Was geschieht mit der Jugend in einer alternden Gesellschaft? Das ist die Zukunftsfrage schlechthin, die Anita Blasberg letzte Woche in ihrer Polemik wider die Macht der Alten dramatisiert hat (ZEIT Nr. 17/13). Sie formulierte aber nicht nur Zukunftssorgen, sie zeigte sich schon heute von der Diskurshoheit der Älteren terrorisiert.

Der Soziologe Karl Otto Hondrich hat schon vor Jahrzehnten auf den Punkt hingewiesen, der im Allgemeinen übersehen wird, wenn das demografische Übergewicht der Alten diskutiert wird. Die jungen Leute stehen keineswegs nur vor dem Problem, als Erwachsene eine bedrohlich wachsende Zahl von Rentnern durchfüttern zu müssen. Sie sind bereits in ihrer Jugend bedroht, und zwar allein durch den Wandel ihrer Sozialkontakte. Während junge Leute in traditionellen Gesellschaften, in denen sie die Mehrheit stellen (wie etwa im Nahen Osten), vornehmlich untereinander verkehren, haben sie als Minderheit in den westlichen Gesellschaften plötzlich mehr Kontakt mit Älteren als mit ihresgleichen. Wahrscheinlich ist dies der Punkt, den Anita Blasberg meint, wenn sie von ihrem Eindruck spricht, dass sich das Leben für Menschen unter 40 wie ein "immerwährendes Auswärtsspiel" anfühlen kann.

Doch wusste Hondrich auch Strategien zu nennen, mit denen Jugend sich dem Zugriff der Älteren entzieht: durch Verweigerung und Rückzug, durch Ausbildung einer Jugendkultur, Jugendsprache, die dem Verständnis der Erwachsenen verschlossen bleibt, auch durch Protest und Revolte und, im resignatorischen Fall, durch Drogen und Ausstieg. Es ist klar, welche Bilder Hondrich vor Augen hatte, es sind die Bilder der Hippies und Landkommunen, der Studentenbewegung und Hausbesetzer, der Rock- und Popkultur, der alternativen Lebensmodelle im weitesten Sinne, die seit den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts einen zuverlässigen Graben gegenüber der Erwachsenenwelt schufen.

Hippies und 68er haben sich durchgesetzt

Warum glaubt Anita Blasberg, dass solche Strategien der Jugend heute nicht mehr zur Verfügung stehen – dass sie nicht ihrerseits Ideen, Utopien, Formen des Protestes entwickeln kann, die morgen die Gesellschaft prägen werden, wie es vorangegangenen Jugendgenerationen gelungen ist?

Nun – eben drum. Weil die Hippies und 68er, die Alternativen und Grünen sich durchgesetzt haben, aber heute die gealterte Mehrheit stellen, verfügen sie über eine Sperrmajorität, die neue Ideen verhindert. Weil sie in Wohlstands- und Wachstums- oder doch Umverteilungsszenarien dachten, sperren sie sich erfolgreich gegen die Lösung der Schrumpfungs- und Knappheitsszenarien, vor denen die Jugend heute steht. So jedenfalls hätte Anita Blasberg argumentieren können – und hier und da fasst sie auch tapfer das Drama einer Demokratie ins Auge, in der Zukunft keine Stimme hat, wenn die Zukunftsträger in der Minderheit sind.

Aber unglücklicherweise arbeitet sie zur Kennzeichnung der Altengeneration mit dem verschwommenen Begriff der "Babyboomer", die alle geburtenstarken Jahrgänge von 1946 bis 1965 zusammenfasst – und damit Alterskohorten höchst unterschiedlicher politischer und ideologischer Orientierung. Am geringsten vertreten unter diesen sind allerdings jene marktradikalen Wirtschaftsliberalen, denen sie die Hauptschuld am deplorablen Zustand unserer Welt zuweist. Es gibt sie natürlich, als Renegaten der 68er (geboren bis 1950), die ihren Idealen abgeschworen haben, und als Schüler der 68er-Lehrer, die das linke Abrakadabra nicht mehr hören konnten (geboren ab 1955). Aber in der Mehrzahl stellen die "Babyboomer" doch den soliden linken oder halb linken Sockel der Republik, denn man darf nicht vergessen, dass von 1960 an die späteren Hausbesetzer, die meisten Grün-Alternativen geboren wurden.

Die konservative Verknöcherung, die Anita Blasberg beklagt, kann also zumindest keine ideologischen Wurzeln haben. Vor allem aber hätte ihr zu denken geben müssen, dass Vergreisung, Überalterung keine Stichwörter der Klage sind, die ihr alleine oder auch nur ihrer Generation allein gehören. Es ist allgemeine Kündigungspraxis in Wirtschaftsunternehmen, von der Notwendigkeit eines "Generationenwechsels" zu sprechen. Ein Manager, der seinen Posten allein deswegen aufgeben soll, weil er 60 (manchmal auch nur 50) geworden ist, wird den Bewusstseinszustand unserer Gesellschaft eher umgekehrt – als Jugendwahn charakterisieren. Wenn er zu den marktwirtschaftlich Abgeklärten gehört, wird er die Überschätzung des jugendlichen Nachwuchses gerade auf seine Knappheit zurückführen. Anita Blasberg bestreitet, dass ein Knappheitspreis gezahlt wird – sie sieht die Jugend überall vor Arbeitsstellen Schlange stehen –, aber man kann ihr versichern, er wird gezahlt. Er wird sehr hoch bezahlt, nur vielleicht nicht ausgerechnet und vor allen Dingen in den Branchen, die ihr vor Augen stehen. Die Bebilderung ihres Essays mit Porträts von übermächtig wirksamen Alten ist überaus aufschlussreich, es sind alles Politiker, Künstler, Journalisten, Wissenschaftler. Aus der produzierenden Wirtschaft ist fast kein Kopf dabei.