AgnethaNach den Sternen

Mit Abba war sie ein Weltstar. Als die Gruppe sich trennte, wählte sie die Abgeschiedenheit. Nun wagt sich Agnetha zurück. von  und Christoph Dallach

Glaubt man, was man über Agnetha Fältskog lesen kann, dann grenzt es an ein Wunder, dass sie hier ist. Sie sei eine zweite Greta Garbo, lebe zurückgezogen auf einem einsamen Hof; wenn sie überhaupt mal in der Öffentlichkeit zu sehen sei, gebe sie keine Interviews. Ihre Fröhlichkeit sei Verbitterung gewichen, ein wenig wunderlich sei sie, von Phobien und unglücklichen Liebesgeschichten geplagt. Als sie ihr letztes Soloalbum veröffentlichte, vor zehn Jahren, verzichtete sie fast vollkommen auf öffentliche Auftritte. Sie wolle sich damit, sagte sie damals, endgültig aus der Musikwelt verabschieden.

Aber jetzt sitzt sie hier, auf dem gemütlichen Sofa in einer Suite des Stockholmer Grand Hotel, um über ein neues Album zu reden. Das es fast nicht gegeben hätte: weil sie sich lieber um ihren neuen Hund kümmern wollte als um ein Comeback. So hatte es unten in der Lobby der Musikproduzent Jörgen Elofsson erzählt und dabei seine Augen zu zwei riesigen Ausrufezeichen aufgerissen. Fältskog wollte ihn nicht treffen, als er ihr über Freunde ausrichten ließ, er würde gern ein Album mit ihr aufnehmen: Der Hund müsse sich schließlich an sie und die neue Umgebung gewöhnen. Erst nach Monaten lud sie Elofsson doch ein. Zu der "Audienz", wie er sagt, wollte er auf die Minute pünktlich erscheinen. Er war zu früh, also wartete er, der immerhin schon Hits für Britney Spears und Kelly Clarkson geschrieben hat und mit einem breitbeinigen Selbstbewusstsein auftritt, vor der letzten Kurve zu ihrem Bauernhof im Auto, nervös wie ein Schuljunge, der weiß, er bekommt nur diese eine Chance.

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Oben in der Suite leuchtet Stockholm hinter den Fenstern in der Sonne, "der erste Frühlingstag", sagt Agnetha Fältskog, und man glaubt, dass sie jetzt lieber woanders wäre, draußen vielleicht, auf ihrem Hof. Der überraschende Gedanke, den man hat, wenn man mit ihr spricht: Sie strahlt weder professionelle Kühle aus noch kalkulierte Wärme. Sie kann sich nicht verstellen. Ihre Freundlichkeit ist echt, doch richtig wohl fühlt sie sich nicht. Wir sind zu zweit zum Interview gekommen, aber sie bittet darum, das Interview zu teilen und erst mit dem einen und dann mit dem anderen von uns zu sprechen. Zwei Journalisten auf einmal, das traut sie sich noch nicht zu. Sie ist vorsichtig. Weil sie sich zurückwagt auf das Eis, von dem sie nie ganz sicher war, dass es sie trägt.

Sie nimmt die Schallplatte in die Hand, die wir ihr mitgebracht haben: ihr erstes Soloalbum, 1968 hat sie es aufgenommen, da war sie 18 Jahre alt. 45 Jahre sind mehr als ein halbes Leben. Jahre, in denen aus ihrem Namen ein A von Abba wurde, in denen sie vor Zehntausenden Menschen sang, Millionen verdiente, in denen auf der ganzen Welt jeden Tag ihre Stimme irgendwo im Radio zu hören war. Jahre, in denen sie erlebte, wie es ist, mit ihrem Mann Björn Ulvaeus vor aller Augen zu leben und sich vor aller Augen zu trennen. In denen sie die überschwängliche, manchmal erdrückende Liebe der Öffentlichkeit aushielt und deren Sucht nach Gerüchten. Solche Jahre können Spuren in einem Gesicht hinterlassen, es härter machen, maskenhafter. Aber wenn man beide zusammen sieht, die 18-jährige Agnetha Fältskog und die 63-jährige von heute, dann fällt auf, wie verblüffend ähnlich sie sich geblieben sind in dem, was ihren Ausdruck prägt: in diesem schüchternen Lächeln, das immer noch zurückhaltend ist und ein wenig schief, wie damals.

Warum aber hat sie sich herausgewagt, warum geht sie aus ihrem neuen Leben einen Schritt in ihr altes zurück? Eigentlich, das sagt sie selbst, habe sie gar kein Interesse daran gehabt, wieder Musik zu machen. "Als Jörgens Anfrage kam, war ich von meiner eigenen Neugier überrascht. Ich habe gemerkt, dass ich wohl noch nicht ganz mit der Musik abgeschlossen hatte." Und vielleicht spürte sie auch, dass es für sie eine ebenso einmalige Chance sein würde: die Chance, nach all den Jahren ihr altes Leben und ihr neues zusammenzuführen. Denn die Kluft zwischen diesen beiden Leben, und darum wird es in der Dreiviertelstunde mit ihr gehen, war groß.

Ihr Album heißt A. Ein Statement: "Ich bin ja ein A von Abba", sagt sie, ein Teil dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte. Und zugleich ist der Titel eine subtile Ansage, als wolle sie versuchen, das A herauszulösen aus der Verschmelzung, die Abba war. Die Nachnamen der Beatles kennt jeder, von Abba höchstens die Vornamen. Wer jünger als 40 ist, kennt nicht mal die: Da ist Fältskog ganz einfach "die Blonde von Abba". A ist wie eine doppelte Rückkehr zu der Agnetha, die in Abba aufging: Zum einen, weil sie sich, wie ganz früher, als Solokünstlerin präsentiert. Und vor allem, weil das Album nicht klingt wie das einer Großmutter. Sondern so, wie eine jüngere Agnetha heute klingen würde.

Ende der sechziger Jahre, als Agnetha Fältskog noch unter ihrem vollen Namen auftrat, war sie erfolgreicher als die anderen drei, mit denen sie später Abba sein würde. Ihre Lieder, die sie selber schrieb, landeten ganz oben in den schwedischen Charts. "Die Jahre vor Abba", sagt sie, "waren die kreativsten meiner Karriere." Sie kommt aus einer musikalischen Familie, ihr Vater war "ein richtiger Showman, er spielte Gitarre, meine Mutter hat gesungen". Mit fünf Jahren komponierte sie ihr erstes Lied, auf dem Klavier der Nachbarn, "mit einem märchenhaften Text über zwei Trolle, die in einem dunklen Wald leben und sich darüber unterhalten, was sie jenseits des Waldes erwartet". Das Lied hat sie aufbewahrt, bis heute.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für den interessanten Artikel!
    Nach der CD "My Colouring Book " aus dem Jahr 2004 habe ich kaum noch mit einer neuen CD gerechnet. Habe schon einen Titel über die Videoplattform vimeo gehört, sehr schön! Im Moment läuft sehr viel Werbung über ihre Facebook-Seite und ihren neuen YouTube-Kanal. Ich werde mir die CD natürlich kaufen.
    Einmal Agnetha-Fan, immer Agnetha-Fan...

  2. Agnetha ist gut alt (älter) geworden. Ich hätte mir ein besseres Bild gewünscht.

  3. Einen Quertreiber gab es immer.

    Ich habe übrigens kürzlich den Sound wiederentdeckt, den ABBA geklaut hat.

    Auf einer uralten Schallplatte der "Fifth Dimension.".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ja, sicher, und (mindestens) eine Spassbremse, wie Ihr "Kommentar" eindrucksvoll belegt.

  4. Ja, sicher, und (mindestens) eine Spassbremse, wie Ihr "Kommentar" eindrucksvoll belegt.

    6 Leserempfehlungen
  5. Da wird jemand mit richtig harter Arbeit reich und bleibt bodenständig. Wenn das kein Grund ist, diese Frau zu achten ...

    PS: Ich würde ABBA gerne noch einmal zusammen sehen.

  6. Die Band hat selbst ihre Songs komponiert. Allenfalls ließen sie sich von "Tifth Dimension" inspirieren. Falls sie die Band kannten. Sich an anderen Musikern zu orientieren ist nicht falsch. Schriftsteller machen das auch nicht anders. "Klauen" passt daher nicht. Dieses Mainstream-Bashing ist echt nicht nötig.

    Eine Leserempfehlung
  7. ....erinnert an diesen wunderbaren Artikel:
    http://www.zeit.de/2013/1...

  8. Ich freue mich immer, etwas über Agnetha Fältskog zu lesen, aber der Artikel unterschlägt doch glatt ihre Aufnahmen aus den 1980er Jahren nach dem Ende von Abba. Ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit fand nämlich nicht unmittelbar nach der Trennung statt, sondern erst 1989. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie mehrere Soloalben aufgenommen und auch in einem Fernsehfilm mitgespielt. Im "Musikladen" von Radio Bremen war sie ein gern gesehener Gast. All das wird mit keiner Silbe erwähnt, um die schöne Geschichte auch ja nicht zu trüben.

    Eine Leserempfehlung

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