Auf den Schreibtischen sammeln sich Colaflaschen, Red-Bull-Dosen und aufgerissene Haribo-Tütchen. Im Flur hängen Plakate mit Slogans wie "Wir haben die Kraft, Deutschland tüchtig auf die Nüsse zu gehen – CDU". In einer Ecke des abgedunkelten Konferenzraums steht eine Flugdrohne – "für unsere Luftaufnahmen". Und ausgerechnet hier, in diesem dekorativen Durcheinander, in diesem hübsch kreativen Chaos, fällt immer wieder ein Wort, das überrascht. Ein Wort, mit dem man nicht rechnen würde in der Redaktion einer Satiresendung. Das Wort ist: Haltung.

Schanzenstraße 22, Köln-Mülheim: Hier wird die heute-show erdacht und produziert, die erfolgreichste Comedysendung des ZDF. Mit ihrem "Anchorman" Oliver Welke kommt sie wie eine Nachrichtensendung daher und verulkt jeden Freitag Politik und Medien: Die knallblonde Tina Hausten karikiert die ZDF-Frau Bettina Schausten, der cholerische Kommentator Gernot Hassknecht redet sich regelmäßig in Rage, und Olaf Schubert als Experte für alles grübelt schon mal darüber, warum eigentlich heute niemand mehr Diktator werden will.

In den USA informieren sich viele Zuschauer, vor allem jüngere, längst nicht mehr über die Nachrichten, sondern nur noch durch die Daily Show, eines der Vorbilder der heute-show. In Deutschland ist das inzwischen ähnlich. Auf Partys kann man Dialoge hören wie: "Hast du das mit Nordkorea mitbekommen? Ja, ich hab’s in der heute-show gesehen." Man informiert sich, man amüsiert sich, die Grenzen zwischen Politik und Satire, zwischen Absurdem und Realität verschwimmen. Wie kommt das? Und warum scheint es, als ob nicht nur das Wirkliche, sondern auch das wirklich Interessante aus der politischen Berichterstattung aus- und in die Comedy eingewandert ist?

"Viele Themen sind so komplex geworden, dass der Zuschauer nicht mehr durchblickt", sagt Welke. Als Sportreporter bei ran war er niemandem groß aufgefallen, als Moderator der heute-show ist er Kult. An einem Montag im Vorfrühling sitzt Welke – Jeans, schwarzer Pulli, Converse-Sneaker, Haare wie Kloppo vor der Transplantation – auf einem abgewetzten Sofa in einem Besprechungsraum und versucht, den Erfolg seiner Sendung zu erklären.

Das Gespräch dreht sich um Aaron Sorkin, den US-Starautor (West Wing), dessen jüngste Serie Newsroom von einem Nachrichtenmann handelt, der an der Prinzipienlosigkeit seiner Zunft verzweifelt und deshalb eine eigene Sendung gründet. Welke kommt auf das Thema Haltung zu sprechen.

Drei Experten, fünf Meinungen, keine Haltung, das ist die Lage in vielen Nachrichtensendungen. Welke und sein Team machen aus der Sehnsucht nach Orientierung im täglichen News-Strom Satire. Natürlich, sagt Welke, hätten sie es auch leichter, eine Haltung zu präsentieren als die seriösen Medien: "Unsere Haltungen sind nie in Beton gegossen." Mit anderen Worten: Die Haltung muss nicht halten, sie kann in der nächsten Sendung schon wieder eine andere sein, es ist eine Haltung für den Augenblick.

Während die klassischen Medien sich in dieser Woche mit der Interpretation des Armutsberichts beschäftigen und die Argumente wälzen, wird in der heute-show am Ende der Woche Gernot Hassknecht seine Conclusio herausbrüllen: "An diesem Bericht ist mehr herumgepfuscht worden als an Dolly Busters Möpsen." Und: "Die FDP ist und bleibt ein herzloser Arschgeigen-Verein." Im Prinzip liegt er damit auf der Linie vieler seriöser Kommentatoren.

Auch das sei von Vorteil, erklärt Welke: Seine Show könne "nach dem Prinzip verbrannte Erde" verfahren. Will sagen: Jede Zuspitzung, jede Frage ist erlaubt. Man muss die Gesprächspartner nicht noch einmal treffen, nie von ihnen auf eine Reise mitgenommen werden oder hoffen, Infoschnipsel aus einem Ministerium zu bekommen. "Wir haben den Jagdschein", sagt Welke.

Das treibt selbst einen wie den FDP-Mann Wolfgang Kubicki, der seinerseits einen Jagdschein hat, zu neuen Höchstleistungen. Auf Welkes Frage, ob er beim Parteitag eigentlich Philipp Rösler wählen werde, erklärte er vor einigen Monaten in der heute-show: "Wenn er kandidiert und ansonsten niemand kandidiert." Einen Moment, erzählt Welke, habe Kubicki danach gestutzt, als habe er sich gefragt: Bin ich diesmal zu weit gegangen? "Ach, womit wollen die mir drohen?", habe Kubicki dann gemurmelt.