Das politisch-physikalische Großexperiment der CDU/CSU ist in ein neues Stadium getreten. Probiert wird ja schon seit Längerem, wie sich Machtmaximierung zu Programmminimierung in der endlichen Legislatur verhält. Anders ausgedrückt: Wie weit kann man die Entinhaltlichung vorantreiben, bis die Macht implodiert?

Bekanntlich hat die Union alle größeren programmatischen Positionen unter der Führung von Angela Merkel systematisch geräumt: Wehrpflicht, Atomkraft, Normehe, Rolle der Frau, Mindestlohn, alles. Da bleiben folglich nur noch kleinste inhaltliche Unterschiede zu den anderen Parteien übrig. Hier lässt sich seit dieser Woche ein Gesetz, nennen wir es das erste Merkelsche Gesetz, ableiten: Sind die großen programmatischen Positionen abgeräumt, so verringern sich die Identitätsbedürfnisse einer Partei keineswegs, sie konzentrieren sich jedoch auf Nebensächlichkeiten.

Nur so ist es zu erklären, dass die Frage, wann eine wie hohe Frauenquote in welchem Starrheitsgrad bei Aufsichtsräten von deutschen Dax-Konzernen eingeführt wird, zu Verwerfungen innerhalb der Union führt, wie sie zu früheren Zeiten allenfalls zwischen Union und SPD möglich gewesen wären. Von Erpressung und Verrat ist die Rede, Rücktrittsdrohungen werden ausgestoßen und Nie-wieder-Schwüre abgelegt – wegen fast nichts.

Über Kristina Schröder fielen neue Feministinnen und alte Chauvis her

Auch die komplette Demontage der jungen Familienministerin binnen vier Jahren geht auf dieses Gesetz von der gleichbleibenden Unterscheidungsaggression bei sinkendem politischem Streitwert zurück. Kristina Schröder war vor die unmögliche Aufgabe gestellt, die reaktionären familienpolitischen Bedürfnisse insbesondere ihres Landesverbandes Hessen mit der liberalen Wirklichkeit der Mehrheit der Gesellschaft und der Lebenswirklichkeit christdemokratischer Wählerinnen und Wähler zu versöhnen.

Darum versuchte sie gleich zu Beginn ihrer Amtszeit, in den Postfeminismus auszuweichen. Postfeminismus könnte man als den frommen Wunsch definieren, alle Machtfragen zwischen Mann und Frau allein durch Gespräch und Überzeugungskraft zu regeln und dabei auf die Anwendung gesetzlicher Zwangsmittel zu verzichten.

Da das leider noch nicht möglich ist, stand Kristina Schröder unablässig von zwei Seiten unter Druck. Einmal vonseiten eines siegestrunkenen Neofeminismus, der im Vollgefühl seiner wachsenden moralischen und operativen Macht fröhlich-kannibalisch über Frau Schröder herfiel. Sodann jene hessischen CDU-Männer, die gegenüber ihrer landeseigenen Ministerin ein Verhalten an den Tag legten, wie sie es sich bei ihren Frauen, Töchtern und Sekretärinnen schon lange nicht mehr trauen.