Irgendwann sind sie es satt, dass neben den Könnern auch die Muffelgreise sitzen, die Dienstschieber, Schlafmützen und Faulpelze. In stillen Momenten träumen Dirigenten vom Orchester ihrer Wahl, mit 100 Prozent persönlich bekannten Mitgliedern, lauter virtuosen Kumpeln, mit denen sie bis 4.30 Uhr früh Rommé spielen würden. Natürlich sind das Utopien, so wie auf der anderen Seite Orchestermusiker den Chefdirigenten, den alle lieben, ebenfalls nie bekommen – ihn gibt’s nicht.

Halt, noch mal auf Anfang und zur großen Ausnahme. Claudio Abbado, der bald 80-jährige italienische Dirigent, hatte 2002 die Berliner Philharmoniker hinter sich gelassen, seine Krebserkrankung besiegt und das Metronom eines sich ankündigenden Todes abgestellt. In dieser Situation war er es satt, Kompromisse zu machen, und setzte seine Vision eines Orchesters aus lauter Freunden in die Realität um.

Im Gründen von Orchestern war er Fachmann, er hatte das European Union Youth Orchestra persönlich aus dem Taufbecken gehoben, ebenso das Gustav Mahler Jugendorchester, das Chamber Orchestra of Europe und das Mahler Chamber Orchestra. 2003 war das Lucerne Festival Orchestra an der Reihe – mit Sabine Meyer an der Klarinette, Reinhold Friedrich an der Trompete, den Cellisten Jens Peter Maintz und Natalja Gutman, Mitgliedern des Hagen Quartetts, Stimmführern der Orchester aus Amsterdam, Berlin, Boston, München. Besser geht das nicht.

Die atmosphärische Seite war Abbado ebenso wichtig. Er wollte an schönem Ort erhabene Musik machen, getragen vom Geist der Freundschaft und Kompetenz. Blablabla? Wer Abbados Sehnsucht nach beschwingender, von Eifersucht befreiter Teamarbeit kennt, wird von dieser Gesinnung nicht überrascht sein. Zugleich ist Freundschaft die ideale Basis, auf der euphorische, aber zugleich misstrauische Gemüter wie Abbado ihre Maximen elegant durchsetzen können – nach dem Motto: Freunde werden mir schon nicht widersprechen!

Jetzt kann Abbado beim Lucerne Festival im unvergleichlich wohlklingenden KKL-Saal (Kultur- und Kongresszentrum) von Luzern das zehnjährige Bestehen seines Orchesters feiern; trotzdem schaut man nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Das Motto des Sommerfestivals, das in diesem Jahr zum 75. Mal stattfindet (und zwar vom 16. August bis zum 15. September), lautet Revolution! Für Abbado ist das Anlass eines Längsschnitts durch die Musikgeschichte. In zwei Konzertprogrammen pflegt er die symphonische Trias Beethoven-Schubert-Bruckner mit Werken, die Aufbruch und Abschied vereinen: Eroica, Unvollendete, 9. Symphonie d-Moll. Daneben gibt Abbado Musik von Brahms und Schönberg (Auszüge aus den vor 100 Jahren uraufgeführten Gurre-Liedern).

Der Aspekt der Weltveränderung durch versöhnliche Konfrontation wird im Luzerner Sommer nirgends so offenkundig wie im Konzert Daniel Barenboims und seines West-Eastern Divan Orchestra. Sie führen Kompositionen zweier Antipoden-Paare auf: Verdi-Ouvertüren und Wagner-Vorspiele, dazu neue Orchesterwerke des Jordaniers Saed Haddad und der aus Israel stammenden Chaya Czernowin.

Intendant Michael Haefliger liebt solche dialektischen Manöver. Er ist gewiss keiner aus der Gilde jener Spielverderber, die den kulinarischen Genuss des internationalen Publikums durch fortwährenden Beschuss mit unbekannten Klangobjekten stören. Doch er weiß auch, dass Luzern an Profil verlöre, wenn es seinen Horizont schmal stellte. Das Luzern-Publikum ist traditionell sehr offen. Jedenfalls sind im Sommerprogramm immer wieder kleine Explosionen zu vernehmen, die jeweils von einer musikgeschichtlichen Revolution tönen: Strawinskys Sacre du printemps (mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle), Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 (mit der Pianistin Mitsuko Uchida), die Geisterfahrt des Jack-Quartetts zu dem grandiosen mittelalterlichen Kontrapunktiker Guillaume Dufay, wobei auch die Neutöner Iannis Xenakis und Helmut Lachenmann an Bord sind. Komponisten von heute, live in Luzern: Wolfgang von Schweinitz, Michael Wertmüller, Horaţiu Rădulescu, Christian Mason und Mike Svoboda. Daneben stehen die längst verwitterten Giganten des Fortschritts: Berg, Webern, Mahler, Berlioz, Bartók, Schumann, Haydn, Bach. Haefliger hat eine sehr spirituelle Mischung aus Sprengen und Löschen getroffen – aus Musik, die mit allem Früheren kühn abrechnet, und Musik, der noch Tropfen der Wehmut aus den Augen kullern.