Arbeitgeber-Bewertung : Was bringt das?

Angestellte können ihre Arbeitgeber anonym im Netz bewerten. Das hat seine Tücken, sagt der Arbeitssoziologe Norbert Huchler.

DIE ZEIT: Mitarbeiter und Auszubildende können auf Bewertungsplattformen wie kununu oder Jobvoting Arbeitgeber anonym benoten, etwa im Bereich Arbeitsatmosphäre. Was halten Sie davon?

Norbert Huchler: Positive oder negative Bewertungen verleihen Einzelfällen ein großes Gewicht. Problematisch ist, dass davon schwer auf die Bedingungen in einem Unternehmen als Ganzem und kaum auf die Branche geschlossen werden kann. Man kann daraus nicht wirklich einen Rückschluss ziehen, ob das Unternehmen seine Personalpolitik grundsätzlich ordentlich macht oder nicht.

ZEIT: Aber ist es nicht wie bei Hotelbewertungen im Internet: Bei denen weiß man eigentlich auch, dass sie subjektiv sind, trotzdem schaut man drauf und orientiert sich ein bisschen daran?

Huchler: Deswegen ist es den Unternehmen auch nicht egal, wie sie auf großen Portalen dastehen, schließlich geht es für sie dort auch um ihre Außendarstellung. Eine reißerische Bewertung kann schnell eine unglaubliche Verlinkungs- und Klickdynamik in Gang setzen.

Norbert Huchler

Norbert Huchler ist Forscher am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. in München.

ZEIT: Deshalb sind immer mehr Unternehmen auf diesen Portalen selbst präsent und reagieren auf negative Bewertungen.

Huchler: Die Unternehmen befürchten, dass eine für sie schlechte Dynamik entsteht. Und einen "Shitstorm", wie ihn beispielsweise Amazon zuletzt wegen der schlechten Behandlung von Zeitarbeitern abbekommen hat, möchte natürlich jeder vermeiden. Die noch junge sogenannte Internetdemokratie hat so ihre Tücken.

ZEIT: Das Arbeitgeber-Bewertungsportal kununu, das zu Beginn des Jahres von Xing gekauft worden ist, hat nach eigenen Angaben fünf Millionen Seitenaufrufe pro Monat. Wer schaut da vorbei?

Huchler: Die Kassiererin bei Aldi oder Lidl wird auf den Seiten eher nicht nach einem neuen Arbeitsplatz suchen. Die Portale sprechen hoch qualifizierte flexible Arbeitnehmer an, die in großen Städten leben und häufiger mal den Job wechseln. Diese Hochqualifizierten informieren sich über den Arbeitsmarkt. Zudem tummelt sich dort auch die rasant gewachsene Menge von Personalvermittlungsagenturen. Aber insgesamt denke ich, dass solche Bewertungsportale nicht allein der Personal- oder Jobsuche dienen, sondern vielmehr ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit sind.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Praktisch zu bewerten

Grundsätzlich stehe ich solchen Bewertungen auch sehr kritisch gegenüber. Aber letztendlich erwische ich mich auch immer vor meinem Urlaub beim Check von Hotelbewertungen. Man muss den Internetnutzern einfach mehr zutrauen, dass sie zwischen einer subjektiven Meinung im Internet genauso unterscheiden können, wie wenn sie sie auf der Straße oder von Bekannten hören. Gleiches sehe ich bei Portalen für Arbeitgeberbewertungen wie www.kununu, http://jobvoting.de und evaluba. Traut den Internetnutzern bitte mehr Selbstentscheidungskraft und Urteilungsvermögen zu. Danke :)

Nicht mehr als ein roter Faden

Jedes Unternehmen ist vielfältig und komplex. Arbeiten kann in Abteilung A ein Traum, in Abteilung B ein Albtraum sein. Das erklärt auch teils stark schwankende Bewertungen für ein und dasselbe Unternehmen. Viele Bewertungen mit ähnlichen Aussagen lassen aber zumindest einen roten Faden erkennen. Mehr als ein Anhaltspunkt sind Bewertungen daher nicht. Aber das gilt für viele Aussagen nach außen. Wie z. B. auch die offizielle Arbeitgeberkommunikation. Zum weiteren Nachdenken empfehle ich folgenden Artikel + Kommentare http://www.personalblogge...