Genealogie : Chinas Kampf um Rom

Stammen die Bewohner des chinesischen Dorfes Liqian tatsächlich von Römern ab? Manche Forscher glauben daran. Andere wittern ein Geschäft

Es war einmal eine wissenschaftliche Theorie, der Flügel wuchsen. Sie flog von London nach China, an den Rand der Wüste Gobi. Und mit einem Mal war es, als wären in diesem gottverlassenen Winkel Außerirdische gelandet. Römische Außerirdische in Federhelmen, umstrahlt von der Glorie des Imperiums. Sie schlichen sich in die Lokalregierung, in Tempel und Universitäten. Chinesische Bauern fühlen sich plötzlich ganz als Römer. Und alles nur wegen Homer Hasenpflug Dubs.

Im Jahr 1955 hielt der bekannte amerikanische Sinologe Dubs an der China Society in London einen aufsehenerregenden Vortrag. Lange hatten Forscher gerätselt, warum die antiken Großreiche Rom und China erst so spät in Kontakt getreten waren. Chinesischen Chroniken zufolge fand sich erstmals im Jahr 166 nach Christus ein Gesandter beim chinesischen Kaiser ein. Dubs zufolge aber sind die ersten Römer bereits 200 Jahre früher nach China gelangt.

Ihre Odyssee begann im Jahr 53 vor Christus, als Marcus Crassus gegen die Parthäer in Persien zu Felde zog. Die Schlacht wurde zum Desaster, die Hälfte der Legionäre starb, ein Viertel geriet in Gefangenschaft. Laut Plinius, dem Älteren, setzten die Parthäer die Gefangenen als Wachen an ihrer östlichen Grenze ein, dort, wo sich heute Turkmenistan befindet. Einige der Gefangenen, so Dubs, flohen und schlossen sich dem Heer der Hunnen an. 36 vor Christus aber wurden die Hunnen von den Chinesen vernichtend geschlagen. Unter den Gefangenen, die die Chinesen machten, befanden sich Dubs zufolge auch 145 römische Soldaten.

Zwar werden die in den chinesischen Chroniken an keiner Stelle erwähnt, doch ist dort die Rede von 145 Hunnensöldnern, die sich erst ergaben, als ihr König getötet worden war. Nur die Römer, folgerte Dubs, hätten so tapfer bis zum Ende gekämpft. Zudem beschreiben die Chroniken eine "Schildkröten-Verteidigungstechnik", mit der, Dubs zufolge, nur die "Fischschuppentechnik" der Römer gemeint sein könnte. Und schließlich sei da der Name des Dorfes, in dem die 145 Gefangenen angesiedelt wurden: Liqian. So bezeichneten die alten Chinesen das römische Reich.

Liqian, Wüste Gobi, Provinz Gansu, der Nordwesten Chinas. Ein Ort von einsamer Schönheit. Lehmhütten, die sich im Grasland ducken, in der Ferne schneebedeckte Berge. Liqian lag lange ziemlich genau am Ende der Welt. Und so erfuhr auch niemand von den eigentümlichen Kindern, die hier geboren wurden. Die Haut weiß wie Schnee. Augen blau wie der Himmel an einem Sommertag. Blondes, rotes, krauses Haar. Eine "Hautkrankheit" hieß es, "gelbhaarige Fremde". Niemand hatte je erklären können, warum die Kinder so aussahen.

"Ihr seid die Nachfahren römischer Legionäre", sagten die Fremden

Bis zu dem Tag, an dem die Italiener kamen, 1990 war das. Keiner im Dorf konnte sagen, wer sie waren und was genau sie wollten. Tatsache war: Ihre Ankunft war ein Spektakel. Echte Ausländer mit gewaltigen Nasen und Händen groß wie Mistgabeln. Mit riesigen Füßen stapften sie durchs Dorf, jeder Schritt verfolgt aus hundert Bauernaugen. Kurz bevor sie gingen, sagten sie den Satz, der einschlagen sollte wie eine Bombe: "Ihr seid die Nachfahren römischer Legionäre." Ganz Liqian versammelte sich in den Gassen, die Bewohner blickten in altbekannte Gesichter, und mit einem Mal war ihnen, als könnten sie Neues darin erkennen. Einen Hauch von Rom. "Vielleicht können wir bald ins Ausland reisen", flüsterte einer. "Womöglich unsere Kinder zum Studium hinschicken", ein anderer.

Dubs' These war in Gestalt eines jungen Australiers nach China gelangt. Debbie Harris war frisch geschieden und so gut wie pleite, als es ihn nach Asien verschlug, auf der Suche nach Dubs' geheimnisvollem Dorf. Er traf einen chinesischen Wissenschaftler, der schon lange zur Geschichte Liqians forschte. 1989 machte er sich auf den holprigen Weg nach Liqian und gab anschließend der französischen Agentur AFP ein Interview. Es war der Schneeball, der eine gewaltige Lawine auslösen sollte. Bald berichteten Medien im In- und Ausland, Harris' Buch Black Horse Odyssee wurde in China ein Bombenerfolg.

Nachdem die Italiener gegangen waren, erzählt Opa Sun, kamen die Funktionäre. Opa Sun, 70, sitzt in seinem Bauernhaus, in Liqian und wäre da nicht der Fernseher in der Ecke, man könnte meinen, es wären noch immer die fünfziger Jahre. Opa Sun trägt einen Mao-Anzug, stolz streicht er sich über den langen roten Bart. "Bald werden Ausländer kommen", sagten die Funktionäre. "Sie werden euch viel Geld geben. Reich werdet ihr werden."

Es kamen tatsächlich Besucher, "manchmal 70 Autos an einem Tag!". Ausländer waren auch darunter. Immer kamen sie zu Opa Sun, um seinen roten Bart zu mustern. Sie nahmen ihm Blut ab, um zu prüfen, ob er ein Römer sei. Ist er das? "Keine Ahnung. Hab mich nicht getraut zu fragen. Ich bin Analphabet und verstehe von diesen Dingen nichts." Wissen würde er es schon gerne. 1994, erzählt Sun, ließ die Lokalregierung einen römischen Pavillon auf der Anhöhe errichten. Da steht er nun zwischen Lehmhütten, als habe ihn ein Ufo dort abgesetzt. Anfangs, sagt Sun, "fanden wir ihn aufregend. Wir trafen uns dort, machten Fotos. Jetzt nicht mehr. Was sollen wir da?"

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Blutprobe, Gene her

Durch entsprechende Bluttests ließe sich sicher rasch herausfinden, ob da genetische Verbindungen bestehen (falls da noch was nachweisbar ist).
Grundsätzlich würde ich nicht ausschließen wollen, dass Römer es so weit nach Osten geschafft haben können. Aber solange eindeutige historische Fakten fehlen, bleibt es natürlich Spekulation. Allerdings eine sehr interessante, faszinierende Idee.
Bedenkt man, dass eine Reihe eroberter Völker sich bei Anpassung selbst als Teil des Reichs bzw. als "Römer" bezeichnen durften, so gibt es eine ganze Menge "römische" Ahnen, die den italienischen Stiefel niemals betreten haben.