Es war noch Winter in Hamburg, also vor ein paar Tagen erst, dass der Pianist mit dem Fahrrad angezischt kommt, nur eine Kapuzenjacke an, keine Handschuhe. "Mein Frau hat gemeint, es sei nicht kalt!", sagt Martin Tingvall, und sein rosiges Lächeln verleiht der Beschwerde einen Hauch von Liebeserklärung. Der Probenraum liegt an einer Hauptverkehrsstraße in Eppendorf. Halb Hamburg pendelt jeden Tag an dem weiß getünchten Haus vorbei, ohne zu ahnen, was hinter den Mauern des ehemaligen Pastorats entsteht: melodischer Jazz, der ganz Europa verzaubert.

Das Tingvall Trio hat in den zehn Jahren seines Bestehens in 18 Ländern gespielt, und schon lange nicht mehr, wie anfangs im Quasimodo in Berlin, vor zwei Zuschauern, von denen der eine der Barkeeper war. "Jetzt läuft es gut", sagt Martin Tingvall, "jetzt ernten wir ein wenig."

Gerade haben sie eine Live-Platte veröffentlicht, ihr fünftes Album, als Dank an ihr Publikum. Proben tun sie immer noch da, wo alles begann.

Viel Platz ist nicht. Der Flügel füllt ein Drittel des Zimmerchens. Zwischen Kontrabass und Schlagzeug muss man balancieren. Instrumente, Kabel und Geräte überall. "Der Raum ist unser Kochtopf", sagt Omar Rodriguez Calvo, der Bassist.

Er sagt das in seinem weichen, flüssigen Deutsch; 1994 kam er aus Kuba, inzwischen ist er in Hamburg verheiratet und Bundesbürger, was das Reisen sehr vereinfacht. Er mit dem Trio unterwegs mit dem kubanischen Pass – das habe immer "eine Million Papiere" gebraucht.

Auch Martin Tingvall aus Malmö spricht Deutsch, schwedisch gefärbt. Jürgen Spiegel, der Schlagzeuger aus Bremen, spricht seinerseits Schwedisch, was an der Schwedin liegt, die eines Abends vor dem Birdland stand, jenem Hamburger Club, in dem sie alle schon spielten.

Eine karibisch-skandinavische Jazzband also mit dem Wahlheimathafen Hamburg. "Ich habe mich noch nie irgendwo so wohl gefühlt", sagt Tingvall, und der Mann mit dem maritimen Backenbart setzt genüsslich noch eins drauf: "Ich bin ein Hanseat." Das Einzige, was ihm manchmal fehle, sei die Weite. Dann fahre er nach Kiel zum Schweden-Eck. An der Ostsee sehen wir ihn traumverloren wandern: den Kopf voll mit Edvard Grieg und schwedischer Volksmusik.

Jetzt beginnt er die Probe mit dem tastenden, verlangenden, Spannung anspeichernden Klavier-Intro von Sevilla, ein paar Töne nur, und alles ist Melancholie und Eros. Wie macht er das bloß?

Als es kaum mehr auszuhalten ist, platzen Bass und Schlagzeug in die Melodie hinein. Tingvall spielt jetzt kraftvolle Akkorde mit der Linken, Calvos Bass beginnt zu singen, Spiegel garniert den Rhythmus mit pointierten Trommelwirbeln. Wenn schon schwedische Wälder und kubanische Wärme, warum dann nicht auch ein paar strukturierende Wendungen deutscher Marschmusik?

Tingvall kommt mit den Melodien, arrangiert wird zumeist gemeinsam. Und was den Kochtopf des Studios verlässt, wird mit jedem Auftritt ausgekochter. Jazz ist Improvisation nicht nur im Moment, sondern auch über Jahre hinweg. Sie spielen ohne Noten, man hat ja alles im Kopf. Aber wie endet Sevilla noch mal? Das weiß plötzlich keiner mehr. Sie halten inne, überlegen, dann steht der Schlagzeuger auf und kramt das Album hervor. In den CD-Player damit! Herrlicher Moment. Das Tingvall Trio hört das Tingvall Trio, um sich zu erinnern: Ach, so war das!

Sevilla, entstanden nach einem Auftritt ebendort, ist eines der wenigen Stücke ohne explizit schwedischen Titel. Typischerweise tragen sie Namen wie Horisont oder Trolldans oder Flaskpost oder Högtid. Die Alben heißen Skagerrak (2006), Norr (2008), Vattensaga (2009) und Vägen (2011). Extrem schwedischer Auftritt bei international stark nachgefragtem Inhalt? Ein Schelm, wer an Möbel dabei denkt.

Von Eppendorf in die Welt

"Vägen", sagt Martin Tingvall bei einem Kaffee in der Küche neben ihrem Probenraum, "das ist der Weg, unser Weg." Das ist ihr Weg aus der Welt nach Hamburg-Eppendorf. Das sind die vielen Kilometer kurz und quer von Eppendorf hinaus in die Welt, gefahren anfangs in einem zu alten Mercedes. Das Schlagzeug im Kofferraum, der Bass auf dem zurückgeklappten Beifahrersitz, Jürgen am Steuer, Martin und Omar hinter ihm auf der Rückbank, eng beieinander wie ein Liebespaar. Mit Tempo 40 ächzen sie über die Kasseler Berge, und zum Auftritt im Schloss Löbbenau setzt sie ein Abschleppwagen des ADAC vor der Tür ab; im Saal wartet schon das Publikum.

Sie fliegen zu einem Open-Air-Festival nach Chile, "16 Stunden Anreise", erzählt Jürgen, "und nach fünf Minuten ist der Auftritt vorbei." Weil es regnet. Martin inspiriert es zu einer Komposition: Santiago. Vielleicht was für die nächste Platte.

In Harare spielt Omar E-Bass, prompt fällt der Strom aus. "Und wenn wir auf Tour gehen, nehmen wir das Wichtigste nie mit", sagt der Pianist, um angemessene Empörung bemüht. Oft findet er einen furchtbar klingenden Flügel vor. Frage an den Veranstalter: "Ist der nicht gestimmt worden?" – "Gestern!" – "Aber dann haben Sie über Nacht die Heizung abgestellt?" – "Ja, klar, die kostet sonst zu viel." Und dann hat sich bei vier Grad Celsius alle gute Stimmung verflüchtigt.

Luxemburg, Dubai, Teneriffa, an Anekdoten fehlt es ihnen nicht. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt 1996 in Groningen. Dort trifft der Stipendiat Martin den Studenten Jürgen. Das Fach "Lichte Muziek" hatte dem jungen Deutschen besser gefallen als die strenge Hamburger Bebop-Schule. Bis heute schätzt er die Rockmusik. Seine erste Band widmete sich dem Werk von Black Sabbath, sein älterer Bruder allerdings ist Professor für Posaune. Jürgen Spiegel macht viel im Studio, "für den arabischen Raum", wie er sagt. Seine Jingles schmücken Al-Dschasira, in Zelten jammte er mit Beduinen.

Martin besucht Jürgen 1999 in Eppendorf. Sie wohnen in ebenjenem Haus, in dem sie heute proben. Martin will nur eine Woche in der Stadt bleiben, es werden 14 Jahre.

Omar dagegen kommt aus Matanzas, bekannt für Zuckerrohr, Rumba und klassische Musik. Seine halbe Familie lebt vom Spielen: Cello, Bratsche, Flöte, Horn. "Als ich nach Deutschland kam, habe ich hier privat noch Unterricht genommen." Er schaffte es bis in die NDR-Bigband und sogar, "als Aushilfsbassist", zu den Hamburger Sinfonikern. "Meine Welt liegt zwischen Klassik und Jazz", sagt er. Jürgens Faible für Auftritte im Stadion und alles Laute teilt er so gar nicht.

Anfang April spielte er im Alten Pfandhaus in Köln mit seinem zweiten Ensemble, dem Ramón Valle Trio. Am Schlagzeug saß Ernesto Simpson. Drei Kubaner: kribbeliger, jazziger als das Tingvall Trio.

Nachdem Martin, Jürgen und Omar sich an der Elbe gefunden hatten, spielten sie auf St. Pauli in einer Kaschemme. Junge Hörer kamen. Auch ein Mann, an dessen Tür sie geklingelt hatten, um ihm ein Demo in die Hand zu drücken: Bernd Skibbe vom Eimsbütteler Mini-Label Skip Records. Skibbe hatte die Tür gleich wieder zugeschlagen, hörte sich die Aufnahme aber beim Aufräumen an und wurde neugierig. Heute ist das Trio sein Renner. Vergoldete CDs für mehr als 10.000 verkaufte Platten zieren die Wand des Eppendorfer Probenraums.

Martin Tingvall, der nebenher für Udo Lindenberg komponiert (Wenn du durchhängst, Der Astronaut muss weiter), hat auf dem Label kürzlich sein erstes Solo-Album veröffentlicht. Auf gut Schwedisch heißt es en ny dag und mag auch Hörern gefallen, die sich mit Jazz eher schwertun.

Tingvall nahm es vergangenen Mai in einem altehrwürdigen Hotel in Göteborg auf, in dem einst die schwedische Königsfamilie logierte. Das Haus lag verlassen, draußen waren es 28 Grad, und seine Hamburger Deern hörte ihm hochschwanger zu. Als alles getan war, gingen sie im See schwimmen.

"Es war das schönste Wochenende meines Lebens", sagt Martin Tingvall.

Und das hört man.