Christoph Lieben-Seutter zeigt in den Nebel. "Da sollte die Elbphilharmonie sein", sagt er. Zu sehen ist – nichts. Als hätte sich eine Wand zwischen Intendant und Konzerthaus geschoben. Er lacht und blickt in von Wind und Vorfreude gerötete Gesichter. Sie lachen mit, die Bauhelme wackeln. Dann marschiert die Gruppe, die Beine schwerer als sonst, ein paar Hundert Meter den Kaiserkai hinunter Richtung Elbe. In den gelben Arbeitsstiefeln stecken Familie und Freunde eines Gönners der Elbphilharmonie. Lieben-Seutter ist größer als die anderen. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Hut schreitet er voran durch die Hamburger HafenCity. Eine Szene wie aus einem Spionagefilm. Endlich erscheinen die Umrisse des alten Getreidespeichers, auf dem der neue Glaskoloss thront, überragt von drei Kränen.

Es ist ein kalter Tag im Februar. Der künstlerische und kaufmännische Leiter des Konzerthauses, das längst eines der besten der Welt sein sollte, macht an diesem Samstagmorgen, was er in den vergangenen Jahren oft getan hat – er führt Besucher über die Baustelle.

Intendanten sind Generalisten, sie managen ihr Haus und gestalten das Programm, sie organisieren Künstler und Geld, kümmern sich um Inhalt und Verwaltung. Aber Baustellenbesichtigungen? Dass die zu seinen Aufgaben gehören würden, hätte Lieben-Seutter nicht gedacht, als er im Jahr 2007 vom Wiener Konzerthaus nach Hamburg wechselte. Er war gekommen, um die Eröffnung der Elbphilharmonie für 2010 vorzubereiten. Doch während er auf den Höhepunkt seiner Intendanten-Karriere hinarbeitete, erlebte sein zukünftiges Haus einen Tiefpunkt nach dem anderen. Planungsfehler, Bauverzögerungen, Missmanagement, explodierende Kosten, jahrelanger Streit und Schuldzuweisungen gipfelten im Herbst 2011 in einem Baustopp. Nach viel Hin und Her haben die Stadt und der Baukonzern Hochtief sich nun auf den Weiterbau geeinigt, die neuen Verträge sind gerade unterschrieben. Ab Juli sollen die Kräne wieder fahren, und auch für die Eröffnung gibt es eine neue Prognose: Frühjahr 2017.

Der Intendant der Elbphilharmonie wird dann ein Jahrzehnt lang Intendant einer Baustelle gewesen sein. Ein langer Zeitraum in einem Berufsleben, in einem Leben. Wie geht es ihm damit? Und was macht er überhaupt die ganze Zeit?

Zunächst einmal ist Christoph Lieben-Seutter, 48, immer noch da – und zwar freiwillig. Er hasst Mitleid. Und er verwehrt sich gegen eine Darstellung, die bereits durch die Medien ging: Er, als Nutznießer der Misere, der zehn Jahre lang in Hamburg Däumchen dreht und dabei viel Geld verdient. Lieben-Seutter ist Generalintendant und als solcher im Alltag nicht nur für die Elbphilharmonie, sondern auch für Hamburgs Musikhalle, die Laeiszhalle, verantwortlich. Doch der Grund, warum er mit Frau und drei Töchtern in den Norden zog, ist "das Gesamtkunstwerk aus Architektur, Musik und einzigartiger Lage am Hafen", wie die Elbphilharmonie offiziell gern betitelt wird.

Von seinem zukünftigen Spielort aus kann Lieben-Seutter die ganze Stadt überblicken, würde sie nicht gerade in Watte versinken. Hoch oben steht er auf dem Dach und erzählt über diesen Superlativ, an dem alles überdimensioniert wirkt, Erscheinungsbild, Möglichkeiten, Erwartungen, Probleme, Ausgaben. Er wählt dabei eine fein abgestimmte Mischung aus Begeisterung und Ironie. Das kommt gut an. Die Besucher sind neunzig Minuten voll bei der Sache, inspizieren die Eigentumswohnungen des Gebäudes, bestaunen den großen Konzertsaal, der noch voller Stahlpfeiler und Gerüste steht, schlendern die zugige Plaza zwischen Backsteinsockel und Glasaufbau entlang, machen Oh und Ah. Hier nicht beeindruckt zu sein ist kaum möglich.

"Baustellenführungen sind ein wahnsinnig wichtiges Werkzeug", sagt Lieben-Seutter, "vor allem für Skeptiker." Es gibt Kollegen, die sich fragen, warum der Intendant, der am Wiener Konzerthaus jung Karriere gemacht hat, nun die besten Jahre seines Lebens diesem Projekt opfert. Bekommt er das mit, lädt er sie ein: "Du kannst noch so viel reden, erst wenn du das Projekt siehst, begreifst du seine Dimension." Lieben-Seutter sagt oft "du", wenn andere "man" sagen würden. Er spricht schnell, manchmal rutscht dabei eine flapsige Bemerkung über die mehrfach verschobene Eröffnung heraus. Die Öffentlichkeit nahm ihm das bereits übel. Doch vielleicht hilft ihm gerade seine Ironie in diesem Zwischenzustand.

In seinem Büro in der Laeiszhalle sitzt Lieben-Seutter den ganzen Tag Beethoven gegenüber. Der Komponist trägt einen Bauhelm, eine Jacke mit Warnstreifen und schaut grimmig. Erstaunlich lebendig wirkt die Büste durch die Kleidung. Die Jacke ist ein Geschenk von Hochtief. "Damit kannst du bei minus dreißig Grad im Sturm stehen, und es ist immer noch warm", sagt der Generalintendant. Mit den braunen Haaren, der Hornbrille und den glatt rasierten Wangen sieht er jünger aus, als er ist. Manchmal war der Gegenwind in Hamburg so stark, dass er am liebsten hingeschmissen hätte. Der Frust, als die Eröffnung zum ersten Mal verschoben wurde, immer neue betrübliche Nachrichten – der Jahrhundertbau auf dem Weg zur Jahrhundertbaustelle. In Wien hat Lieben-Seutter als Bauherr die Generalsanierung des Konzerthauses verantwortet, er weiß aus Erfahrung, dass bei Mammutprojekten viel schiefgehen kann. Aber mit diesem Ausmaß hatte er nicht gerechnet. Auf der Hamburger Baustelle sieht er sich mehr als Zaungast der Ereignisse.

"Ich schätze diese Fokussierung auf ein akutes Problem"

Irgendwann machte sich Lieben-Seutter eine Liste mit den Vor- und Nachteilen seines Jobs, er ist ein systematischer Typ. Auf der Minus-Seite stand: "Ich bin nicht dieser tolle Chef der Elbphilharmonie, zumindest nicht in absehbarer Zeit." Auf der Plus-Seite stand deutlich mehr. Das Team, das er gerade aufbaute. Die tolle Stadt. Der Wunsch, hier Konzerte zu machen. Am Ende sagte er sich: "Okay, das ist zwar nicht der Job, für den du gekommen bist, aber es ist eine einmalige Herausforderung." Er glaubt an das Projekt und ist nun derjenige, der es hochhält und dafür wirbt. Dass sein Ruf leiden könnte, bereitet ihm wenig Sorgen. Sein Selbstverständnis beziehe er aus den Ergebnissen seiner Arbeit, nicht aus der Position. Wer ihn bei der Jahrespressekonferenz der Elbphilharmonie Konzerte vergangene Woche erlebt hat, glaubt ihm.

Draußen findet Hamburgs erster Frühlingstag statt. Drinnen, in der Laeiszhalle, dürfen ausnahmsweise Journalisten auf die Bühne. Kichernd setzen sie sich hinter die Orchesterpulte, auf denen das Konzertprogramm 2013/14 liegt. In dem dicken Band verbergen sich rund 120 Veranstaltungen, viele davon prominent besetzt – Netrebko, Barenboim, Lang Lang. Außerdem Jazz, elektronische Musik und mehrere Festivals, darunter das neue Internationale Musikfest Hamburg. Die Konzerte sind an vielen Orten in der Stadt, nur nicht in der Elbphilharmonie. Der Intendant und sein Team machen das nun bereits in der fünften Saison – Elbphilharmonie ohne Elbphilharmonie. Die Kultursenatorin Barbara Kisseler lobt Lieben-Seutter für seine Arbeit und setzt sich auf den Platz der ersten Geige. Nun folgt sein Auftritt am Pult des Dirigenten. Doch statt ihn zu zelebrieren, stellt er sofort das Programm vor.

Es gibt Leute, die sind die geborenen Rampensäue. Lieben-Seutter gehört nicht dazu. Er hatte auch nie den Plan, Musik zu seinem Beruf zu machen, obwohl immer Musik um ihn herum war. Die Eltern engagierten sich für die musikalische Jugend in Wien, sein Onkel gründete dort die erste Pop- und Jazz-Agentur. Schon als Junge hörte er Streichquartette und Jimi Hendrix, brasilianische Gitarre und moderne Musik.

Doch nach der Matura war er völlig fasziniert von Computern, fing an zu programmieren, studierte Informatik. Die ersten Prüfungen liefen schlecht, er brach das Studium ab, arbeitete bei Philips Computer. Dann erfuhr er, dass am Wiener Konzerthaus der Posten des Direktionsassistenten frei war. Er bewarb sich aus einer Laune heraus. Das war sein Quereinstieg. Vom Vorzimmer aus lernte er, Konzerte zu planen und zu organisieren, machte Pressearbeit, Marketing, Verkauf, alles. Bei Bedarf setzte er sich abends mit an die Kasse. Mit 31 wurde er zum Intendanten des Konzerthauses gewählt, er blieb elf Jahre lang, war dort sehr erfolgreich.

"Hände rein in den Dreck und kreativ an die Probleme rangehen"

"Hände rein in den Dreck und kreativ an die Probleme rangehen" – das ist das Prinzip, nach dem er in seinem bisherigen Arbeitsleben vorgegangen ist. Ein Prinzip wie geschaffen für die Situation in Hamburg. Improvisieren ist sein Ding. Etwa, wenn ein Sänger für den Abend absagt. "Ich schätze diese totale Fokussierung auf ein akutes Problem", sagt er. In Notsituationen Lösungen zu finden fällt ihm leichter als seine gesellschaftlichen Pflichten.

Lieben-Seutter ist eine öffentliche Person in Hamburg, das zeigt sich nach Konzerten – bei Lux aeterna zum Beispiel, dem "Elbphilharmonie Festival für die Seele". Für den Auftakt, die Marienvesper von Monteverdi, strömten die Menschen Anfang Februar in Hamburgs altes Wahrzeichen, in den Michel. Danach, beim Empfang in der Krypta, muss nicht nur der Star des Abends, der Alte-Musik-Spezialist Jordi Savall, Hände schütteln. Auch Lieben-Seutter wird von seiner Pressereferentin im Grabgewölbe hin und her navigiert zwischen Sponsoren, Künstlern, Journalisten. Mit jedem nur ein, zwei Sätze auszutauschen liegt ihm eigentlich nicht. "Ich bin manchmal überfordert von zu vielen gleichzeitigen Kontakten", sagt er. Es mache aber trotzdem Spaß. Und es gehört zu seinem Job, wenn er das erreichen möchte, was ihn wirklich umtreibt. Er will, dass mehr Leute in Konzerte gehen. Weil er die Musik so liebt. Trotz aller Querelen ist er davon überzeugt, dass die Elbphilharmonie das passende Projekt für seinen Wunsch ist.

In den vergangenen Jahren war er öfter in Europa unterwegs, um die Eröffnungen anderer Konzertsäle zu feiern. Spektakuläre Bauten, die eigentlich nach der Elbphilharmonie fertig werden sollten. Das Musiikkitalo in Helsinki, die Harpa in Reykjavik, nächstes Jahr die Philharmonie in Paris. Daheim wartet Lieben-Seutter derweil mit wachsender Ungeduld auf sein Haus. Hauptsache, der Stillstand ist bald vorbei. Jetzt heißt es Spannung halten – falls es in vier Jahren klappt, noch knapp 1.000 Arbeitstage lang.

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