Es knirscht und prasselt und poltert und klackert. Ein spröder Lärm, der klingt wie eine kaputte Kaffeemühle und zugleich wie die herrliche Begleitmusik zu einem Cowboygefühl nahe der Kitschgrenze. Nur sitze ich nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Mountainbike, dessen Reifen sich durch Schotter fressen. Der bedeckt einen schnurgeraden Weg, der irgendwo im Hitzegeflimmer einer alttestamentarischen Landschaft verschwimmt. Sie liegt am Südrand der neuseeländischen Alpen und gibt mir die Illusion, nicht Tourist, sondern Entdecker zu sein. Felskuppen ragen aus golden gebranntem Gras wie gigantische Fingerknöchel. Tote Bäume recken flehend ihre Äste dem ätherblauen Himmel entgegen. Für knapp vier Tage radle ich auf dem Otago Rail Trail ostwärts durch Central Otago, das Patagonien Neuseelands.

Meine Route gehört zu einem Netz von 19 "Great Rides", das sich neuerdings über die Nord- und Südinsel spannt: Radstrecken zwischen 30 und 300 Kilometer Länge durch die schönsten Gegenden Neuseelands. Im September sollen die letzten Wege eröffnet werden. Sie führen über historische Pfade, am Meer entlang, durch Flusstäler oder folgen stillgelegten Bahntrassen. So wie der Otago Rail Trail auf der Südinsel. Er war der erste fertige Radweg und ist das Vorbild für das gesamte Great-Rides-Projekt. Zwischen seinen beiden Endpunkten liegen 152 Kilometer und ein besonderes Stück Neuseeland: trocken, schroff, noch einsamer als der Rest des Landes. Bevor hier vor 150 Jahren Abenteurer nach Gold suchten und mit ihren Funden den Bau der Eisenbahn erst ermöglichten, lebten in Central Otago gar keine Menschen.

Der Spätsommer haucht heiß über die Steppe, als ich im Wildweststädtchen Clyde aufbreche und zum ersten Mal eine Staubfahne in den Himmel schicke. Doch auf den ersten Kilometern leuchten auch vereinzelt Hügel in kräftigem Grün. Dass sie wirken wie frisch gekämmt, liegt an den Rebzeilen. Es sind die letzten vor der Antarktis; die ist von hier weniger weit entfernt als Berlin von Lissabon. So tief im Süden gedeiht Wein sonst nirgendwo auf der Welt. Das will ich mir näher ansehen – bei einem Abstecher zur Black Ridge Winery von Sue Edwards. Lustige Lachfalten zeichnen Sues Gesicht, ihre Füße stecken in lila Gummistiefeln.

Außer mir ist niemand da, doch die Besitzerin des südlichsten Weinguts der Erde öffnet gleich mehrere Flaschen zum Probieren. Ihre Pinot Noir, Gewürztraminer, Chardonnay und Cabernet Sauvignon schmecken so mineralisch wie der Boden, auf dem sie gedeihen. Es ist, als lägen Kiesel im Glas. Sue senkt ihre Nase tief in den Kelch. Die neue Vernarrtheit der Neuseeländer in den Wein amüsiert sie – aber sie freut sich auch darüber. "Es wurde Zeit. Immerhin wächst Wein hier unter ähnlichen Bedingungen wie im Burgund." Nur der Frost zur Lesezeit sei ein Problem. Darum lässt sie an kritischen Tagen Hubschrauber über den Weinfeldern aufsteigen. "Mit ihren Rotoren bringen sie die Luft zum Zirkulieren und verhindern, dass sie am Boden friert. Dann geht es bei uns zu wie einst am China Beach in Vietnam", sagt Sue und lacht donnernd.

Macht die Weite Neuseelands gelassen?

Ein paar Stunden später liegt der Honigton der Abendsonne über dem Land. Das einstige Goldgräbernest Ophir wirkt auf den ersten Blick wie eine Kulisse. Manche Gebäude sind aus der Gründerzeit erhalten und im typischen Angeberstil von Pionierstädten gebaut. Das Postamt mit seinen Rundbögen und einige verträumte Holzhäuser sehen noch heute so aus, als könnte jederzeit Jack London aus der Tür treten. In meiner Pension hängen die ausgemergelten Gesichter der Goldgräber auf Fotos an den Wänden. Viel zu tun gibt es nicht in Ophir. Das winzige Städtchen ist feiertäglich leer auch ohne Feiertag. An der Hauptstraße stehen Karren, die Obst, Haushaltswaren und Kekse feilbieten. Verkäufer braucht es keine. Man nimmt sich, was man möchte, und wirft das Geld in eine Blechkasse. Jetzt wundert mich nicht mehr, warum der Mann im Fahrradverleih so verständnislos schaute, als ich um ein Schloss bat.

Kann es sein, dass Enge argwöhnisch macht, die Weite Neuseelands aber gelassen und großzügig? So kommt es mir jedenfalls vor, als ich am nächsten Morgen erneut durchs offene Land rolle. Immerhin ist die Südinsel so groß wie England, hat aber nur eine Million Einwohner. Die Sonne brennt, in den Satteltaschen gluckst das Trinkwasser, am Himmel paradieren Kumuluswolken. Ich erkenne Gesichter in ihnen, Tiere, Fabelwesen. Genauso ist es mit den verwitterten Felswänden, von denen jede so tut, als wolle sie ein neuseeländischer Mount Rushmore sein.

Gedichte, die die einsame Schönheit Otagos preisen

Durch die erodierten Schieferberge sprengte und hackte man vor mehr als hundert Jahren die Bahnlinie, auf der heute geradelt wird. Zwischen dem Pazifik und dem Ort Cromwell kurz vor den Bergen transportierte sie Passagiere, Obst und Werkzeug. 1990 rollte hier der letzte Zug – gegen die neuen Straßen und Autos hatte die Eisenbahn keine Chance mehr. Deren Geschichte erzählen Informationstafeln entlang des Wegs. So erfahre ich auch, warum hier so viele Königskerzen stehen: Goldgräber führten sie damals ein, weil sie ihre weichen Blätter als Klopapier schätzten.

Über die Gegenwart weiß Brian Turner Bescheid. Ich treffe den Dichter mit dem Wuschelkopf im bunten Stationside Café von Lauder, wo wir vor kohleschaufelgroßen Kuchenstücken sitzen. Die Gedichte des 69-Jährigen beschwören die einsame Schönheit von Central Otago und haben sie in ganz Neuseeland überhaupt erst bekannt gemacht. "Es ist eine Ironie des Schicksals, dass durch den Erfolg meiner Bücher Menschen aus dem Norden herziehen und mehr verändern, als der Gegend guttut", sagt er in elegantem Englisch, nippt am Tee und betupft seinen Mund formvollendet mit der Serviette. Dann wird der bedächtige Poet für einen Moment zum wetternden Raubein und redet als Umweltschützer. Vor zwei Jahren hat er mit einer Bürgerbewegung einen Windpark in der Gegend verhindert. "Gerade die Energiekonzerne bedrohen uns – Leute, die ständig von Wachstum sprechen und vom Land nichts verstehen. Wachstum um des Wachstums willen, das ist die Ideologie der Krebszelle!" Er ist ein wenig laut geworden. Aber gleich lächelt er wieder sanft und nimmt noch ein Schlückchen Tee.