US-Serie "Vice" : Hipster im Krieg

Mittendrin und krass dabei: Die US-Serie "Vice" versucht, den politischen Journalismus zu revolutionieren – und findet viele Fans.

Wer Shane Smith auf der Straße trifft, wird ihn kaum für den einzigen westlichen Journalisten halten, der es je an den Abendbrottisch des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un geschafft hat. Mit seinen tätowierten Armen, der Bierflasche in der Hand und dem Biker-Charme sieht sogar er selbst sich eher als "Hemingway für Arme". Aber mit einem Coup hat Smith (42) seine Medienfirma Vice im Februar endgültig weltberühmt gemacht: Er präsentierte dem Basketballfan Kim Jong Un dessen NBA-Lieblingsstar Dennis Rodman als Gegenleistung für freien Zutritt ins verbarrikadierte Nordkorea. Vice (Laster) heißt auch das Nachrichtenformat, mit dem Shane Smith unter anderem in Deutschland immer mehr Fans gewinnt. Eine Art politisches Abenteuer-Fernsehen begeistert Teenager, die niemals Tagesschau sehen würden. Ist Vice die Zukunft des Politjournalismus?

Der amerikanische TV-Sender HBO, der die Vice-Nachrichtenserie seinen 110 Millionen Haushalten in den USA anbietet, wirbt mit dem Slogan "Neuigkeiten vom Rand des Abgrunds". Vice schickt seine Reporter, meist Mitte 20-jährige Jungs mit Röhrenjeans und Hipster-Bärtchen, in die Slums von Karatschi, zu bezahlten Politikerkillern auf die Philippinen oder in Hauptquartiere der afghanischen Taliban, um mit Kindern zu sprechen, die zu Selbstmordattentätern abgerichtet werden. In Liberia begleitete einer von ihnen "General Butt Naked" – einen Kannibalen und Offizier, der nichts trägt als seine Machete. Auf dem Gelände von Tschernobyl, wo der Geigerzähler verrückt spielt, schossen Shane und eine Vice-Redakteurin aus Berlin mit Maschinenpistolen auf mutierte Wildschweine, nachdem sie sich auf der 29-stündigen Zugfahrt in die Ukraine gründlich betrunken hatten.

"So weit drin, dass man nicht wieder rauskommt"

Beim Kultsender HBO, der hierzulande auch für Serien wie die Sopranos geschätzt wird, ist Shane Smith mit seinem Straßenköter-Journalismus gut aufgehoben. Bei Vice nennen sie ihre Arbeitsweise immersionism: Man wirft sich ins Geschehen, wird Teil von ihm, "wie ein Taschenmesser, das in den dunklen Gedärmen der Gesellschaft verschwindet" (Vice-Homepage). So wie George Orwell als Penner unter Pennern in Paris und London lebte oder Günter Wallraff als "Gastarbeiter Ali" bei ThyssenKrupp – mit ganzem Einsatz. Man zieht sich an, wie alle angezogen sind, verbringt Tage und Wochen vor dem Dreh mit den locals, man ist, in Shanes Worten, "so weit ›drin‹, dass man nicht wieder rauskommt".

"Ihr seid doch nur Touristen in den Tragödien anderer Leute!", lautete vergangene Woche ein Vorwurf auf Twitter. Das war allerdings kurz bevor ein Vice-Reporter einen südkoreanischen Pastor begleitete, der nachts einer Gruppe von Nordkoreanern zur Flucht nach China verhalf. Jahre im Arbeitslager wären wohl noch der geringste Preis der Entdeckung gewesen.

Vorbild ist der "Gonzo-Journalismus" Hunter S. Thompsons

Wenn abgehackte Köpfe oder Hände im Bild erscheinen, dann soll das die "Absurdität des modernen Lebens" ebenso zeigen wie Berichte von Modenschauen, deren Autoren zuvor LSD genommen haben. Der Ton bei Vice ist sarkastisch, aber engagiert. Man sagt, sooft es geht, "Fuck", "Shit" und solche Dinge, man trinkt sein Bier und wischt sich den Schweiß ab. Die Politreportagen werden eingerahmt von Geschichten über "den größten Arsch Brasiliens" oder "meinen Monat ohne Sex".

Der Säulenheilige dieses von Rockmusik unterlegten heroischen Reportertums ist der amerikanische Autor Hunter S. Thompson, der für den Rolling Stone den "Gonzo-Journalismus" prägte, indem er zum Beispiel mehrere Monate mit Hell’s-Angels-Mitgliedern lebte. Im Unterschied zu ihm bekennen sich die Macher von Vice allerdings zu Aktivisten, die für Besserung arbeiten. Wer sich gegen Menschenhandel mit nordkoreanischen Frauen oder für die Resozialisierung von Kindersoldaten einsetzen will, wird auf der Redaktions-Website mit Adressen versorgt.

Amerikanische Kritiker, von der New York Times bis zum Onlinemagazin Salon, haben Vice gefährliche Sensationshascherei vorgeworfen. "Was passiert eigentlich, wenn einer von euren Leuten stirbt?", fragte ein entgeisterter Times-Korrespondent nach der New Yorker Premierenparty von HBO. "Ich mache mir keine Sorgen," erklärte ihm ein HBO-Abteilungsleiter. "Die wissen, wie man das spielt. Es gibt einfach einen unendlichen Hunger nach einer neuen Form für internationale Nachrichten." Wenn man 20-Jährige dazu kriegen wolle, sich für so etwas zu interessieren, müsse die Frage lauten: "Werde ich meinem Kumpel in der Bar davon erzählen? Ja? Cool."

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