KZ-ZeichnungenGerettete Erinnerung

Die KZ-Zeichnungen von Camille Delétang galten als verloren. Jetzt sind diese einzigartigen Dokumente wieder aufgetaucht. von Jens-Christian Wagner

Bahnhof Celle, 8. April 1945. Bis hierhin war es ihnen gelungen, die Mappe bei sich zu tragen. Doch nun, nur wenige Tage vor ihrer Befreiung, verloren die beiden Franzosen Camille Delétang und Armand Roux doch noch, was ihnen so wichtig war: schriftliche Aufzeichnungen und rund 150 heimlich angefertigte Häftlingsporträts aus dem "Kommando Hecht", einem Außenlager des KZs Buchenwald bei Holzen im Weserbergland.

Amerikanische Flugzeuge griffen an diesem Tag den Bahnhof Celle an. Was die Piloten nicht ahnten: In den Güterwaggons, die sie am Bahnhof bombardierten, befanden sich 3.000 KZ-Häftlinge, die ins nahe KZ Bergen-Belsen verschleppt werden sollten. Mehrere Hundert Häftlinge starben bei dem Angriff, weitere 170 Menschen ermordeten SS, Wehrmacht, Polizei und Bürger von Celle bei der anschließenden Hatz auf flüchtige Gefangene.

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Camille Delétang und Armand Roux, der Häftlingsarzt in Holzen gewesen war, überlebten das Celler Massaker (und den Krieg), doch in dem Durcheinander wurde ihnen das Bündel mit den Zeugnissen entrissen. Seither galten die Zeichnungen und Dokumente als verschollen. Im Sommer 2012, mehr als 67 Jahre danach, sind sie völlig überraschend wieder aufgetaucht. Ein älterer Herr aus Celle meldete sich bei uns in der Thüringer KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Als er im Sommer 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt sei, habe ihm seine Schwiegermutter ein Heft mit Zeichnungen und Dokumenten übergeben, die offenbar aus einem KZ stammten.

Als unsere Archivarin die in Leinen gebundene Kladde öffnete, traute sie ihren Augen kaum: Ordentlich gefaltet, lagen darin über 150 Häftlingsporträts und Skizzen, dazu handschriftliche Aufzeichnungen und ein eng beschriebenes Tagebuch auf Französisch mit Einträgen vom Herbst 1944. Es waren die Dokumente von Camille Delétang und Armand Roux.

Der Jurist Camille Delétang (1886 bis 1969) war Anfang 1944 als ranghoher Kommandeur der Résistance in Le Mans verhaftet und im Sommer 1944 über das KZ Buchenwald nach Holzen verschleppt worden. (Er wurde später Präsident des französischen Veteranen-Dachverbandes Fédération Nationale André Maginot.)

Der Arzt Armand Roux (1886 bis 1960) hatte sich als Bürgermeister der Landgemeinde Latillé bei Poitiers geweigert, deutsche Bekanntmachungen auszuhängen, außerdem hatte er Waffen für die Alliierten versteckt. Auch er war Anfang 1944 verhaftet und nach Holzen deportiert worden. Hier schrieb er das Tagebuch, das nun wieder aufgetaucht ist. Als Résistance-Kämpfer und Gründungsmitglied des französischen Überlebendenverbandes von Bergen-Belsen ist er in seiner Heimat heute noch präsent: Die Hauptstraße von Latillé trägt seinen Namen.

Im 700-Einwohner-Ort Holzen bei Eschershausen im südlichen Niedersachsen hingegen erinnert bis auf einen im Wald versteckten Ehrenfriedhof wenig an das Konzentrationslager. In der gesamten Gegend um Eschershausen sollten noch im letzten Kriegsjahr in einer Stollenanlage unterirdische Produktionsstätten entstehen, unter anderem für das Volkswagenwerk, das V1-Flügelbomben zu montieren plante. Bis zu 10.000 Menschen mussten seit Sommer 1944 hier Zwangsarbeit leisten, unter ihnen KZ-Häftlinge, sowjetische und italienische Kriegsgefangene, zivile Zwangsarbeiter, Insassen des Zuchthauses Hameln und sogenannte "jüdisch Versippte". Zu ihrer Unterbringung richteten die Behörden dicht an dicht mehrere Lager ein, darunter das Lager "Kammando Hecht" in Holzen.

Delétang und Roux gehörten Mitte September 1944 zu den ersten Häftlingen. Bei den wiedergefundenen Dokumenten des Häftlingsarztes Roux befindet sich ein handgeschriebener Zettel vom 22. Oktober 1944, der eine Ahnung davon vermittelt, unter welchen Bedingungen die Häftlinge in dem Lager litten: "Beton-, Terrassierungs-, Maurerarbeiten verursachen bei Menschen, die an den Beruf nicht gewöhnt sind, Wunden an den Händen sowie Unfälle", meldete Roux an das Krankenrevier im Hauptlager Buchenwald. Und er fuhr fort: "Die Schuhe der Arbeiter verletzen ihre ungeschützten Füße, es gibt keine Socken. Außerdem verursacht die unzureichende Ernährung Ödeme, Skorbut und Verdauungsstörungen. Es gibt keine Medikamente gegen Bronchitis, Rippenfellentzündung, keine Schmerzmittel, kein Herztonikum."

Auch die Zeichnungen von Delétang dokumentieren das Elend. Zum Jahresende war das Holzener Lager mit etwa 500 Insassen belegt, vor allem Franzosen, Polen und Tschechen. Im Februar 1945 kamen viele jüdische Häftlinge hinzu, die aus dem geräumten KZ Auschwitz stammten. Mit ihrer Ankunft erhöhte sich die Anzahl der Gefangenen in Holzen auf über 1.100. Zugleich schnellten die Todeszahlen nach oben. Am Ort starben mindestens 30 Häftlinge. Tatsächlich war die Todesrate aber höher, denn die SS brachte immer wieder Häftlinge, die sie als arbeitsunfähig aussonderte, im Austausch gegen "frische" Gefangene zurück nach Buchenwald. Dort starben sie nach wenigen Tagen.

Leserkommentare
  1. 'weitere 170 Menschen ermordeten SS, Wehrmacht, Polizei und Bürger von Celle bei der anschließenden Hatz auf flüchtige Gefangene.'

    Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, um ihn genauer analysieren zu koennen.

    Bei aller berechtigten Aufregung um Menschen wie Guenther Grass und Derrick, die jetzt von manchen wie Paria behandelt werden, haben wir es uns als Gesellschaft nicht allzu leicht gemacht, die Schuld am Holocaust auf die SS allein zu schieben, und manche anderen Taetergruppen, wie Polizei und Buerger, auszuklammern?

    Gerade die deutsche Polizei hat noch viel Nachholbedarf, was ihre Beteiligung an der planmaessigen Vernichtung der 6 Millionen und anderer Opfergruppen angeht.
    http://en.wikipedia.org/w...

    Dass angesichts ihrer eigenen duesteren Vergangenheit sich die deutsche Polizei juengster Tage anschickt, das Ehrenkomissariat des verstorbenen Derrick-Darstellers Horst Tappert zu ueberpruefen, wirkt eigentlich grotesk. Denn es gab gerade in den Raengen der deutschen Polizei viel schlimmere Taeter, als jemanden, der in jungen Jahren vom NAZI-Regime als Kompaniesanitaeter in die Raenge einer Kampfeinheit gelockt wurde.

    6 Leserempfehlungen
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    Schauen Sie doch in die Zeitungen, wir tun doch nichts anderes mehr. Diese Berufsbetroffenheit, die auch Ihren Kommentar durchdringt regt mich auf. Gerade das ist es, was ein Klima schafft, dass im: "Ich kanns nicht mehr hören!" gipfelt. Ich habe mich nach der Lektüre verschiedener Bücher kaum beruhigen können, als ich z.B. über die Ermordung von Kindern in den KZs las. Allerdings hatte ich das gleiche Gefühl während eines Dokumentarfilms über den Genozid in Ruanda. Die Aufarbeitung gut und schön, aber wichtiger ist mir das hier und jetzt, besonders da selbst meine Eltern noch kleine Kinder während des Krieges waren. Und noch etwas hierzu: "Dass angesichts ihrer eigenen duesteren Vergangenheit sich die deutsche Polizei juengster Tage anschickt, das Ehrenkomissariat des verstorbenen Derrick-Darstellers Horst Tappert zu ueberpruefen, wirkt eigentlich grotesk." Was hätten Sie denn kommentiert, wenn sie das nicht gemacht hätten? Dass diese Dokumente jetzt aufgetaucht sind, ist bestimmt von großer Wichtigkeit für die Familien der Opfer, Ich finde es schade, dass sich der Herr erst jetzt dazu durchringen konnte, sie abzugeben.

    hinzu zieht- http://www.zdf.de/ZDFmedi... -dann weiß man, warum die 68er Bewegung dringend nötig war.

    • Varech
    • 07. Mai 2013 22:17 Uhr

    Gut und wichtig, die Geschichte geht direkt unter die Haut.

    Man ist sich einig, und da wird es kaum jemandem auffallen, dass an manchen Stellen wort-wörtlich steht, was der Autor nicht gemeint haben kann. Dazu muss man wohl auch eigentlich Fremdsprachler sein, der immer gleich ans Übersetzen denkt.

    Von alldem abgesehen, hätte es mich doch auch interessiert, ob jemand den "älteren Herrn" gefragt hat, was ihn denn motiviert hatte, die Zeichnungen so lange für sich zu behalten.

    2 Leserempfehlungen
  2. ....auf das wir niemals vergessen !
    Nie wieder Faschismus !

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  3. Schauen Sie doch in die Zeitungen, wir tun doch nichts anderes mehr. Diese Berufsbetroffenheit, die auch Ihren Kommentar durchdringt regt mich auf. Gerade das ist es, was ein Klima schafft, dass im: "Ich kanns nicht mehr hören!" gipfelt. Ich habe mich nach der Lektüre verschiedener Bücher kaum beruhigen können, als ich z.B. über die Ermordung von Kindern in den KZs las. Allerdings hatte ich das gleiche Gefühl während eines Dokumentarfilms über den Genozid in Ruanda. Die Aufarbeitung gut und schön, aber wichtiger ist mir das hier und jetzt, besonders da selbst meine Eltern noch kleine Kinder während des Krieges waren. Und noch etwas hierzu: "Dass angesichts ihrer eigenen duesteren Vergangenheit sich die deutsche Polizei juengster Tage anschickt, das Ehrenkomissariat des verstorbenen Derrick-Darstellers Horst Tappert zu ueberpruefen, wirkt eigentlich grotesk." Was hätten Sie denn kommentiert, wenn sie das nicht gemacht hätten? Dass diese Dokumente jetzt aufgetaucht sind, ist bestimmt von großer Wichtigkeit für die Familien der Opfer, Ich finde es schade, dass sich der Herr erst jetzt dazu durchringen konnte, sie abzugeben.

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    Aehnlich der Ausstellung 'Verbrechen der Wehrmacht' von Jan Philip Reemstma wuerde ich mir internationale Wanderausstellungen mit Titeln wie 'Verbrechen der deutschen Polizei' und 'Verbrechen der deutschen Buerger' wuenschen. Denn nur so kann ueber die wahre Dimension der deutschen Schuld aufgeklaert, und verhindert werden, dass nicht die meisten Tater im Laufe der Zeit irgendwann durch Vergessen und Verdraengen rehabilitiert werden.

    Die jetzt geretteten Dokumente sind Kulturschaetze von immenser Bedeutung, und wuerden sich hervorragend dazu eignen, solche Wanderausstellungen mit den Gesichtern der Opfer auszufuellen.

    • cielo
    • 09. Mai 2013 15:11 Uhr

    dieser Teil der dt. Geschichte ist dann aufgearbeitet, wenn es niemanden mehr nervt, dass darüber gesprochen wird, sondern in dem Gespräch etwas Neues versucht wird zu entdecken.
    Es kann natürlich nicht ewig etwas Neues geben, aber mit der eigenen Entwicklung ändert sich die Betrachtungsweise ständig - so bleibt es immer spannend!
    Außerdem berühren mich solche Nachrichten über die gefundenen Bilder und das Vergessen wird gestoppt. Dann darf man gerne auch an Ruanda, die Eroberung Südamerikas oder Afrikas denken. Unrecht sollte man nicht vergessen, damit man nicht versehentlich wieder in so etwas rein tappt, auch als Mitläufer oder Nichtssager!

    c.

  4. hinzu zieht- http://www.zdf.de/ZDFmedi... -dann weiß man, warum die 68er Bewegung dringend nötig war.

  5. Aehnlich der Ausstellung 'Verbrechen der Wehrmacht' von Jan Philip Reemstma wuerde ich mir internationale Wanderausstellungen mit Titeln wie 'Verbrechen der deutschen Polizei' und 'Verbrechen der deutschen Buerger' wuenschen. Denn nur so kann ueber die wahre Dimension der deutschen Schuld aufgeklaert, und verhindert werden, dass nicht die meisten Tater im Laufe der Zeit irgendwann durch Vergessen und Verdraengen rehabilitiert werden.

    Die jetzt geretteten Dokumente sind Kulturschaetze von immenser Bedeutung, und wuerden sich hervorragend dazu eignen, solche Wanderausstellungen mit den Gesichtern der Opfer auszufuellen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Noch mehr Aufarbeiten?"
    • cielo
    • 09. Mai 2013 15:11 Uhr

    dieser Teil der dt. Geschichte ist dann aufgearbeitet, wenn es niemanden mehr nervt, dass darüber gesprochen wird, sondern in dem Gespräch etwas Neues versucht wird zu entdecken.
    Es kann natürlich nicht ewig etwas Neues geben, aber mit der eigenen Entwicklung ändert sich die Betrachtungsweise ständig - so bleibt es immer spannend!
    Außerdem berühren mich solche Nachrichten über die gefundenen Bilder und das Vergessen wird gestoppt. Dann darf man gerne auch an Ruanda, die Eroberung Südamerikas oder Afrikas denken. Unrecht sollte man nicht vergessen, damit man nicht versehentlich wieder in so etwas rein tappt, auch als Mitläufer oder Nichtssager!

    c.

    Antwort auf "Noch mehr Aufarbeiten?"

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