Knapp gewählt und schon umstritten: Venezuelas neuer Päesident Nicolas Maduro © REUTERS/Carlos Garcia Rawlins

Würde Venezuela in der kommenden Woche wählen, hieße der neue Präsident höchstwahrscheinlich Henrique Capriles. Denn der hohe Favorit Nicolás Maduro hatte sich bis zum vergangenen Sonntag mit jeder Wahlkundgebung mehr als völlig überforderter Chávez-Imitator erwiesen. Am Ende verlor er im Vergleich zu Chávez’ Wahlsieg über Capriles vor einem halben Jahr über 600.000 Wählerstimmen.

Schon als die Chavisten in der Wahlnacht auf dem Balkon des Palastes Miraflores auf den Zittersieg warten mussten, standen sie nicht mehr alle hinter dem Kandidaten. Neben anderen fehlte Parlamentspräsident Diosdado Cabello. Der starke Mann mit den Beziehungen zum Militär twitterte stattdessen: "Die Resultate zwingen uns zu tiefschürfender Selbstkritik." Es gelte, den Blick nach innen zu richten, auf die Organisation der Partei. Cabello, der seine zur Seite geschafften Millionen in modernen Einkaufszentren angelegt hat, sieht die Kernfrage des Landes ohne Illusion: Ohne mehr öffentliche und private Investitionen erleidet der krisengeschüttelte Ölriese Schiffbruch.

Chávez konnte mit überwältigendem Charisma sein Versagen als Administrator überspielen. Maduro fehlt die Stärke seines Vorgängers, während er dessen Schwäche teilt. Jeden Versuch eines Krisenmanagements muss er nun mit einem halben Dutzend Rivalen abstimmen, die weniger Skrupel, aber mehr Intellekt und Power besitzen als er. Schon im Wahlkampf versuchte der Präsidentschaftskandidat vergeblich, gegen emotionale Ernüchterung und Erschöpfung anzukämpfen. Seine servilen bis infantilen Reden erreichten einen Teil der Chavisten nicht mehr, die schwatzten, Bier tranken, tanzten. Ohne die Befehlsgewalt des großen Caudillos werden auch in der Partei viele mit nachlassendem Eifer ausführen, was von oben kommt. Der Chavismus unter dem neuen Präsidenten wird träger werden – und sich dem latenten Phlegma eines Mannes anpassen, der es einst als Busfahrer zu einem Rekord an Krankschreibungen brachte. Die Konkurrenten in den eigenen Reihen werden den Präsidenten drängen – und damit in seinem chavistischen Maulheldentum schwächen –, mit der Opposition zu verhandeln, um von diesem maroden Staat und seinen legendären Sozialprogrammen zu retten, was zu retten ist.

Insofern hat der nur knapp geschlagene, alerte und rechts-mittige Oppositionsführer mit seinem Ruf recht: "Maduro, der große Verlierer sind Sie!" Capriles bemängelt irreguläre Wahlabläufe und verlangt, dass die Stimmen neu ausgezählt werden. "Dies ist eine vorläufige Regierung!", verkündet er. Ähnliches gilt allerdings auch für sein Lager, das nur eine vorläufige Oppositionskraft darstellt. Die Anfechtung der Wahl soll vor allem seine Motivation verlängern. Die Nagelprobe kommt erst bei den Kommunalwahlen im Juli: Falls die Gegner der Chavisten dann allerdings wieder unter den Fähnchen der vielen Splitterparteien und mit endlosen Namenslisten antreten, werden sie ihren Erfolg nicht wiederholen können.

So tief gespalten das Land auch ist – Anfang der Woche kamen bei Protesten gegen Maduro mehrere Menschen ums Leben –, vorerst werden die Militärs den Präsidenten halten und gegen Neuwahlen abschirmen. Der Verteidigungsminister erklärte vorbeugend: "Wir richten uns nicht nur nach der Verfassung, sondern sind auch Garanten des Ergebnisses." Ein Viertel der Minister in Maduros Kabinett ist aus den Rängen der Armee aufgestiegen. Doch ein Held wie der Ex-Offizier Chávez ist Maduro für die Generäle nicht. Er hat nicht gedient. Und geschlossen stehen die Militärs ohnehin nicht hinter ihm: Gegenwärtig suchen die Chavisten fieberhaft nach einem unbekannten, aber aktiven General, der bereit gewesen wäre, Capriles nach einem Sieg als Verteidigungsminister zu dienen. Gewählt ist Nicolás Maduro bis 2019; dass er sich so lange im Amt halten kann, ist keineswegs sicher.