Nikolai Tabakov kämpft sich durch die Geschichte der Welt: Weimarer Republik, Nazideutschland, amerikanischer Bürgerkrieg, europäischer Kolonialismus. "Das ist ein riesiger Berg von Fakten und Zahlen, vor dem man da steht", sagt der 17-jährige Schüler aus Göttingen, der gerade mitten in den Vorbereitungen auf seine Abiturprüfung in Geschichte steckt.

Aber Tabakov steht nicht alleine vor diesem Berg. Knapp 350.000 Schüler in Deutschland lernen zurzeit für ihre Abschlussprüfungen. Und viele von ihnen kann Tabakov ganz einfach um Hilfe bitte. Über Abiunity, ein neues Internetportal, das die Intelligenz der Masse nutzt, um Schüler bei der Abiturvorbereitung zu unterstützen.

Abiunity funktioniert wie eine riesige Lerngruppe. In einem Forum können Schüler Fragen zum Lernstoff stellen, andere Schüler antworten. "Nach einer Stunde hat man meistens schon eine hilfreiche Antwort", sagt Nikolai Tabakov. Außerdem gibt es bei Abiunity eine Datenbank mit Materialien zu fast allen Abiturfächern: Zusammenfassungen von Romanen für die Deutschprüfung, Informationen zur Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren für Geschichte oder Facharbeiten in Physik zur Atomenergie.

Die Stärke des Portals ist seine Größe. Referatssammlungen und Lernforen gibt es viele im Internet, doch oft ist die Qualität der Materialien nicht gut. Gerade beim Abitur wollen sich Gymnasiasten aber nicht auf den Zusammenschrieb eines Mitschülers verlassen, den sie nicht kennen. Auf Abiunity gibt es eine strenge Qualitätskontrolle: die Schwarmintelligenz von fast 200.000 Abiturienten.

Das Portal profitiert davon, dass es in vielen Bundesländern seit einigen Jahren ein Zentralabitur gibt. Die Inhalte der Prüfungen sind also in allen Schulen gleich. Tausende Schüler sitzen bei der Vorbereitung vor dem gleichen Stoff. Wenn jemand etwa seine Mitschrift zum Vergleich zwischen Friedrich Schillers Drama Kabale und Liebe und dem Roman Faserland von Christian Kracht hochlädt, wird sie von anderen Schülern, die ebenfalls Deutsch als Schwerpunktfach haben, bewertet und ergänzt. Ein Prinzip, nach dem auch das erfolgreiche Online-Lexikon Wikipedia funktioniert.

Gegründet hat das Portal Julius Planteur vor fünf Jahren, als er selbst im Abi-Stress steckte. "Ich saß vor einer Bildinterpretation für die Kunstprüfung und wollte wissen, was andere Schüler dabei so für Ideen haben", sagt der 24-Jährige, der inzwischen an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim Grafikdesign studiert. Also durchstöberte Planteur mehrere Lernforen im Internet. "Mir wurde plötzlich klar, dass in diesem Moment bestimmt mehrere Tausend Schüler in Niedersachsen vor dem gleichen Bild sitzen", sagt er. Planteur wollte diese Masse nutzbar machen und setzte sich noch während der Abiturzeit an den Computer, um Abiunity zu programmieren.

Er hatte eine echte Marktlücke entdeckt. Nach nur drei Monaten hatten sich schon 7.000 Nutzer bei dem Portal angemeldet, inzwischen sind es fast 200.000 aus allen Bundesländern. Jetzt, in der heißen Phase, schreiben sie minütlich neue Einträge und laden seitenweise Materialien hoch.

Die Förderbank des Landes Niedersachsen unterstützte Julius Planteur mit einem Gründerstipendium in Höhe von 18.000 Euro. Mit dem Geld konnte er einen Mitarbeiter einstellen, der das Forum und die Datenbank pflegt. Mit Werbung will Planteur kein Geld verdienen. "Anzeigen lenken zu stark vom Lernen ab", sagt er. Er hat aber auf der Seite einen Abi-Shop eingerichtet, in dem Unternehmen Angebote für Abi-T-Shirts oder Abi-Reisen machen können.

Als Nächstes will Julius Planteur die Schwarmintelligenz auch für Lehrer nutzbar machen. Er plant eine Art virtuelles Lehrerzimmer, in dem Lehrer Unterrichtsmaterialien austauschen und über Lehrpläne diskutieren können. "Auch Lehrer fühlen sich beim Abitur manchmal allein gelassen und haben Angst, ihre Schüler nicht gut genug vorzubereiten", sagt Planteur. "Auch ihnen kann es helfen, sich mit Tausenden Kollegen auszutauschen."