Eigentlich scheint die Sache ja längst entschieden: Die Weltgesellschaft wird von der Wirtschaft errichtet, unablässig wälzen deren gigantische Kräfte alles um. Die Globalisierung seit 1989 ist eine ökonomische Angelegenheit, der Politik und Geist hechelnd hinterherhinken. Diese revolutionäre Macht des Kapitals wird von den Ideenproduzenten von jeher beklagt – dabei ist die Lage ganz so klar nicht. Denn dass Intellektuelle eine Avantgarde der Weltgesellschaft sind, beweist eine phänomenale Kulturzeitschrift seit einem Vierteljahrhundert erfolgreich. In den Elisabeth-Höfen, unweit des Landwehrkanals im Berliner Stadtteil Kreuzberg, entsteht Lettre International; über einem Portal dieser Gewerbehofanlage prangt die protestantisch-asketische Mahnung "Die Stunde ruft / Nütze die Zeit!"

Frank Berberich, der schnauzbärtige taz-Mitbegründer, hat sich unter diese Maxime gestellt; seit 1988 produziert er viermal im Jahr zäh und unermüdlich die deutsche Ausgabe der Zeitschrift, die damals ein Teil eines Zeitschriftenprojekts war, das vom tschechischen Autor Antonín Liehm im Pariser Exil begründet wurde. Das Ergebnis ist von einer sinnlichen Anmutung, die bei einer Intellektuellenpublikation aus dichten, langen Texten überrascht. Neben Layout und Typografie bewirken das die Künstler, die in Lettre international ihren Auftritt haben: Jörg Immendorff machte 1988 den Anfang, Gerhard Richter, Ilja Kabakow, Georg Baselitz, Rosemarie Trockel und viele andere folgten. Natürlich ist Lettre auch ein Coffeetableobjekt der gebildeten Stände, das in der Nanosekundenhektik des Internetzeitalters frischer wirkt als viele Netzprodukte.

Entscheidend aber für den Avantgardestatus ist der Kosmopolitismus von Lettre, der pro Ausgabe 18.000 Käufer erreicht: Als die Mauer die Welt noch spaltete, kamen hier bereits die europäischen Bürgerrechtler zu Wort. Hier wuchs früh zusammen, was zusammengehört: Autoren aller Kontinente betrieben in Reportagen und Essays Globalisierung avant la lettre; bis heute wittert dieses hochsensible Netzwerk internationaler Intellektueller den Wandel lange vor den Managern. Selbstverständlich ist das nicht: In den sechziger Jahren scheiterte das Projekt einer europäischen Kulturzeitschrift namens Gulliver vor der ersten Nummer, in den achtzigern existierte das Magazin Transatlantik wenige Jahre.

Anders bei Lettre: Zum 25. Geburtstag ist jetzt die großartige 100. Ausgabe erschienen, unter dem selbstbewusst-ironischen Titel Niveau sans frontières. Wieder könnte die reine Textmasse einige Taschenbücher füllen; erneut sind kluge Köpfe, 34 Autoren und 37 Künstler, versammelt: Daniel Richters Bild fordert Freedom for Assange, es gibt ein letztes Gespräch mit dem kürzlich verstorbenen Stéphane Hessel, Essays über indische Frauen, ägyptische Muslimbrüder, russischen Luxus und chinesische Exzesse. Liao Yiwu, Heinz Bude, Slavoj Žižek und Michail Ryklin sind dabei, den Wandel des Wissens deuten Boris Groys und Roberto Calasso, eine hinreißende Reportage über eine fahrende Frauentheatertruppe in Anatolien liefert Elif Batuman. So erzeugt Lettre ein Nahverhältnis zur Ferne und zeigt stolz: Es kommt darauf an, die Welt verschieden zu interpretieren – auch in den nächsten 25 Jahren.