Künstler Roee RosenIm Kleingedruckten

Der israelische Filmemacher, Performer, Autor und Maler Roee Rosen erschafft lauter künstliche Vergangenheiten. Sein Werk ist ein Labyrinth der raffinierten Täuschungen und verblüffenden Erkenntnisse. von Andrea Heinz

Roee Rosen

Roee Rosen  |  © Danny Martindale/Getty Images

Es gibt mehr als nur eine Wahrheit. Sogar – oder erst recht – wenn einer antritt, um seine Beichte abzulegen: "Hallo. Ich bin Roee Rosen", sagt die Person hinter dem Schreibtisch in die Kamera. "Meine Tage sind gezählt. Ich werde bald tot sein." Das ist nachweislich falsch. Der 1963 in Israel geborene Künstler Roee Rosen lebt. Die Person, die in dem Film The Confessions of Roee Rosen (2008) bekennt, ihre ganze Karriere auf "Lügen, Skandalen, obszöne Bilder, falsche Identitäten" gegründet zu haben, ist auch nicht er selbst. Rosen hat drei Gastarbeiterinnen vor die Kamera gesetzt und sie nacheinander seine Bekenntnisse vorlesen lassen. Die Frauen beherrschen kein Hebräisch. Wie ferngesteuert lesen sie vom Teleprompter ab. Ihr unsicherer, manchmal fast gedemütigter Gesichtsausdruck lässt nie vergessen: Sie sprechen, ohne ein Wort zu verstehen. Bizarr wirkt das, wenn sie Wörter falsch aussprechen, wenn aus "verrottenden Körpern" "verrottender Käse" wird. Der echte Roee Rosen gibt ihnen, hinter der Kamera sitzend, Bewegungen vor. "Ich bin dabei, meinen Arm zu heben", liest die Frau folgsam ihren Text ab, und hebt kurz darauf den rechten Arm zum Hitlergruß. Noch beängstigender wird es, wenn sie sagt: "Auch wenn ich es jetzt noch nicht weiß, bin ich dabei, einen Baum zu machen" – nur um umgehend aufzustehen und einen Baum darzustellen.

Rosen bezieht sich im Text der Confessions auf Vorbilder wie Augustinus und Rousseau. Grotesk überzogen verweisen seine Geständnisse daneben auf die Sensationsgeilheit neuzeitlicher Talkshows und Boulevard-Schlagzeilen: Brunnen habe er vergiftet, gesteht Roee Rosen uns ein, und während er seine Dissertation schrieb, habe er sexuelle Dienstleistungen feilgeboten, ein paar Jahre lang auch Swastiken gemalt – und da wird es wieder Zeit für die Frau vor der Kamera, einen Hitlergruß zu performen. Dieser Akt der Performance ist es, der Roee Rosen in seinen Werken interessiert. Sexualität, sagt er, Religion oder "jedes andere Partikel unserer Identität ist ein Dialog zwischen innen und außen. Du performst die Rolle, die dir zugeschrieben wurde." Wenn er in seinen Confessions den Akt der Lebensbeichte, des "Wie ich wurde, was ich bin" pervertiert, verweist er damit auf einen allgegenwärtigen gesellschaftlichen Anspruch: auf die eigene Identität als Rolle, die es möglichst widerspruchsfrei zu spielen gilt. Schließlich garantiert diese Eindeutigkeit reibungslose Abläufe. Dass diese Forderung manchmal in eine Zurichtung ausartet, das spiegeln die verstörten Gesichter der Gastarbeiterinnen in The Confessions of Roee Rosen wider.

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Im "echten Leben", sagt Roee Rosen, sei man oft festgenagelt auf "Vorannahmen, was man zu sein hat. Nicht nur sexuell oder geschlechtlich, sondern zum Beispiel auch, was die nationale Identität betrifft". In der "spekulativen Zone" seiner Kunst will er diese Zuschreibungen aufbrechen, und es spricht für seine (unter anderem beim Filmfestival in Venedig und bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen ausgezeichnete) Arbeit, dass er das auf fast beiläufige, niemals bemühte Weise tut. Er gibt den Betrachtern keine eindeutige Denkrichtung vor – was er zeigen will, das vermittelt sich über sein manchmal absurd komisches, oft verstörendes Spiel mit Identitäten.

Ausstellungen

Die Ausstellung "Maxim Komar-Myshkin: Vladimir’s Night2 ist zu sehen in der Rosenfeld Gallery, Tel Aviv, 29.April – 1.Juni 2013

"The Confessions of Roee Rosen", zu sehen in der Ausstellung "Le Pont" im MAC Le Musée d’Art Contemporain, Marseille, 25.Mai – 20.Oktober

Film

"Hilarious" im Rahmen des Kurzfilmabends "This and that: Complexities of Israeli Identity", Filmforum Bregenz im Metrokino, Rheinstraße 25, 6900 Bregenz, 13. Juni, 20 Uhr

So passiert das auch bei seinem Alter Ego, der völlig unwahrscheinlichen Figur Justine Frank. Die jüdische Malerin, die Rosen da "erfand", wurde 1900 in Antwerpen geboren. In ihren Gemälden vermengte sie erotisch-obszöne Motive mit solchen aus der jüdischen Symbolik, 1931 schrieb sie die protofeministisch-pornografische Erzählung Sweet Sweat (neben Rosens Filmen, Texten und Gemälden ist sie in Ausschnitten auf seiner Homepage zu finden). Frank lebte eine Weile in Paris, hatte Kontakt mit den Surrealisten und eine Affäre mit Georges Bataille. Schließlich emigrierte sie nach Palästina, wo sie 1943 verschwand und niemals wieder gesehen ward. Bisweilen hört Roee Rosen zwar, die Künstlerin würde in den USA leben. Aber das ist schwer möglich – die Frau hat es ja nie gegeben. Alle ihre Werke wurden von Rosen selbst geschaffen. Immer gab er Hinweise darauf, dass sie nur eine Fiktion ist. Aber: "Die Leute lesen nie das Kleingedruckte." Viele, so vermutet er, wollten wohl auch einfach daran glauben, dass es eine wie Justine Frank wirklich gegeben hat: "Sie bewegt sich in zwei stark patriarchalen Szenen, der europäischen Avantgarde vor dem Zweiten Weltkrieg und der zionistischen Gesellschaft in Palästina. Sie funktioniert als Paria, und als solcher zeigt sie, was gefehlt hat." Gerade weil sie das als bloße Behauptung einer Identität tut, ohne als realer Körper existiert zu haben, ist Rosen der Meinung: "Auf gewisse Weise kann man die Vergangenheit herausfordern und verändern."

Eher der Gegenwart widmet sich seine neueste "Entdeckung", die er aktuell in Tel Aviv präsentiert: der (natürlich fiktive) russische Poet Efim Poplavsky, der unter dem Pseudonym Maxim Komar-Myshkin das Buch Vladimir’s Night verfasste. Der 1978 geborene Dichter war nach Israel eingewandert und gründete dort unter anderem die Buried Alive Group, eine Strick-Gemeinschaft aus Künstlern,Schauspielern, Musikern und Autoren der ehemaligen Sowjetunion. Komar-Myshkin litt unter schlimmem Verfolgungswahn: Er glaubte, Russlands Präsident Putin plane einen ganz persönlichen Rachefeldzug gegen ihn und seine Ermordung stehe kurz bevor. Nach Komar-Myshkins Selbstmord 2011 wurde das heimlich verfasste Vladimir’s Night entdeckt: Der Text wie auch die dazugehörigen Illustrationen sind eine Mischung aus Kindermärchen und maximal blutigen Folterszenen. Vladimir, der dem russischen Staatschef frappierend ähnlich sieht, befindet sich darin mit seiner Geliebten (welche aus unerfindlichen Gründen als Hund verkleidet ist) in seiner Sommerresidenz. Als er sich bereits zu Bett begeben hat, marschieren allerlei lebende Gegenstände vor ihm auf – Strümpfe, Pullover, aber auch Gewehre und Mistgabeln. Während sie anfangs noch mit Vladimir spielen, eskaliert die Sache zunehmend: "Glauben die Scheren, Vladimir wäre eine Matrjoschka? Sie schneiden ihn auf, um zu sehen, was sich im Inneren versteckt." Komar-Myshkin könnte die grausamen Zeilen geschrieben haben, um sich mit einer Art Voodoo-Zauber vom vermeintlichen Verfolger zu befreien. Aber das ist noch lange nicht alles: Das Werk wie auch die Person des Autors strotzen vor Querverweisen auf die politische und kulturelle Geschichte Russlands. Roee Rosen in der Rolle des Übersetzers und Kommentators sucht sie analytisch zu zerlegen, um – als wären es Matrjoschkas – zu entdecken, was in ihnen steckt.

Mit dem Wunsch nach gesicherter Deutung jedoch kommt er dem widerständigen Werk nicht bei. Keine der Figuren, keines der Symbole ist eindeutig, jede Erklärung nur eine Möglichkeit. Am Ende gilt der letzte Satz aus Vladimir’s Night: "Remember dear, with Vladimir, things are not what they appear." Die Dinge sind nicht immer, was sie scheinen.

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