Terrorismus : Obamas Wende

Wieder einmal scheint es so, als ob Amerika auf eine terroristische Bedrohung überreagiert. Der Eindruck täuscht.

Panzerwagen fahren auf, und 9.000 bis an die Zähne bewaffnete Polizisten machen Jagd auf einen einzigen Mann. Auf einen gerade einmal 19 Jahre alten Studenten, der beschuldigt wird, mit zwei Bomben drei Menschen getötet und mehr als 170 verletzt zu haben. Als drohe der Millionenstadt ein Inferno, wird Boston einen Tag lang abgeriegelt, werden die Bewohner aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Fernsehsender überschlagen sich mit immer neuen Schreckensnachrichten, und auf Twitter lässt sich die Suche nach Dschochar Zarnajew, einen Amerikaner russischer Herkunft, live verfolgen.

Angesichts dieser kriegsähnlichen Bilder fragen wir uns in Europa: Drehen die Amerikaner im Kampf gegen den Terror wieder einmal durch? Finden sie auch unter Barack Obama Maß und Mitte nicht?

Sofort werden auch die bösen Geister von Guantánamo wieder wach. Eine gnadenlose Regierung, die meint, für Terroristen gelte der Rechtsstaat nicht. Ein hemmungsloser Überwachungsstaat, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 viele Innenstädte mit Tausenden von Kameras ausgerüstet hat, die jede Bewegung der Bürger festhalten. Der Bombenanschlag von Boston wird diesen Trend fortsetzen.

Auch brechen sogleich die alten ideologischen Gräben wieder auf. Kaum ist der junge Dschochar Zarnajew gefasst, fordern rechte Politiker, ihn unverzüglich als "feindlichen Kombattanten", als Gefangenen aus dem Antiterrorkrieg vor ein Militärtribunal zu stellen. Ihr altes, unseliges Argument: Das Sonderverfahren erlaube es, den Beschuldigten beliebig auszuhorchen und sein Recht auf Aussageverweigerung einstweilen aufzuheben.

Die bösen Geister von Guantánamo

Doch nur auf den ersten Blick schien Amerika in den vergangenen zehn Tagen in den Unrechtszustand der Bush-Ära zurückzufallen. Denn im Grunde handelte der Staat mit Bedacht und Augenmaß. Natürlich passierten Pannen und Fehler. Auch führte nicht die Ausgangssperre zur Ergreifung des Gesuchten, sondern erst deren Aufhebung. Nicht einer der 9.000 ausschwärmenden Polizisten entdeckte das Versteck in einem Boot, sondern ein aufmerksamer Bewohner, als er wieder auf die Straße durfte.

Doch was wäre die Alternative zum martialischen Polizeieinsatz gewesen? Terrorbekämpfung ist immer eine Gratwanderung, und hinterher ist man stets klüger. Die zwei mutmaßlichen Bombenleger schienen zum Äußersten entschlossen und wollten maximale Verheerung anrichten. Auf ihrer Flucht erschossen sie einen Polizisten, entführten einen Autofahrer und warfen Granaten auf ihre Verfolger. Sie besaßen weitere Bomben, und der bei einem Schusswechsel getötete ältere Bruder trug, wie es heißt, sogar einen Sprengstoffgürtel. Auf jeden Fall konnte die geballte Staatsmacht wenigstens verhindern, dass weitere Menschen zu Schaden kamen. Die Einwohner des linksliberalen Boston dankten es Polizei und FBI mit stundenlangen Jubelrufen. Der Ausnahmezustand dauerte keine 24 Stunden, in Massachusetts redet darum niemand von einer Überreaktion.

Überhaupt hat sich in Boston der Welt ein neues, selbstbewusstes, ja fast abgeklärtes Amerika präsentiert – und ein inmitten der Terrorgefahr umsichtig agierender Präsident. Das war keineswegs selbstverständlich. Obamas Rechtsstaatsbilanz fällt bislang eher dürftig aus. Manches handhabt er kaum besser als sein hemdsärmeliger Vorgänger George W. Bush. Und Obama hat wichtige Versprechen gebrochen. Das Gefangenenlager in Guantánamo existiert immer noch, ebenso das Militärtribunal. Der Präsident unterzeichnete sogar ein Gesetz, das es erlaubt, besonders gefährliche Terrorverdächtige ohne Prozess dauerhaft wegzusperren. Zu Recht geben ihm die Bürgerrechtsverbände schlechte Noten.

Verlagsangebot

Der Kult ums gesunde Essen

Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht: Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich? Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

ÄH Sorry

Aber waren das nicht UNSERE VERBÜNDETEN ???? Bis wir anfingen ohne Kriegserklärung auf sie zu schiessen, weil sie es gewagt hatten Beweise für Osamas Schuld zu sehen befor sie ihn auslifern wollten ?

Äh .... wir mssen sie gar nicht bekämpfen. Wir waren mal mit ihnen verbündet und lebten nett nebeneinander her. Sie halfen sogar beim Krieg gegen die Drogen.

Also warum liest sich ihr Kommetar so als ob eine friedliches miteinander nicht existiren könnte ? Es hat lange Zeit existiert.

ja nun, erst denken,

dann handeln war wohl nicht ganz G.W. Bush sein Ding! Und das haben wohl nicht alle Wähler in den USA bemerkt! Obwohl, ist er nicht nur deshalb Präsident geworden, weil sein Bruder als Gouverneur in Florida die Stimmen so lange hat auszählen lassen, bis........
Nun hat Obama das Problem! Und nicht das amerikanische Volk, nein, einen Terroristen in ein Gefängnis in Texas, das wollen wir nicht!