des Terrors: Angst und Schrecken zu verbreiten, das Vertrauen der Menschen – den Zusammenhalt einer jeden Gesellschaft – zu zerstören. Was kann gemeiner und zugleich effektiver sein, als ein Freudenfest wie den Bostoner Marathon (seit 1897) in einem Blutbad zu ersäufen und dabei die ganze Welt zu besudeln? Der Terror ist wie eine gigantische "Steuer", die seine Drahtzieher dem freien Gemeinwesen aufzwingen – mit den billigsten Mitteln. Die Strategen nennen es "asymmetrische Kriegführung".

Jeder amerikanische Präsident erlebt irgendwann seinen Schicksalsmoment, da er nicht mehr lavieren kann. Bei Roosevelt war es der japanische Angriff auf Pearl Harbor 1941, bei Truman die nordkoreanische Invasion des Südens 1950, bei Kennedy die Kubakrise 1962, bei Carter der Sowjeteinmarsch in Afghanistan 1979, bei Reagan die sowjetische Herausforderung durch die Mittelstreckenraketen, bei Vater und Sohn Bush die Kriege gegen den Irak.

Dass Obama ein sanfterer, friedensbewegter Präsident sei, ist nicht ausgemacht. Wenn es islamistische Terroristen waren, wird er zur Gewalt greifen, den Friedens- zugunsten des Kriegspräsidenten abschütteln. Dieses Muster zieht sich durch die amerikanische Geschichte. Und die Republikaner, Machtkampf hin oder her, werden sich um ihn scharen – jedenfalls vorläufig.

Leserkommentare
  1. 1. Kritik

    Wenn man eine große Nation sehen will, die vorbildlich mit Terror umgegangen ist, dann sollte man meiner Meinung nach auf Norwegen und nicht auf die USA schauen.

    "Der Terror wird nur obsiegen, wenn er die Seele einer Nation vergiftet, die seit 1770 der Adams-Tradition treu geblieben ist."

    Eh habe ich seit 2001 irgendwie geschlafen?

    24 Leserempfehlungen
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    Das ist ein typischer Klick-Sammelartikel. Jeder Absatz mit wenigstens einer Provokation versehen.

    Ich frage mich, wie Herr Joffe es wohl hingedreht hätte, wenn die Schnellkochtopfbomben gefüllt mit Schwarzpulver und Schrapnells per so hoch gelobter Drohnen eingeflogen wären.

    "Die perfide Logik des Terrors

    Nach 2001 schien der Terror besiegt, doch Amerika muss sich ihm erneut stellen. Die Nation verteidigt die Werte der freien und solidarischen Gesellschaft. Von Josef Joffe"

    Der Teaser ist mal so schlecht.
    1. Der Terror wurde nicht 2001 besiegt, sondern der Kampf dagegen erst ausgerufen. Mit der Konsequenz einer Ermordung Bin Ladens und Gadaffis ohne jegliche Rechtssprechung. Genauso wie Kurnaz ohne Beweise, ohne Verhandlungstermin in Guantanamo festgehalten und gefoltert wurde. Genauso wie täglich ohne Verhandlung Drohnenangriffe gegen mutmaßliche Terroristen geflogen werden.
    Der Terror ist seit 2001 unser täglicher Begleiter.

    2. Freie Werte? Fragen sie mal Kurnaz und die anderen unschuldig Verhafteten danach, was Solidarität des Westens bedeutet.

    Aber ganz übel wird mir bei sowas, und da hab ich aufgehört zu lesen:

    "Noch kennen wir die Schuldigen nicht*, doch trägt der Angriff auf den Bostoner Marathon die klassische Handschrift der Al-Kaida oder ihrer Ableger."

    Bringen sie einen Beweis dafür im restlichen Artikel? Dann lese ich vielleicht weiter. So aber ist das nur reiner Humbug und mieses Spiel. Journalismus würde ich das nicht mehr nennen.

    So und jetzt darf man mich blocken.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jk

    Der Terror von 2001 in den USA und der von 2011 in Norwegen sind aber nicht so ganz vergleichbar, vor allem da beim einem die Täter von außen kamen und beim anderen aus dem innerer. Wenn ein Norweger so einen Mist anstellen, wie sollte Norwegen dann reagieren? Oslo bombardieren?

  2. "Dass Obama ein sanfterer, friedensbewegter Präsident sei, ist nicht ausgemacht. Wenn es islamistische Terroristen waren, wird er zur Gewalt greifen..."

    Drohnenprogramm, disposition matrix, gnadenlose Verfolgung von Whistleblowern, Gitmo. Obama war von Anfang an eine Mogelpackung.

    22 Leserempfehlungen
    • Oyamat
    • 17. April 2013 18:54 Uhr

    Der "Krieg gegen den Terror" wurde in all den zurückliegenden Jahren immer wieder angeführt, um Angst-Maßnahmen durchzudrücken: Das Verbot der Mitnahme von Flüssigkeiten in Flugzeugen ebenso wie die Überwachung von jeder Lebensregung, die in irgendeinem Moment digital erfassbar geworden war.

    Der Terror hat Schritt um Schritt gewonnen. Und das kann m.E. jeder sehen, der einen Blick auf das Verhältnis von Überwachern zu Überwachten in Amerika und Europa wirft. Was Deutschland angeht, hat er in Boston bereits seinen nächsten Sieg eingeholt. War vielleicht nicht die erste Intention, aber ein Steinchen im Spiel um die Zukunft der zivilen Gesellschaften.

    Wenn irgendwann Böller, Eieruhren, Kochtöpfe und Nägel nur noch gegen Vorlage des Personalausweises oder Personenkennziffer verkauft werden dürfen, hat Boston seine Wirkung nicht verfehlt.

    Der Terror läuft seinen eigenen Marathon, und jede Verschärfung irgendwelcher Gesetzt wirkt da wie ein Energy-Drink. Wenn der Terror nicht ans Ziel kommen soll, muß die Angst der "Herrscher", der Politiker und Sicherheitsbehörden, aufhören. Aber davon ist weit und breit nichts zu erkennen. Der Lauf geht weiter.

    MGv Oyamat

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    genau so ist es. Die Paranoia ist so hoch wie noch nie. Die westliche Welt ist auf geradem Wege zum totalen Überwachungsstaat. Die Freiheiten werden stark eingeschränkt und die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr. Man ist schuldig, bis man das Gegenteil beweisen kann.

    http://www.heise.de/tp/ar...
    http://www.heise.de/tp/ar...
    http://www.heise.de/tp/ar...

    dann kann man sich des begründeten Verdachts nicht erwehren, dass so ein bisschen Terror ganz gerne auch von den ach so Guten zu sehr erwünschten Zwecken eingesetzt wird.
    Ich mag diese Hymne auf die amerikanische Edelmütigkeit im bekannten Stil von J.J. gar nicht lesen. (Überfliegen reicht und man weiß, was kommt!)

  3. "Die Nation verteidigt die Werte der freien und solidarischen Gesellschaft"

    SOLIDARISCH?

    In USA ist man schon ein hero, wenn man selbstverständliche Erste Hilfe leistet, soweit ist diese Nation von Solidaritätsbegriff anderer zivilisierter Nationen entfernt.

    Realsatire durch Realitätsverweigerung des Autors.

    31 Leserempfehlungen
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    Herr Joffe, wo leben Sie? Oder wollen Sie irgendwo Regierungssprecher werden?

    Ich kenne kein solidarischeres Volk.
    Liegt vielleicht daran, dass man Nächstenleibe nicht an den (Wohlfahrts-)Staat auslagert wie in Deutschland, sondern sich der Einzelne SELBST berufen sieht, zu helfen.

    Wenn Sie einmal in den USA einen (Auto-)Unfall miterlebt haben (bei mir in Nevada, 2008), wissen Sie, wovon ich spreche...

    ...daraus resultierende Konsequenz - nicht wie bei uns. Die USA ist ein denkbar schlechtes, wenn nicht das schlechteste Beispiel für mangelnde Solidarität auf diesem Planeten.

    • conure
    • 17. April 2013 18:56 Uhr

    hier trägt nix die Handschrift von Al Qaida.

    Aber dass der "Drohnenkrieg" wirksam gegen den "Terror" sein,
    das dürfte ins Land der Fabeln gehören.
    Einzelne Aktive werden ermordet, gleichzeitig ebenso Hunderte
    von völlig unbeteiligten Zivilisten , was wiederum neuen Hass, Wut, Hilflosigkeit und Terror verursacht.

    Eine sinnlose, zynische Spirale der Gewalt, von der immer
    noch viele Menschen profitieren.
    An ihren Schreibtischen ,in klimatisierten Büros,fernab von
    Dreck, Verzweiflung, Angst und Horror.
    Schön, wenn man die eigene Person und die eigene Familie
    in Sicherheit weiß.
    Die unschuldigen Drohnenopfer kennen derartigen Luxus
    von Sicherheit nicht.

    Es gab schon längere Zeit keinen Artikel mehr von Ihnen....
    dieser ist unverkennbar aus Ihrer Feder.

    23 Leserempfehlungen
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    was Sie wohl einem Terroristen sagen würden. Was Sie denen sagen, die REagieren, weiss ich jetzt.

  4. Dafür hatten Tausende von Drohnen-Angriffen gesorgt. [...]"

    ------------------------------------------------------------

    ..... ohne worte .....

    18 Leserempfehlungen
  5. "Amerika beugt sich dem Terror nicht. Die Nation verteidigt die Werte der freien und solidarischen Gesellschaft."

    Amerika hat nach dem 11. September seine demokratischen und rechtstaatlichen Grundsätze Stück für Stück über Bord geworfen.(Systematische Folter, halten von Terrorverdächtigen als Kriegsgefangene ohne Zivilprozess, Patriot Act etc..) Ein Prozess der mit Bush begann und sich unter Obama fortgesetzt hat.

    Amerika beugt sich dem Terror nicht? Der Terror hat in Amerika längst gewonnen.

    23 Leserempfehlungen
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    es mehr eine Trotz-Reaktion, die Terroristen gewinnen nicht, die US-Amerikaner verlieren trotzdem.
    In einem haben Sie Recht, die USA scheinen nicht viel von Freiheit zu halten, ansonsten würden sie diese verteidigen und nicht beim ersten Anzeichen von Problemen über Bord werfen.

  6. Lieber Herr Joffe,
    Sie mögen der Herausgeber meiner Lieblingzeitung sein, und das rechne ich Ihnen hoch an, aber bitte verschonen Sie uns in Zukunft mit solcherlei Gefasel.

    Die Behauptung im ersten Abschnitt liess mich aufmerken. So eine dumpfe Unterstellung bin ich mir von der Boulevard- und Gratispresse gewohnt, nicht aber von der ZEIT.

    Nach zwei Abschnitten war ich mir sicher, dass sich jemand ein Scherz erlaubt und war gespannt, wie die Geschichte wohl aufgelöst würde. Selten habe ich eine solch poentierte Medienkritik gelesen.

    Nach der ersten Seite war ich am Boden zerstört und den Tränen nahe.
    Als ich nach der unzumutbaren Lektüre zweiten Seite gesehen habe, dass dieses amateurhafte Geschrubbel vom Ihnen persönlich stammt war ich baff...

    Der ganze Text besteht nur aus hohlem Pathos, Halb- und Unwahrheiten, die einer ZEIT nicht würdig sind.

    Zum Glück sehen das meine Mitkommentatoren ähnlich. Das hat mich wieder etwas beruhigt und mich ermuntert, diesen Kommentar zu schreiben.
    Die Zeit hat einige gute Artikel zu den furchtbaren Anschlägen veröffentlicht, warum muss nun ein solcher Text, der aus einer Rede von G. W. Bush stammen könnte, die gute Berichterstattung zur Sau machen?

    Bitte, bitte verzichten Sie in der Printausgabe auf diesen hanebüchenen Artikel.

    Sie geben die meiner Meinung nach beste Zeitung im deutschsprachigen Raum heraus, lassen Sie es gut sein und überdenken Sie diesen Artikel nochmals.

    Danke!

    39 Leserempfehlungen
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    Herr Joffe hat möglicherweise seine Kunst des Schreibens dort verfeinert und auch seine Denkweise.

    Anders lässt sich das ausgefeilte orwellsche Neusprech nicht einordnen.

    Mit dieser Form von Realsatire dient DIE ZEIT der Wahrheitsfindung. Insofern ein Lob, Herr Joffe.

    vielleicht sollte die zeit Herr joffe einen ralitaetskursus finanzieren.

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