Venedig BiennaleKumpel und König

Er ist der jüngste künstlerische Leiter in der langen Geschichte der Biennale von Venedig: Massimiliano Gioni. Wird er die Kunstschau revolutionieren? von Judith E. Innerhofer

Massimiliano Gioni während einer Ausstellung in Florenz, 2011

Massimiliano Gioni während einer Ausstellung in Florenz, 2011  |  © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Das Frankensteinsche Monstrum der Kunstwelt hat, wie so oft in letzter Zeit, kaum geschlafen. Gegen 11 Uhr an diesem Berliner Morgen lehnt es sich an die Hotelbar und besorgt noch einmal Kaffee. Den schwarzen natürlich, kurz, stark, ungesüßt. Ein Schluck, dann ist Massimiliano Gioni wieder da. Erwartungsvoll geht eine Braue nach oben. Nicht etwa, dass Gioni, ein 39-jähriger Italiener, eine abstoßende Gestalt wäre mit seiner athletischen Statur und dem Appeal des jüngeren Clooney dank Silberschläfen nebst schwarzen, großen Augen. Aber folgt man einer Erklärung, die der Mexikaner Cuauhtémoc Medina einmal gegeben hat, so verkörpert Massimiliano Gioni ganz eindeutig das zeitgenössische Kultur-Pendant der Frankensteinschen Kreatur: ein Konglomerat der disparatesten Berufskategorien, einen Macher und Alleskönner, der "im Durcheinander von Identitäten und von disziplinären Konstrukten lebt".

Kurz: einen Kurator.

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Und Massimiliano Gioni ist ja nicht irgendein Kurator. Seine Karriere liest sich wie der amerikanische Traum einer ganzen Generation von Art-Biz-Studenten: Es ist die Story vom Jungen aus der geografischen wie kulturellen Provinz, der innerhalb weniger Jahre zum Stern der schillernden Kunstmetropole New York aufsteigt und mühelos die globalisierte Ausstellungsszene in Beschlag nimmt.

Den bis dato finalen Adelsschlag hat Gioni im Januar letzten Jahres empfangen. Da wurde er mit gerade einmal 38 Jahren zum Kurator der Biennale von Venedig 2013 ernannt, die am 1. Juni ihre Tore öffnen wird. Venedig, die Mutter aller Kunstbiennalen, die auch mit ihren 110 Jahren noch als bedeutendste unter den vielen Epigonen gilt. Ihre Leitung, der höchste Posten, auf den ein Ausstellungsmacher neben der Documenta hoffen kann. In der Art Review-Liste der einflussreichsten Akteure der Kunstwelt ist Gioni damit von Rang 80 auf Rang 19 vorgeprescht. "Unser Wunderkind", rufen italienische Medien verzückt, die amerikanische Vogue feiert den fotogenen Südländer und seine Frau Cecilia Alemani, auch sie Kuratorin, als neues Traumpaar der New Yorker Kunstszene, und zum "Kronprinzen der Kunstwelt" gar hat ihn das Wall Street Journal erhoben.

"Wir duzen uns doch, nicht wahr?"

Ein harter Mandelkeks knirscht hinter dem glatt rasierten Kiefer und mit ihm die ganze große Bürde. "Kronprinz? Na, dann hoffe ich nur, nicht so zu enden wie Lady Di!" Die Nonchalance des Kumpels aus dem Sportverein gilt als Markenzeichen des jungen Kurators, dem man trotz alledem noch am Tresen eine Versicherungspolice abnehmen würde. In der Kunstszene kommt Gioni damit ebenso gut an wie bei Mäzenen, Sponsoren und selbst bei den exzentrischsten Artistenseelen. Mühelos wechselt er vom plaudernden Small Talk in eine akademische Sprachphilosophiedebatte und beantwortet parallel noch Nachrichten am Smartphone. So unangestrengt der Gestus, so selbstlaufend scheint die Karriere.

Aber seit der Lagunenkrönung ist es erst einmal vorbei mit dieser Gelassenheit. Ansia, die Angst, ist der Begriff der Stunde. Gute zwei Dutzend Male kommt Gioni allein zwischen Hotelbar und Flughafen auf die Angst, den Zweifel und den Druck zu sprechen, die ihm nunmehr den Schlaf rauben. Vielleicht will er die Erwartungen ein wenig niedriger halten, wenn er Sätze sagt wie "Es macht mich nicht stolz, sondern ängstlich, der jüngste Venedig-Kurator in über hundert Jahren zu sein". Eines jedenfalls lässt sich nicht leugnen: "Gerade deswegen erwarten sich jetzt alle, wirklich alle, etwas besonders Innovatives."

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  2. En el candor
    de la fuente
    la nueva
    sensación que
    cándida regresa
    como el llanto
    de la noche.

    Francesco Sinibaldi

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