Normalität im Leben eines Studenten: Am Mittwoch der vorletzten Woche ging Dschochar Zarnajew ins Fitnessstudio an der University of Massachusetts-Dartmouth, er besuchte eine Party, auf der er Fußballkumpel traf. Danach legte er sich in sein Bett im Studentenwohnheim Pine Dale. Nur dass hier in Wahrheit nichts normal war. Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte der 19-Jährige mit seinem Bruder Tamerlan zwei Bomben beim Bostoner Marathonlauf gezündet, die drei Menschen töteten und fast 200 verletzten. "Ich bin ein stressfreier Typ", schrieb er nach der Bluttat bei Twitter. Und: "Im Herzen der Stadt gibt es keine Liebe."

Es gibt Geschichten von Terroristen, die einer regelrechten Zwangsläufigkeit zu folgen scheinen: Ein Schritt führt zum nächsten, logisch und nachvollziehbar, bis in eine tragische Verstrickung hinein, schließlich zu einer schrecklichen Tat. Mohammed Atta ist so ein Fall, der sich erst schleichend radikalisierte, dann die Nähe zu Al-Kaida suchte, rekrutiert und ausgebildet wurde und sich jahrelang auf den 11. September 2001 vorbereitete, so wie seine Mitverschwörer auch – alle mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen, verbunden durch ein transnationales Netzwerk und eine Ideologie. Ihre Anschläge veränderten die Weltpolitik.

Und es gibt Geschichten von Terroristen, die sind anders. So wie die der Brüder Zarnajew, in der gar nichts vorgezeichnet scheint. Einerseits folgt ihre Geschichte dem Muster des amerikanischen Traums von Ankunft, Aufstieg und Integration. Zugleich jedoch handelt sie von Fremdheit, Überforderung und mörderischem Hass. In Boston verübten die Brüder einen Anschlag, dessen Bilder lange im Bewusstsein bleiben werden, der auch gewiss eine Sicherheitsdebatte in den USA auslösen wird. Doch ihr Vorgehen ist schwer zu deuten. Es nützt jedenfalls nichts, als Reaktion eine Drohne zu starten. Es geht um eine neue Art von Terrorismus, und sie verlangt nach neuen Gedanken.

"Ich werde immer für ein Eichhörnchen bremsen", schrieb Dschochar

Die Geschichte der Brüder Zarnajew hätte vielleicht sogar gut ausgehen können. "Ich werde immer für ein Eichhörnchen bremsen, das die Straße überquert", schrieb Dschochar erst vor vier Monaten an seine Freunde. Und im November 2012, ebenfalls über Twitter: "Dieser Abend verdient Hennessy, ein cooles Mädchen und etwas Gras – die heilige Dreifaltigkeit."

Aber die Geschichte ging nicht gut aus. Am Tag nach der Party auf dem Campus erschießen die Brüder einen Polizisten. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd kommt Tamerlan, 26, ums Leben. Vermutlich, weil sein Bruder ihn auf der Flucht mit dem Auto überrollt. Dschochar wird am Freitag schwer verletzt unter einer Bootsplane entdeckt und festgenommen.

Wahrscheinlich handelten die beiden allein. Die Bombenbauanleitung sollen sie aus dem Al-Kaida-Magazin Inspire haben. "Der Schnellkochtopf sollte in einer belebten Gegend abgestellt werden", steht dort. "Mehr als einer können platziert werden." Genau so handhabten es die Brüder.

Die Zarnajews reihen sich damit in eine neue Generation von Terroristen ein, die sich gewissermaßen selbst rekrutieren. Mohamed Merah, der in Frankreich im vergangenen März sieben Menschen tötete, zählt dazu. Auch Arid U., der 2011 am Flughafen Frankfurt zwei US-Soldaten erschoss. Solche Attentäter sind schwer zu entdecken. Je umfassender ein Plan ist, desto mehr verdächtige Geldtransfers, Mitwisser und auffällige Kommunikation gibt es. Geheimdienste können dann versuchen, Zellen zu infiltrieren. Manchmal gelingt das. Aber ein Einzelgänger oder zwei Brüder? Abgeschotteter geht es nicht. Darauf setzen Gruppen wie Al-Kaida mittlerweile: lieber viele kleine 11. September, als alles auf einen weiteren gigantischen Anschlag zu setzen.

Nach Dschochars ersten Angaben bombten die Brüder aus islamistischen Motiven. Anscheinend glaubten sie, dass die Ermordung eines achtjährigen Jungen, einer 29-jährigen Restaurantmanagerin und einer chinesischen Austauschstudentin der Sache des globalen Dschihad nützen würde. Vielleicht redeten sie sich das auch nur ein. Es gibt Hinweise, dass das Auseinanderbrechen ihrer Familie eine Rolle gespielt hat. Kurz vor seinem Tod rief Tamerlan noch seine Mutter an, berichtet das Wall Street Journal: "Sie jagen uns. Mama, ich liebe dich." Gibt es so etwas wie einen dschihadistischen Amoklauf?

Am unteren Ende der Norfolk Street im Bostoner Stadtteil Cambridge, einer ruhigen Wohnstraße mit Sports Bars, Cafés und einem Liquor Store, steht das Haus mit der Nummer 410. Im dritten Stockwerk liegt die Wohnung, in der die Familie Zarnajew einst lebte: der Vater Anzor, die Mutter Zubaidat, die Töchter Ailina und Bella, die Söhne Dschochar und Tamerlan, die von hier aus zu Fuß zur Schule gingen. Als sie hier einzogen, hatten sie eine Odyssee hinter sich: Die Familie stammt aus Tschetschenien, aber die Söhne sind in Kirgisistan zur Welt gekommen, wohin die Familie des Vaters in der Stalin-Ära deportiert wurde. 1994 zog die Familie in die alte Heimat, kehrte aber ein Jahr später nach Kirgisistan zurück und ließ sich dann 1999 in Dagestan nieder. Die Zarnajews fühlten sich als Tschetschenen diskriminiert und bedrängt. Im Juli 2002 reiste Dschochar mit den Eltern in die USA, er beantragte und erhielt Asyl. Tamerlan kam mit den Schwestern nach, wahrscheinlich 2006. In der Norfolk Street waren sie nun wieder vereint. Und für ein paar Jahre schien die Existenz in den USA zu halten, was die Familie sich von der Auswanderung versprochen hatte: Sicherheit und ein besseres Leben.