Eigentlich ist es nur eine Posse. Aber sie sagt viel aus über das Temperament des Gabriel Riesser, von dem es heißt, er habe nur Gegner gewählt, mit denen es sich zu streiten lohnt. Sie beginnt im Juni 1841, als die Mainzer Zeitung kolportiert, Heinrich Heine sei in Paris auf offener Straße von dem Kaufmann Salomon Strauß geohrfeigt worden. Strauß habe die Ehre seiner Frau Jeanette retten wollen. Diese war eine langjährige Freundin des Schriftstellers Ludwig Börne gewesen. Zeitweise lebte das Ehepaar Strauß mit Börne in Paris unter einem Dach. Über just dieses Dreiecksverhältnis hat sich Heine nach Börnes Tod lustig gemacht.

Heine dementiert den Vorfall umgehend: Er sei "nicht im entferntesten von irgendjemand insultiert" worden. Strauß jedoch erhält Schützenhilfe. Auf das Dementi des Dichters erscheint im Hamburger Correspondenten eine bissige Replik. "Ob Hr. Heine die öffentlichen Mißhandlungen, von denen die Zeitungen erzählen, erlitten hat, weiß ich nicht", schreibt der Verfasser Gabriel Riesser. "Ob er sie aber verdient hat, darüber möge das Urtheil aller Ehrenmänner in Deutschland entscheiden."

Für Riesser hat der blasierte Heine zu Recht Prügel bezogen. Schließlich weiß Riesser aus "völlig unparteiischer und glaubwürdiger" Quelle, dass Strauß den Dichter für dessen "Schändlichkeiten" schon bei früherer Gelegenheit "mit den härtesten Worten gezüchtigt" habe.

Riessers Verve wundert so manchen. Er mag mit den Eheleuten Strauß befreundet sein. Aber die Verhältnisse sind keineswegs so eindeutig, wie er es suggeriert. Geht es ihm am Ende gar nicht um die Straußsche Ehre? Ist es nicht vielmehr Heine, der ihn dermaßen reizt?

Tatsächlich steht Heinrich Heine für alles, was Riesser von Herzen verachtet: mangelndes Interesse am Kampf für die jüdische Sache, stattdessen eilfertige Konversion zum Protestantismus aus bloßen Opportunitätserwägungen heraus und – schlimmer noch – Kritik am Judentum bis hin zum Selbsthass. Für Riesser ist Heine ein arroganter Egomane. Einer, der sein Talent nicht in den Dienst eines Ideals stellt, sondern lediglich in den des eigenen Ruhms.

Auch gegen die "widrige Zeremonie" der Beschneidung wendet er sich

Und Riesser schüttet immer mehr Öl ins Feuer. Er lässt Heine gar durch einen Mittelsmann ausrichten, er sei zu jeder geforderten Genugtuung bereit, also auch zum Duell. Heine hingegen gibt kalt zurück: "Ich bin zufälligerweise ein berühmter Mann, wer mir nahe tritt, in öffentlicher Debatte, erregt die Aufmerksamkeit des Publikums, und mancher hat sich schon an mir einen Namen erschrieben. – Ist es meine Schuld, daß dieses dem Herr Rieser, wegen seines langweiligen Styles, noch nicht gelungen ist? Glaubt er, seinen Zweck sicherer zu erreichen, wenn er statt zur Feder jetzt zur Pistole greift? Es ist aber leicht möglich, daß er ebenso schlecht schösse, wie er schreibt. – Indessen, ...Sie können ihm sagen: daß wenn mein Ehrenhandel mit Herrn Strauß keinen günstigen Ausgang für mich hat, es mir sogar nützlich dünkt, eine Satisfakzion von ihm, dem Herrn G. Rieser, anzunehmen. [...] Herr Rieser ist Jurist und wird mich verstehen, wenn ich sage: pars sequitur suum principale; zu deutsch: wenn man mit dem Cometen selbst fertig ist, braucht man sich nicht mit dessen Schwanz herum zu schlagen. Herr Rieser ist in dieser Sache der Schwanz."

Tatsächlich kommt es zum Duell – zwischen Heine und Strauß! Heine wird leicht verletzt. Er erholt sich rasch. Der Pulverdampf verzieht sich. Gleiches gilt für das Interesse des Dichters an weiteren Querelen mit Riesser. Aber auch bei diesem reift die Einsicht, dass es besser ist, zurückzustecken. Er muss sich eingestehen, dass sein Temperament mit ihm durchgegangen ist: sein "heiliger Grimm", den ihm bereits die Zeitgenossen attestieren – die an ihm allerdings auch die "Liebenswürdigkeit des Herzens" rühmen.

Es muss wohl das "Ideal" gewesen sein, das ihn so agieren ließ – das Ideal, an das Heine nicht mehr glauben kann, das Ideal eines aufgeklärten, gleichberechtigten jüdischen Lebens in Deutschland, als Deutscher. Gabriel Riesser hingegen sollte sein Leben lang dafür fechten: Er wurde zu einem der Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, zu einem großen deutschen Liberalen.

Dabei stammte er aus einer sehr frommen Rabbinerfamilie, mütterlicher- wie väterlicherseits. Sein Vater Eliesser Lazarus ben Jacob Katzenellenbogen zog einst aus dem Nördlinger Ries nach Hamburg, um rabbinisches Recht zu studieren. In der Hansestadt nannte er sich nach seiner Heimat "Riesser". Gabriels Mutter Frommaid (Fanny), war eine Tochter des Altonaer Oberrabbiners Raphael Cohen. Anfangs arbeitete Lazarus Riesser als dessen Gerichtssekretär. Später wurde er Kaufmann und schlug sich als Lotteriepächter durch.

Die Erziehung seines sechsten und letzten Kindes Gabriel, das am 2. April 1806 in Hamburg das Licht der Welt erblickte, liegt dem gebildeten Mann besonders am Herzen, erkennt er doch früh dessen außergewöhnliches Talent. Gabriel macht ein glänzendes Abitur am berühmten Hamburger Johanneum. Jurist will er werden. 1824 nimmt er das Studium auf, und zwar in Kiel. Später zieht es ihn nach Heidelberg. Dort hört er unter anderem bei Anton F. J. Thibaut, einem der bedeutendsten liberalen Zivilrechtslehrer seiner Zeit, bei dem auch Friedrich Hecker studierte – und der zugleich der große Gegenpart Friedrich Carl von Savignys ist, eines Gegners der Judenemanzipation. 1826 wird Riesser zum Doktor der Rechte promoviert, summa cum laude.

Er fasst eine akademische Laufbahn ins Auge. Doch da muss er rasch erfahren, wie unmöglich das für einen Juden in Deutschland ist. Heidelbergs ehrwürdige Ruperto Carola verweigert ihm die Ernennung zum Privatdozenten. Der Vorwand lautet, es seien alle Stellen besetzt. Ähnliches widerfährt ihm wenig später in Jena.