Greenpeace-Protest gegen die Holzfirma Danzer am 7. November 2011 in Caen © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Normalerweise geht es die Tübinger Staatsanwaltschaft nichts an, welche Verbrechen im kongolesischen Landkreis Yalisika begangen werden. Es sei denn, im Tatgeschehen taucht ein deutscher Investor aus Baden-Württemberg auf. In den frühen Morgenstunden des 2. Mai 2011 rückten etwa 60 Polizisten und Militärs in ein Dorf in Yalisika ein, dessen Bewohner von einem Holzunternehmen des Diebstahls beschuldigt worden waren. Laut Zeugenberichten verprügelten die Uniformierten mehrere Männer, einen so schwer, dass er an den Folgen der Schläge starb. Fünf Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, Hütten, Motorräder und Hausrat zerstört und sechzehn Dörfler schließlich auf einem Firmen-Lkw ins nächste Gefängnis verfrachtet.

Es ist nicht neu, dass Sicherheitskräfte im Kongo Gewalt gegen Zivilisten anwenden. Ungewöhnlich ist, dass die Betroffenen sich gleich an zwei Orten zur Wehr setzen: mit einer Klage gegen die Offiziere in ihrer Heimat, was dort nicht ungefährlich ist. Und in Deutschland mit einer Strafanzeige gegen einen Manager des Holzkonzerns Danzer, jahrzehntelang einer der größten deutschen Investoren im Kongo. Dessen Tochterunternehmen Siforco hatte die Sicherheitsbehörden im Konflikt mit den Dorfbewohnern eingeschaltet.

Kann man das? Einen Firmenvertreter für Straftaten (mit)verantwortlich machen, die Sicherheitskräfte eines anderen Landes ohne sein Wissen und Wollen begangen haben? "Absurd! Reine Effekthascherei", sagt Olof von Gagern, bei Danzer zuständig für das Afrikageschäft. Gegen ihn richtet sich die Anzeige. Keineswegs, entgegnen die Anwälte des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), die, ausgestattet mit Vollmachten der kongolesischen Dorfbewohner, jene Anzeige gestellt haben. Das Militär-und Polizeikommando erhielt von der Danzer-Tochterfirma nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Benzin, Fahrer und Geld für seinen Einsatz in Yalisika. Von Gagern, so der Vorwurf, hätte als Afrika-Verantwortlicher des Konzerns aber klare Anweisungen geben müssen, bei solchen Konflikten keine staatlichen Sicherheitskräfte einzuschalten, weil die für ihre Brutalität hinlänglich bekannt seien. "Beihilfe durch Unterlassen" heißt das im Juristendeutsch – in diesem Fall zu Vergewaltigung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Brandstiftung.

Offiziell bekennt sich die Danzer-Gruppe, deren Hauptsitz inzwischen in der Schweiz liegt, zu nachhaltiger Forstwirtschaft, zum Kampf gegen Korruption und zu sozialer Verantwortung. "Du bist nicht nur verantwortlich für das, was du tust, sondern auch für das, was du nicht tust." Diesen Ausspruch des chinesischen Philosophen Lao-Tse findet man auf der Website der Firma.

Was Vertreter von Mutter- und Tochterunternehmen im Fall Yalisika getan oder nicht getan haben, ist Kern des Streits, der 2011 im Überfall auf das Dorf mündete. Die Danzer-Gruppe hatte schon Anfang der neunziger Jahre zu Zeiten Mobutus in dem Gebiet rund um Yalisika Holz geschlagen sowie Säge-und Furnierwerke betrieben. Während der beiden verheerenden Kriege Ende der neunziger Jahre stellte sie ihre Aktivitäten ein, 2003 nahm sie sie wieder auf. Im Kongo müssen Konzerne, die Rohstoffe abbauen, mittlerweile laut Gesetz Entschädigungen mit den bitterarmen Gemeinden vereinbaren. Die Tochterfirma Siforco einigte sich 2005 mit den Dorfbewohnern in Yalisika vertraglich auf eine neue Schule und ein Gesundheitszentrum. Doch deren Bau wurde nie begonnen. Finanzprobleme, sagt Olof von Gagern, Siforco sei nach dem Krieg "nicht in eine Gewinnzone gekommen". Man habe sich mit der Gemeinde auf einen neuen Zeitplan für die Fertigstellung der Gebäude geeinigt. Deren Mitglieder sahen das offenbar anders, "beschlagnahmten" Geräte des Unternehmens – unter anderem ein Solarmodul, mehrere Batterien und ein Radiogerät. Die Firma spricht von "Plünderungen", Drohungen und einer ungewöhnlichen Renitenz der Bevölkerung. Von Gagern bestreitet, dass irgendein Firmenangehöriger gewusst habe, was die ausrückenden Sicherheitskräfte in der Nacht zum 2. Mai 2011 vorhatten. Und dass Polizei und Militär von Privatunternehmen Fahrzeuge und Benzin einforderten, sei im Kongo normal.

Mit dem Tathergang wird sich nun die Tübinger Staatsanwaltschaft herumschlagen müssen, so sie denn einen Anfangsverdacht bestätigt sieht. Sofern sie sich nicht selbst auf eine Reise in den Regenwald begeben will, müsste sie zunächst die Recherchen von kongolesischen NGOs und internationalen Organisationen wie Greenpeace und Global Witness sowie die Darlegungen von Danzer und auch einen Bericht des kongolesischen Umweltministeriums auswerten. Dessen Delegation, die wenige Tage nach der militärischen Attacke auf Yalisika im Dorf war, wirft der Bevölkerung in ihrem Report tatsächlich Diebstahl und Einschüchterungsversuche vor. Vor allem kritisiert sie aber Siforco, weil es den Vertrag über die Bauprojekte nicht eingehalten und weil es Militär und Polizei eingeschaltet habe. "Deren Verhalten in solchen Konflikten kann nun wirklich niemandem verborgen geblieben sein", heißt es in dem Bericht.

Sich in transnationalen" Strafverfahren auf die Ermittlungen anderer stützen zu müssen ist nicht nur ein Problem deutscher Behörden, sondern auch das Problem jener Anwälte, die das Anliegen der Opfer vertreten. Das ECCHR muss sich auch auf die Recherchen kongolesischer Menschenrechtler und internationaler Organisationen wie Greenpeace oder Global Witness verlassen, das die Strafanzeige gegen von Gagern mitträgt.