Italien : Erlöser oder Zerstörer?

Wie würde Beppe Grillos Italien aussehen? Eine Spurensuche jenseits von Rom
Beppe Grillo macht Wahlkampf im Friaul. © Ulrich Ladurner

Irgendwann, nachdem er sich mehr als eine Stunde lang die Seele aus dem Leib geschrien hat, hält Beppe Grillo inne und spricht leise in das Mikrofon: "Man bezeichnet mich als Exkomiker! Ich bin ein Ex! Man hat mich meiner Identität beraubt!" Dann schweigt er, als sei er selbst irritiert von der Wucht dieses Satzes. "Ex" – das klingt für ihn offenbar nach Demütigung, nach Rauswurf aus dem eigenen Leben. Grillo stürzt sich schnell wieder in eine wilde, wüste Attacke gegen das verrottete Parteiensystem. Er will die anderen rauswerfen, ausnahmslos alle Politiker verfolgt er mit polemischer Schärfe. Sein Urteil ist unerbittlich: "Nicht wir, sondern die Politiker befinden sich außerhalb der Geschichte!" Sie seien die wahren "Ex". Er hingegen stehe mittendrin, im Zentrum des Landes.

Grillo sieht sich und seine Bewegung Movimento 5 Stelle (M5S) als Motor eines historischen Prozesses. Um ihn zu befeuern, ist er in der vergangenen Woche ins Friaul, in den Nordosten Italiens, gereist, wo Wahlen zum Regionalparlament bestritten wurden. Grillo tourte durch Dörfer, triste Ortschaften und krisengeschüttelte Städte, um mit seinem M5S zum ersten Mal in einer Region Regierungsmacht zu erobern. Es sollte die nächste Etappe seiner Revolution werden, nachdem seine Partei bei den Parlamentswahlen vom Februar die meisten Stimmen bekommen hatte.

In Städten wie Triest und Pordenone kamen Tausende, um ihn zu sehen, in Ortschaften wie Sequals und Maniago einige Hundert. Schaulust trieb viele Menschen an, Neugier auf den berühmten Mann und auch der Verdruss über die allgemeine Lage. Grillo hatte für alle etwas zu bieten. Er brachte die Leute zum Lachen, er peitschte sie auf, er gab ihnen Kraft, er flößte ihnen Hoffnung ein, und er streute von der Bühne aus Utopien von einem besseren, selbstbestimmten Leben unter die Menge. Dabei kam er immer wieder zum Kern seiner Botschaft zurück: "Basta! Sie müssen alle weg!"

Grillo bekam für seine Performance Applaus, doch Begeisterungsstürme löste er nicht aus. Die Zurückhaltung des Publikums war zu spüren, in dem Dorf Sequals, wo Grillo von einem eilig aus dem Restaurant herbeigeholten Tisch herunterpredigte, ebenso wie in Triest, der Hauptstadt Friaul-Julisch Venetiens, wo er auf einer professionellen Bühne reden konnte. Grillo explodierte wie eine Leuchtrakete über diesem italienischen Landstrich, in dem es die Menschen gewohnt sind, ohne viel Aufhebens und Geschrei ihren Geschäften mit beharrlicher Energie nachzugehen.

Friaul-Julisch Venetien und Emilia Romagna © ZEIT-Grafik

Die Friulaner erinnern gern daran, wie sie nach einem verheerenden Erdbeben im Jahr 1976 schnell mit dem Wiederaufbau begannen. Knapp 1.000 Menschen starben damals, 45.000 Menschen wurden obdachlos. Die Friulaner ließen sich nicht unterkriegen. Noch bevor der umständliche Staatsapparat zu Hilfe kam, hatten sie ihre Häuser wiederaufgebaut. Das ist 35 Jahre her, aber es prägt das Selbstbild der Region bis heute. Man hilft sich selbst und wartet nicht auf den Staat.

Auch der 64-jährige Grillo ist ein Selfmademan, einer der außerhalb und gegen jede Institution Karriere gemacht hat. Das verstehen nicht nur die Friulaner. Der Staat erscheint vielen Italienern als Räuber, vor dem man Hab und Gut verstecken muss, gegen den man mitunter auch mit allen Mitteln kämpfen muss. "Ich könnte zu Hause sitzen und mein Leben genießen", sagte Grillo seinem friulanischen Publikum, "aber das geht nicht. Die Politik lässt einen nicht in Ruhe. Sie nimmt einem alles!" Seine Kampagne empfindet er als Notwehr.

Grillo glaubt, die Politiker saugten die Menschen nicht nur aus, sie hätten auch Italiens wahres Wesen korrumpiert. Den inneren, angeblich gesunden Kern Italiens beschreiben die Kandidaten des M5S im Friaul immer mit dem gleichen Satz: "Wir müssen Italien führen wie ein guter Familienvater!" Sie beschwören das Bild fürsorglicher Eltern, die am Ende des Monats das Haushaltsbuch aufschlagen und peinlich genau darauf achten, dass sie niemals mehr ausgeben, als sie haben, und immer etwas auf die hohe Kante legen.

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