Der australische Internetaktivist und Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks Julian Assange floh im Juni 2012 in die Botschaft von Ecuador in London, wo er noch heute politisches Asyl genießt. Ihm droht in Großbritannien aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen die Überstellung nach Schweden. Nach eigenen Angaben fürchtet er diese, da ihm eine Auslieferung in die USA und dort weitere Prozesse drohen könnten.

WikiLeaks hatte in den vergangenen Jahren in aufsehenerregenden Aktionen geheime Dokumente der amerikanischen Armee, von Botschaften und Behörden im Netz veröffentlicht, die unter anderem die Kriege in Afghanistan und im Irak betrafen.

Am Mittwoch vergangener Woche wurde in London Margaret Thatcher zu Grabe getragen. Während der Trauerzug sich in Richtung St. Paul’s Cathedral bewegte und die feierlich gekleideten Passanten langsam hinterhergingen, begab sich unser Autor, der französische Philosoph Alexandre Lacroix, in die Botschaft von Ecuador. Er hatte den heute 41-jährigen Julian Assange schon einmal, im Oktober 2011, getroffen, als er von einem Kriegsreporter in dessen prächtigem Herrenhaus aufgenommen worden war. Damals war Julian Assange bereits mitten in der juristischen Auseinandersetzung, um seine Auslieferung an Schweden zu verhindern, wo ihn ein, seiner Meinung nach, unfairer Prozess erwartete. Heute, in dieser winzigen ecuadorianischen Botschaft im Erdgeschoss eines Mietshauses, das Tag und Nacht von vier Polizisten und einem Lkw mit Videokameras bewacht wird, ohne auch nur einen Hof, um sich die Beine zu vertreten, wirkt Julian Assange auf den ersten Blick von seinem Freiheitsentzug angegriffen. Hat der Sprecher von WikiLeaks die Partie gegen die Supermächte verloren?

DIE ZEIT: Herr Assange, wie geht es Ihnen?

Julian Assange: Ausgezeichnet. Offenkundig haben manche Journalisten das Bedürfnis, dass ich über meine Situation jammere, sie erwarten, dass ich ihnen ein Schauspiel biete, das in der beruhigenden Erkenntnis mündet: Wer sich der Macht der Vereinigten Staaten widersetzt, bekommt eben die Konsequenzen zu spüren. Das ist Unsinn. Wir haben ein Imperium besiegt. Wir haben in dem Kampf, den wir führen mussten, in allen Punkten gewonnen. Heute versuchen die USA sich zu rächen und greifen uns indirekt an. Aber wir werden wieder gewinnen. Wir haben eine Strategie, und wir machen Fortschritte.

ZEIT: Was machen Sie hier eigentlich den ganzen Tag lang in der Botschaft?

Assange: Die USA und ihre Verbündeten haben mich in eine Lage gebracht, in der ich nichts anderes tun kann, als zu arbeiten. Zugleich haben sie die ganze Organisation und mehrere Millionen Menschen gegen sich aufgebracht. Ziemlich dumm von ihnen, finden Sie nicht?

ZEIT: Sehen Sie irgendeine Lösung, wie Sie hier wieder herauskommen?

Assange: Viele, das interessiert mich nicht in erster Linie. Was würde dann passieren? Ich bin nicht der einzige, der in Gefahr ist. Hierherzukommen war Teil eines größeren Plans. Ich bin nicht zufällig in dieses Gebäude hineinspaziert. Das war eine strategische Entscheidung.

ZEIT: Wenn die schwedischen Behörden Ihnen garantieren, Sie nicht an die USA auszuliefern, werden Sie dann nach Schweden reisen und den Richtern Rede und Antwort stehen?

Assange: Da sind zweifellos eine Menge Fehlinformationen im Umlauf. Es gibt keine Richter. Es gibt keine Anklage gegen mich. Ich bin nur als Zeuge geladen. Ich soll eine Aussage machen. Aber wenn ich versuche, in Schweden anzurufen, nehmen die Polizisten das Telefon nicht ab. Ecuador hat über diplomatische Kanäle um eine förmliche Garantie gebeten, dass ich nicht ausgeliefert werde. Ich habe von Anfang an eine Garantie verlangt. Schweden weigert sich und weigert sich obendrein, seine Weigerung zu begründen. Zu Beginn des Jahres sagte der Vorsitzende des obersten schwedischen Gerichts, Verfassungsrichter Stefan Lindskog, dass Schweden durch nichts daran gehindert werde, mich aufzusuchen und mit mir zu sprechen, wenn es das will, und dass er nicht verstehe, warum das nicht geschehe. Schwedischen Medien zufolge ist das eine Frage des schwedischen "Ansehens" – ich wusste gar nicht, dass Schweden in dieser Sache noch irgendein Ansehen hat. Im Spanischen gibt es ein Sprichwort, das übersetzt heißt: "Hör auf, den Schweden zu spielen." Gemeint ist damit: Hör auf, so zu tun, als wüsstest du nicht, was los ist – es ist absurd.

ZEIT: Sprechen wir über die Anfänge ihrer Internetaktivitäten. Würden Sie sagen, dass das Internet für seine Erfinder so etwas wie eine Utopie war?

Assange: Ich war Anfang der 1990er Jahre am Aufbau des Internets in Australien beteiligt, und in der Tat könnte man sagen, dass die ersten Hacker eine utopische Geisteshaltung hatten. Das war eine Art Wissensutopie. Wir dachten, es sei unsere Mission, ein Netzwerk zu entwickeln, das es der Menschheit ermöglichen würde, Wissen zu verbreiten und auszutauschen. Wir glaubten, dass es nötig sei, so etwas zu tun, wegen der Rolle, die die Massenmedien mit ihrer Konsensproduktion und ihren Fehlinformationen spielten. Damals gab es aber noch eine Riesenlücke zwischen unserem platonischen Traum von einem transnationalen Netzwerk und der real existierenden Technologie. In seinen Anfängen war das Internet lückenhaft und informationsarm. Erst gegen Ende der 1990er Jahre entwickelte es genügend Eigendynamik, um uns hoffen zu lassen, wir seien beinahe am Ziel. Für ein paar Jahre gab es wirklich ein goldenes Netzzeitalter, wenn wir darunter ein freies Netz verstehen. In den 2000er Jahren setzte jedoch eine andere Dynamik ein, als andere Akteure die Bühne besetzten: Großunternehmen wie Google, Facebook, PayPal und so weiter verdrängten die Hackerpioniere und Netzpublizisten, die sich für die freie Meinungsäußerung einsetzten. Sie übernahmen die Regie beim Ausbau des Internets. Mit der Entwicklung ungemein effizienter Werkzeuge zur Massenüberwachung wurde unsere Utopie zunichtegemacht.