Das Buch sieht ambitioniert aus, es steht aber nichts Besonderes drin. Damit könnte man es gut sein lassen, aber Das ist nicht wahr, oder? repräsentiert überhandnehmende Genreprobleme.

Auf dem schicken Umschlag der deutschen Ausgabe steht unter dem Namen der Autorin "The Bloggess", so heißt das Blog von Jenny Lawson. Das amerikanische Original hat das Wort "Memoir" im Untertitel. Und es gäbe wirklich keinen Grund, diese Geschichte zu drucken und auch noch zu übersetzen, wenn die Buchbranche nicht so große Hoffnungen in Memoirs setzte, deren Autoren oft Blogger sind.

Die Autobiografie war ein Text, von dessen Autor man erwarten durfte, dass sie oder er etwas fertiggebracht oder zumindest erlebt hatte. Das Memoir ist eine Geschichte, in der Leute wie du und ich Dinge erzählen, die dir und mir so passieren, damit wir uns identifizieren können.

Jenny Lawson zum Beispiel ist eine Frau, die in einem Kaff in Texas aufgewachsen ist, einen Jungen aus wohlhabender Familie geheiratet und ihren Job in einer Personalabteilung gekündigt hat, um sich aufs Schreiben von Memoirs zu konzentrieren, und nach einigen Schwierigkeiten eine Tochter bekommen hat. Sie verfügt über einige gepflegte Neurosen, die im Alltag zu komischen Vorfällen führen, also eigentlich ganz süß sind, und ihr Mann liebt sie trotzdem.

Auf Partys, bei denen man die Gäste nicht wirklich kennt, ist man dankbar für das angloamerikanische Talent, Anekdoten, die vorgeblich etwas von ihrer Erzählerin preisgeben, angenehm aufgebauscht darzubieten. Aber Buchstabe für Buchstabe auf 250 Seiten schweren, weißen Papiers gedruckt, wirkt die Plauderei bedrückend.

Da hilft nicht, dass die Übersetzung so am Original hängt, dass man den Ton schlecht synchronisierter Filme assoziiert. Es hilft auch nicht, dass der Text in drei verschiedenen Schrifttypen gesetzt und mit Fußnoten versehen ist, die Kommentare einer gedachten Lektorin wiedergeben. Was absolut nicht hilft, sind Bemerkungen vom Typ: "Immer wenn ich das erzähle, sagen die Leute: gibt’s doch gar nicht!" Weil man das beim Lesen überhaupt nicht denkt. Genau wie eine Person, die ständig erwähnt, wie durchgeknallt sie sei, eher gewöhnlich wirkt. Wie du und ich eben.

Erfolgreich waren die Geschichten von Jenny Lawson als Blog. Also im Internet, dem publizistischen Äquivalent einer Party, auf der man die Leute nicht kennt. Im hohen Tempo und in der Umgebung mündlicher Rede des Netzes sind Jenny Lawsons Storys bestimmt unterhaltsam.

Aber mit einem Pfund Buch in der Hand wird einem klar: Es ergibt halt doch nicht diese neue Internetliteratur, auf die wir alle warten, wenn man einfach einen Blogger sein Tagebuch noch mal abschreiben lässt! Hoffentlich spricht sich das endlich rum. In den Verlagen vermutlich nur, wenn so etwas keiner kauft. Das möchte man dem neu eröffneten Metrolit-Verlag eigentlich nicht wünschen. Trotzdem – lassen wir’s.