Edvard MunchMeine Seelenverwandten

Norwegen feiert den 150. Geburtstag des großen Malers Edvard Munch. Wie es ist, mit dessen Bildern sein Leben zu verbringen, davon erzählt Reiner Luyken. von 

Ich sehe dunkelgrünes Wasser. Ein haarumflortes Gesicht treibt auf mich zu, das Antlitz meiner Mutter. Oder ist es die Madonna? Ich bin in den Starnberger See gefallen. Das Gesicht meiner Mutter verschwimmt mit dem Bild, das in unserem Wohnzimmer über dem Blüthner-Flügel hängt. Edvard Munchs Madonna. Ob das Gemälde wirklich an der Stelle hing, kann ich nicht beschwören. Aber wir besaßen einen Blüthner-Flügel, und wir besaßen die Madonna, eine der fünf um 1894 entstandenen Versionen des berühmten Bildes. Das Motiv und der Maler haben mich durch mein Leben begleitet.

Norwegen feiert dieses Jahr den 150. Geburtstag seines größten Künstlers. König Harald eröffnete das Jubiläum mit einem Festakt im Rathaus von Oslo. Vom 2. Juni an wird im Munch Museum und im Nationalmuseum die mit 220 Gemälden bisher größte Ausstellung seiner Werke zu sehen sein. An die fünfzig Veranstaltungen sind geplant. Munch wird vermarktet und verworkshopt, vertouristisiert, versouveniert und verfacebookt. Eine posthume Verklärung, die nicht der Ironie entbehrt. Das Norwegen seiner Tage bevorzugte gefühlsduselige Ausformungen heiler Ländlichkeit. Sein Heimatland konnte wenig anfangen mit einem Künstler, der Dorfjungen Mörderfratzen gab und Landschaften malte, in denen nackte Baumstämme schwefelgelb wie Schreie im Winterwald liegen. Oder mit einer "heiligen Gebärerin, von berückender Weiblichkeit, entblößt und schön, ihre großen, schwülen Augen dunkel umrändert, ihre delikat und seltsam lächelnden Lippen halb geöffnet", wie Thomas Manns die Jesusmutter in Gladius Dei beschreibt, einer Kurzgeschichte, die sich an den durch die Madonna im wilhelminischen Deutschland ausgelösten Skandal anlehnt, in dem Munch ein Entkommen vor der Enge Norwegens suchte.

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Unsere Madonna wurde zum ersten Mal 1912 in der bahnbrechenden Sonderbund-Ausstellung vielumstrittener Malerei in Köln der Öffentlichkeit gezeigt. Danach ging sie durch die Hände eines Grafen Schwerin, eines Herrn Rose und kam schließlich in den Besitz der Berliner Galerie Cassirer. Das Bild meiner frühkindlichen Erinnerung und die Lebenswege meiner Eltern huschten in tragischer Romanhaftigkeit flüchtig aneinander vorbei. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten 1923 Selbstmord begangen und zuvor eine Nichte Paul Cassirers zur Ziehmutter meiner Mutter bestimmt. Sie freundete sich mit der Tochter der in zweiter Ehe mit Cassirer verheirateten Schauspielerin Tilla Durieux an. Als die Durieux sich von Cassirer trennte, erschoss der Galerist sich im Kontor des Scheidungsanwalts. Die Hamburger Galerie Commeter erwarb das Bild. Dort erstand es mein väterlicher Großvater. Er starb nicht lange nach Abschluss der Kaufverhandlungen.

Edvard Munch

Edvard Munch wurde am 12. Dezember 1863 in Adalsbruk, Norwegen, geboren. Zeitlebens von persönlichen Problemen gepeinigt, war er einer der großen Erneuerer der Kunstgeschichte. Er verbrachte lange Arbeitsaufenthalte in Frankreich und Deutschland. Am 23. Januar 1944 starb er in Oslo.

Edvard Munchs Bild "Der Schrei" wurde 2012 in New York zum Preis von knapp 120 Millionen US-Dollar versteigert; es ist damit das teuerste Bild der Kunstgeschichte

Ausstellung

Die große Jubiläumsausstellung im Munch Museum in Oslo beginnt am 2. Juni. Einen Überblick über das gesamte Programm desw Munch-Jahres gibt es unter www.munch150.no

In späteren Jahren habe ich mir "unsere" Madonna – sie hängt seit 1957 in der Hamburger Kunsthalle – oft angesehen. Sie ist so ganz anders als die vier anderen Madonnen. Jedes Mal berührt mich ihre Leichenblässe. Die Wangen sind fahl wie Marmor, die lasurartig aufgetragenen Farben bläulich übersprüht. Das Erotische mischt sich ganz unzweideutig – mit dem Tod.

Die Sammlung meines Großvaters überdauerte den Krieg in einem Vorort Hamburgs. Nach der Aufteilung des Erbes legte das Bild die erste Teilstrecke in sein neues Domizil am Starnberger See in einem Leiterwagen zurück. Mein Vetter schoss mit einem Papierbolzen ein Loch in die Leinwand. Sie wurde zum Restaurator nach München gebracht. Munch hätte sich darüber vermutlich nicht weiter gegrämt. Als sein großer Freund und Förderer, der Hamburger Landsgerichtsdirektor Gustav Schiefler, sich einmal betrübt darüber äußerte, dass eine Landschaft, die er ihm geschickt hatte, beschädigt angekommen sei, erwiderte er ihm in seinem eigentümlichen Deutsch: "Ich meine das, die Schade des Bildes nicht viel thut – aber es ist unangenehm. Übrigens sind alle meine Gemälde so ein bischen gelochert – es ist eigentlich notwendiglich um echte ›Munch‹ zu sein."

Unser Haus war bis unters Dach mit Flüchtlingen vollgepackt. Nach und nach zogen sie aus. Nur eine Familie blieb, der Mann war Rechtsanwalt. Meine Mutter konnte ihn nicht ausstehen. Ein Ausweg bot sich – selber auszuziehen und ein neues Haus zu bauen. Aber wie konnte man das bezahlen? Unsere Großtante Muhme, an die ich mich als hoch kultivierte Christ und Welt-Leserin erinnere, riet zum Verkauf der Madonna. Sie fand deren Darstellung als Liebendes Weib – Munchs Untertitel – nach wie vor geschmacklos. So verschwand sie aus dem Wohnzimmer.

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