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In der israelischen Hightechindustrie dürfen auch ultraorthodoxe Frauen arbeiten – nach strengen Regeln und für einen geringen Lohn. von 

Ultraorthodox gläubige Mitarbeiterinnen arbeiten in ihrem Büro bei Matrix Global

Ultraorthodox gläubige Mitarbeiterinnen arbeiten in ihrem Büro bei Matrix Global  |  © REUTERS/Darren Whiteside

Libby Affen ist Geschäftsführerin bei Matrix, einem der größten IT-Unternehmen Israels. Als sie gebeten wurde, eine neue Niederlassung aufzubauen, musste die Managerin erst einmal einen Rabbiner einstellen. Lange bevor die anderen Mitarbeiter die Räume beziehen konnten, ging der Geistliche durch die Flure und inspizierte das Unternehmen: Ist die Küche koscher? Sind die Arbeitsplätze nach Geschlechtern getrennt? Und muss garantiert niemand am Sabbat arbeiten?

Seit 2005 gibt es bei Matrix die ultraorthodoxe Abteilung. Daher war Affen auch auf der ersten Softwaremesse speziell für Ultraorthodoxe dabei, die vor Kurzem in Jerusalem stattfand. Wie andere Manager hat sie dort für Jobs in der Hightechbranche geworben.

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Rund 800.000 Menschen, etwa zehn Prozent der israelischen Bevölkerung, bezeichnen sich als haredi, als ultraorthodox. Sie leben nach den Regeln der Thora: tägliches Beten, striktes Einhalten des Sabbats, Fernsehen ist verboten. Die Männer sollen sich der Lehre der Thora widmen, wenn überhaupt, arbeiten sie als Rabbiner, Synagogendiener oder Lehrer. Die Aufgabe der Frau ist vor allem, ihre Familie zu ernähren.

Mehr als 6.000 Menschen arbeiten bei Matrix, viele von ihnen sind hippe junge Israelis, die sich nicht um Speisevorschriften scheren und gern das Wochenende durcharbeiten – oder durchfeiern. Doch die Mitarbeiterinnen von Libby Affen sind anders: Die 600 Frauen, die rund 50 Kilometer von Jerusalem entfernt in einem Hochhaus in der konservativen Siedlung Modi’in Illit arbeiten, sind streng religiös.

Auf den ersten Blick könnte man ihre Büros für eine jüdische Mädchenschule halten. Junge Frauen in Kopftüchern sitzen dort, die Blusen hochgeschlossen. Auf manchen Tischen liegen Gebetsbücher. Männer sieht man nicht. Die züchtig gekleideten Frauen schreiben Programme, bauen Websites und testen Software.

Weil die israelische Hightechindustrie boomt, versuchen neuerdings viele ultraorthodoxe Frauen dort ihr Glück. Die meisten haben an speziellen Universitäten studiert, von denen es in Israel immer mehr gibt. Doch wie lassen sich Menschen integrieren, die auch im Beruf an ihren strengen religiösen Riten festhalten wollen?

"Es war eine gewaltige Anstrengung", erinnert sich Affen. Für jeden Arbeitsschritt brauchte es das Einverständnis eines religiösen Oberhauptes. Und die Vorgaben des Rabbiners sind strikt: Männer zu berühren ist für die Frauen tabu. Mit männlichen Kunden dürfen sie nur über die Arbeit sprechen, jeder private Satz wäre ein schwerer Verstoß. Das Internet dürfen die Haredim nur begrenzt nutzen, also nur jene Seiten besuchen, die sie für ihren Job benötigen.

Leserkommentare
    • KaHe
    • 07. Mai 2013 19:35 Uhr

    Die Zukunft Israels sieht also so aus?
    Die Geschlechtertrennung scheint sich immer mehr zu zementieren, wenn bereits jedes dritte Kind einer ultraorthodoxen Familie entstammt.
    Zumindest hat die Industrie billige Arbeitskräfte.

    3 Leserempfehlungen
  1. Ja klar ist das attraktiv, Arbeitskräfte für fast nix mag jeder Unternehmer

    Es fällt schwer, über derart sektenartige Religiösität nicht den Kopf zu schütteln.

    15 Leserempfehlungen
    • DSL
    • 07. Mai 2013 20:05 Uhr

    Es ist immer wieder verblüffend, wie ähnlich sich die Verhaltensvorschriften im orthodoxen Judentum und im orthodoxen Islam sind. Wäre im Artikel statt vom Judentum vom Islam, und statt Israel von Saudi-Arabien die Rede, es würde niemandem auffallen.

    9 Leserempfehlungen
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    • cm30
    • 07. Mai 2013 20:15 Uhr

    Lassen Sie doch Ihre persönlichen Ressentiments gegen den Islam. Im Artikel geht es eindeutig nicht um den Islam!

    • cm30
    • 07. Mai 2013 20:15 Uhr

    Lassen Sie doch Ihre persönlichen Ressentiments gegen den Islam. Im Artikel geht es eindeutig nicht um den Islam!

    Antwort auf "Ähnlichkeit"
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    • DSL
    • 07. Mai 2013 20:31 Uhr

    Schade, dass Sie mich missverstanden haben. Natürlich geht es in dem Artikel nicht um den Islam, sondern darum, wie religiöse Verhaltensweisen das Handeln bestimmen. Mein Vergleich zielt darauf ab, wie spannend es ist, dass sich Verhaltensvorschriften in verschiedenen Religionen ähnlich sind: Sei es das Tragen einer Kopfbedeckung, das Vermeiden von bestimmten Speisen oder Vorschriften, wann man wie beten soll und mit wem man sprechen darf. Mich hat der Artikel jedenfalls neugierig gemacht, wie Traditionen, die heute als einer Religion zugehörig empfunden werden, sich über die Jahrhunderte und die Kontinente ausgebreitet haben, ohne jedoch tatsächlich an einer bestimmten Religion zu haften.

    • DSL
    • 07. Mai 2013 20:31 Uhr

    Schade, dass Sie mich missverstanden haben. Natürlich geht es in dem Artikel nicht um den Islam, sondern darum, wie religiöse Verhaltensweisen das Handeln bestimmen. Mein Vergleich zielt darauf ab, wie spannend es ist, dass sich Verhaltensvorschriften in verschiedenen Religionen ähnlich sind: Sei es das Tragen einer Kopfbedeckung, das Vermeiden von bestimmten Speisen oder Vorschriften, wann man wie beten soll und mit wem man sprechen darf. Mich hat der Artikel jedenfalls neugierig gemacht, wie Traditionen, die heute als einer Religion zugehörig empfunden werden, sich über die Jahrhunderte und die Kontinente ausgebreitet haben, ohne jedoch tatsächlich an einer bestimmten Religion zu haften.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@ D S L"
  2. für Religion und das befolgen dieser.
    Wenn Menschen in Frieden miteinander leben wollen, dann bedarf es gewisser Neutralität, d.h. der kleinste gemeinsame Nenner ist ein Religion freier Raum.

    Umso verschiedener und stärker vertreten Religionen sind, um so Krisen behafteter das Land, oder das Viertel.

  3. .. ich denke, eine intelligente jüdische Frau, läßt sich keine Vorschriften machen, wie sie das Leben leben kann/soll .. und mich befremdet es sehr, es hier so zu lesen. Eine selbstbewußte Jüdin ist gekennzeichnet - wie schon seit langer Zeit - durch ihre Stärke (sprich Aufklärung und Gleichstellung mit dem Mann) und Unabhängigkeit von männlichen Vorbetern und Vormündern. Sarah, Abrahams wahre Frau, ward eine "Freie" (im Gegensatz zur Sklavin) geheißen. ..

    Shalom, Israel
    Amanda Maria Donata

    Eine Leserempfehlung
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    Wenn die intelligente jüdische Frau in die Haredische Gesellschaftsgruppe hineingeboren wird müsste sie sich erstmal aus ihr herauslösen um wirklich frei entscheiden zu können. Das ist nicht jedermanns, oder besser gesagt Fraus Sache. Wenn man als Haredi lebt braucht man sich über nichts den Kopf zu zerbrechen - zu allem und jedem haben sich Rabbiner schon mal Gedanken gemacht und entschieden. Es gibt offensichtlich viele denen ein solcher Lebensstil zusagt.
    Eine Gleichstellung von Mann und Frau gibt es im Judentum nicht. Hört sich furchtbar an, es ist aber lediglich ein anderes Konzept - nämlich daß der Verschiedenheit. Mann und Frau sind nicht gleich, daß heißt aber nicht daß der eine mehr Wert ist als die andere.
    Ich finde es gut daß durch solche Arbeitsplätze das potential einer großen Bevölkerungsgruppe (etwa 8%) angezapft wird - was ja dann auch zu Steuereinnahmen führt. Ausserdem wird diese Gruppe so auch näher an das moderne Leben herangeführt.
    Sarah gilt übrigens als Vormutter des Jüdischen Volkes - sie und ihr Mann waren aber selbst keine Juden - die gibt es erst seit der Verkündung der 10 Gebote.

  4. 2 Leserempfehlungen

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