Man denkt normalerweise, unbekannt gebliebene große Kunst gebe es nicht. Wer wirklich etwas zu sagen hat, glauben wir, der setze sich irgendwie auch durch. Ich kann nicht sagen, dass ich von dieser tröstlichen Grundüberzeugung frei wäre. Und gar ein Maler der fünfziger Jahre? Da hatte ich mich einmal ganz gut ausgekannt.

Vor zwanzig Jahren sah ich dann einige Bilder Sigmund Streckers, der von 1914 bis 1969 gelebt und von dem ich noch nie gehört hatte. Schon beim ersten Sehen hatte ich das Gefühl, dass diese Bilder, so klein sie waren, wichtig waren. Das war etwa 1990, im alten Weinhaus Huth an der Potsdamer Straße in Berlin, kurz nach dem Mauerfall, als das Haus noch allein mitten in der Grenz- und Mauerwüste stand.

Im dritten Stock waren Wohnung und Studio des Architekten Bernhard Strecker, eines der Söhne Sigmund Streckers. Wir erarbeiteten damals zusammen im Auftrag des Berliner Senats die Strukturpläne für die städtebauliche Wiedervereinigung von West- und Ost-Berlin.

Im Haus des Bielefelder Kunstvereins sah ich dann viele Jahre später eine erste Zusammenschau, sah, dass es vor den späten, fast schon abstrakten Bildern viele größere, hellere Bilder gegeben hatte, die nicht nur eine andere Palette, sondern auch andere Techniken zeigten, zum Beispiel mit dem Spachtel aufgetragene Farben wie beim damaligen Zeitgenossen de Staël.

Aber das Gesamtwerk wurde erst sichtbar, als in Halle am Teutoburger Wald, dort, wo der Maler wie im Versteck gelebt und Tag für Tag seine Stillleben und Landschaften gemalt hatte, Speicher und Kotten ausgeräumt, zusammengerollte Leinwände aufgezogen und gerahmt wurden und die späten dunklen Blätter mit den enigmatischen Tuschzeichnungen auftauchten. Die große Werkschau in Schloss Königsbrück, dem kaum auffindbaren, in Wald und Wasser begrabenen Platz zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge, zeigte daraufhin, 2009, zum ersten Male einen Querschnitt durch das Lebenswerk.

Umso schöner ist es, zu wissen, dass dieses viel zu lange unbeachtet gebliebene Werk jetzt einen eigenen Ort besitzt, und dies in jenem Dorf Neuenkirchen bei Melle, in dem der Maler nach dem Krieg zum ersten Mal in Westfalen Fuß gefasst hatte. Wer das Wohnhaus des Malers in Halle kennt, wird zu würdigen wissen, mit welcher Zielsicherheit der Sohn hier wiederum ein ländlich-agrarisches Gebäude aufgetan und mit großem Feingefühl gereinigt, geöffnet, geweitet und mit einem Geflecht interner Blick- und Raumbeziehungen durchzogen hat.

Ein eigenes Museum für das Werk Sigmund Streckers, das ist keine Übertreibung. Hier ist etwas wiedergutzumachen – regional, als Entdeckung des Malers durch seine selbst gewählte Lebenslandschaft am "Blauen Teuto", aber auch gesamtdeutsch im Blick auf das Bild, das wir uns von der westdeutschen Nachkriegsmoderne machen. Der zeitgenössische Kunstbetrieb und das Feuilleton sind nicht gerecht. Sie sehen das eine, was in den Mittelpunkt gerät und dem Betrieb entgegenkommt – damals war das die Abstraktion. Wer für die Abstraktion war, glaubte sich von vornherein auf der fortschrittlichen Seite und im Recht, zu verachten, was dazu nicht passte. Es war damals – als aller Ehrgeiz darauf ging, die deutsche Kunst nach den Abgründen der NS-Malerei wieder international akzeptabel zu machen – recht einfach, das, was nicht in das Bild einer erneuerten und abstrakt gewordenen Kunst hineinpasste, als gestrig abzutun oder als provinziell.

Auf das Werk Sigmund Streckers passt weder das eine noch das andere. So tief es in der Geschichte der Malerei verwurzelt ist, so genau zeitgenössisch war es – nur hat das eben auf der Oberkante des Kulturbetriebs damals keiner gemerkt. Wer diese Bilder heute sieht, sieht sie zwar als Bilder aus einer anderen Zeit, wie man ja auch die Bilder von Baumeister, Schumacher und anderen Größen von damals heute nicht mehr als Gegenwartsbilder sieht, sondern historisch. Aber das schneidet die Zukunft nicht ab, die alle guten Bilder haben, egal wann und unter welchen Umständen sie entstanden. Und Streckers Bilder haben sicherlich noch Zukunft.